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Der Israelit · 1864-09-07 · Heft 36 (7.9.1864) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 36 (7.9.1864)
Date
1864-09-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage za Nr. 36 des Israelit. Leitender Artikel. Die Äffaire Coen. lieber die schon erwähnte Bekehrung des Judenknaben Coen in Rom ist im „Giornale di Roma" eine offizielle Darstellung erschienen, welche den Angriffen der Presse in dieser Sache entgegenzutreten bestimmt ist. Nach alter Tradition stehen die Juden in Rom unter dem Schutze Frankreichs. In Folge dessen soll sich auch der französische Botschafter für die Rückgabe des Knaben, natürlich erfolglos, verwendet haben. Nach der Darstellung des officiellen Blattes wurde der 11jährige Knabe Giuseppe Coen vor 2 Monaten von seinen Eltern zu einem in der Nähe des Ghetto wohnenden katholischen Schuhmacher in die Lehre gegeben. Hier soll derselbe in Folge der freundlichen Behandlung den Entschluß gefaßt haben, zur christlichen Kirche überzutreten. Aus seine Bitten brachte ihn der Meister am 25. Juni in das Haus der Katechumenen in Gemeinschaft mit einem „wirklichen Anverwandten" und einem neapolitanischen Priester. Ter Knabe wiederholte nun vor dem Rector der Anstalt und dem Cardinal, welcher die Aufsicht über das Institut führt, seinen Entschluß, Christ zu weckten, worüber ein notarieller Act ausgenommen wurde, in welchem der Knabe erklärte, durch keine Einschüchterungen oder Versprechungen, sondern einzig durch eine Bewegung seines Gemüths zu seinem Entschluß bestimmt zu sein. Das officielle Blatt sagt weiter, daß man den Versuch gemacht habe, den freiwilligen Entschluß des Knaben in Gegenwart seines Vaters zu constatiren. Dieser sei aber der Einladung zu diesem Zweck nicht gefolgt, habe sich vielmehr geweigert, jeder Prüfung beizuwohnen. Die Versuche sollten aber nach den Bestimmungen der von Benedikt XIV. unter dem 28. Februar 1747 erlassenen Constitution fortgesetzt werden, den Vater zur „Anhörung der Erklärung seines Sohnes" zu bestimmen. Von Paris, 20. August, schreibt man dagegen der „Presse": Die Nachricht des „Courrier du Dirn anche",*) daß der französische Minister des Auswärtigen an den Grafen Sartiges in Rom eine Depesche expedirt habe, in welcher er sich mit Festigkeit und Strenge der Affaire Coen und der so gewaltsam verletzten Gewissensfreiheit annehme, wird mir von so guter Hand bestätigt, daß ich kein Bedenken trage, sie Ihnen durch den Telegraphen zu übermitteln. *) Sieh, Israelit Nr. 35, S. 472. In dieser totalen politischen Windstille ist selbst ein so kleiner, sanfter Luftzug, wie er hier vom Quai d'Orsay über die Alpen geweht zu haben scheint, ein Ereigniß. Das großartige Schweigen, in welches sich die Tuilerien seit einem halben Jahre dem Auslande gegenüber gehüllt haben; der Umstand, daß ein so gut katholischer und päpstlicher Minister, wie Herr Drouyn de Lhuys, es ist, welcher gegen den Vatican die Feder führt; endlich daß dieser Zwischenfall mit einem Hofereignisse zufammenfällt, welches man bisher nur als eine neue Bürgschaft des guten Einvernehmens zwischen dem Haupte und dem ältesten Sohne der Kirche aufgefaßt hat, alles Dieß kann nicht verfehlen, dem diplomatischen Aktenstücke, welches soeben in der „Ewigen Stadt" eingetroffen ist, eine mehr als gewöhnliche Bedeutung zu verleihen. Die Wiener „Verfassung" sagt zu diesem Falle: „Uns interessirt weder die weltliche Herrschaft des Papstes, noch der christlich-katholische Judenknabe. Wir halten es nur für nothwendig, auch in dieser Sache den allgemein menschlichen Standpunkt zu betonen und von diesem Standpunkt aus erscheint uns die neue Mortara-Geschichte im höchsten Grade verwerflich. Wir sehen in derselben nichts als einen Act der wildesten Barbarei. Ja, Barbarei! und zwar eine solche, gegen die Seeräuberei, Menschenhandel rc. verschwinden, weil sie in unserer Zeit und von Männern verübt wird, die das Wort des Herrn predigen! Der Priester, der den kleinen Coen seinen Eltern entführte, ist in unseren Augen nichts Anderes, als ein moralischer Garotter, der seinem Opfer eine kirchliche Schlinge um den Hals wirft. Ist es etwa human, wenn man Ellern ihre Kinder gewaltsam - raubt? Ist es human, wenn man die Mutier, deren Herz vor Kummer bricht und die von einer gewali tigen Sehnsucht nach ihrem Kinde erfüllt ist, in den Kerker wirft, um von ihren Bitten nicht mehr belästigt zu werden? Dieß Alles ist jetzt in Rom geschehen! Hier ist es Pflicht aller Staaten, einzuschreiten, um einem solchen Treiben ein Ende zu machen. Was heute den jüdischen Eltern geschah, kann morgen protestantischen oder andern «katholischen Eltern geschehen« Dieß soll aber nicht geschehen! Wohl ist die Kirche mächtig, aber so mächtig kann sie nicht sein, um die zwischen Eltern und Kindern bestehenden Bande gewaltsam zu zerreißen. Europa bedroht die Türkei, wenn einem raubenden Montenegriner ein Haar gekrümmt wird; man schickt Schiffe nach Marocco, Tunis und Gott weiß wohin, wenn es sich um die Interessen der Humanität handelt, warum sollte man also Rom allein es gestatten, die Civilisation und die Humanität mit Füßcn m treten? Der französischen Regierung gebührt alle Amrkennung

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