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Der Israelit · 1864-09-07 · Heft 36 (7.9.1864) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 36 (7.9.1864)
Date
1864-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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480 ganz Deutschland zu gründen, zumal da der religiöse Standpunkt des Countys ein durchaus einseitiger ist, so daß der gesetzestreue Jude sich schon deßhalb davon fern zu halten veranlaßt sieht. Der Verein will auch ein Jahrbuch herausgeben, mit dessen Redaction Herr vr. Leopold Stein aus Frankfurt a. M. betraut worden ist. Hieraus kann man wohl schon auf die Tendenz des Jahrbuchs schließen, die es dem gesetzestreuen jüdischen Lehrer unmöglich machen wird, sich für die Verbreitung desselben zu interessiren. Unsere Berichterstatter weisen noch darauf hin, daß die Mittel des Vereins durchaus unzureichend sein müssen, da die Hilfsquellen desselben in einem geringfügigen jährlichen Beitrag (2 Thlr.) der Mitglieder bestehen sollen. — Wir haben uns begnügt, das Vorstehende aus den uns zugekommeuen Berichten auszuziehen, da wir nicht gern die harten Ausdrücke derselben reproduciren möchten; andrerseits glaubten wir auch, das oben Bemerkte unfern geehrten Lesern nicht verschweigen zu dürfen. Oesterreichischer Kaiserstaat. S. a. Ujhely, Ende August. Ein berühmter französischer Schriftsteller spricht irgendwo den Wunsch aus, daß begabte Federn eine dem Geiste, dem Herzen, dem Zustande des Volkes in allen seinen Abstufungen entsprechende Literatur schreiben müssen. Aber nehmen wir von dem Begriff des „Volkes" die Allgemeinheit und fassen darunter den Juden der Gegenwart insbesondere, so ist jener Wunsch um so gerechtfertigter, je weniger für ein echtjüdisches Volksschriftthum neuester Zeit geschah, während noch unsere Eltern eine ganze Literatur desselben kannten. Und das war zu jener Zeit, als selbst der ärmste Jude etwas „gelernt" hatte; als er noch stand über rem Niveau seiner nichtjüdischen Umgebung und er auch seine Kinder nicht aufwachsen ließ in der traurigen Unwissenheit des Proletariats, welches keine Belehrung und geistige Erhebung aus den Schriften seiner Weisen zu schöpfen vermag. Anno dazumal verstand sowohl der Niedere als der Vornehme, der Geringe wie der Hohe, sich die Bibel in der Ursprache mindestens partieweise zu deuten und aus ihren heiligen Sätzen richtige Confcquenzen für das Leben zu folgern, so daß nicht selten einem einfachen Trödeljuden ein hebräischer Kernspruch entschlüpfte, ein Samenkorn des Heils, ein Licht, das die Herzen erwärmt, wie wir es bei andern Confefsiouen (und nunmehr leider auch bei uns Juden!) nur von den Gelehrten von Fach zu hören bekommen. Ja, das war noch vormals so, als die Masse der Juden auch gar nicht aufgeklärt that, sondern sich in frommer Einfalt aus ihrer guten Volksliteratur Erholung von den überstandenen Mühen des Tages und der Woche holte. Aber wie das anders geworden ist! Jetzt würden die Allerwenigsten nur sich mit einem Menorath ha Maor in der Hand nicht mit tiefem Erröthen ertappen lassen. „Wofür wären wir sonst Kinder des 19. Jahrhunderts, wenn uns die Geistesproducte der Gegenwart fremd blieben, und wir an den bornirten Begriffen einer lichtscheuen Vergangenheit Geschmack fänden!" Also hört man die intelligente Jugend um des begangenen Unrechtes, um nicht zu sagen: Verraths gegen die Erzeugnisse unserer Heimgegangenen Größen sich entschuldigen, und sie heißt es in ihrer Unwissenheit nobel, an den schlüpferigen Nomanen, diesem überzuckerten Seelengift, Gefallen zu finden. Kennen unsere Jünglinge nicht unsere Denker und Dichter? Trinken sie nicht aus dem lautern Quell der Gotteserkenntnis;, den unsere Philosophen, die hervorragendsten Philosophen aller Jahrhunderte gegraben? O nein! Doch dafür wissen sie die Namen der ausgezeichneten Autoren Englands, Frankreichs, Deutschlands ziemlich geläufig an den Fingern herzuzählen und auch manchen hübschen Vers mit richtigem Pathos zu recitiren. .... Selbst die alten clasiischen Werke der Griechen und Römer, sie werden dem Einen und dem Andern nicht fremd sein. Fragt sie jedoch nach den Geistesheroen ihres Volkes, so werden sie verlegen drein schan'n und ausweichend antworten. Denn sollten sie noch würdigen können, was sie nicht verstehen!! Deßhalb steht es fest, daß Unwissenheit, nichts als Unwissenheit auf" jüdisch-theologischem und ästethischem Gebiete die Quelle des erbärmlichen Unglaubens ist, der hüben und drüben mit einer Art Ostentation zur Schau getragen wird. Und das Unheil begnügte sich keineswegs mit einer Zerfahrenheit der Gemeinden und Individuen, sondern dehnte sich bis auf das häusliche Leben aus, welches früher bei dem Juden innig, thejlnahmsvoll, keusch war, was es heutzutag leider nur in den seltensten Fällen ist. Wahrlich, es ist so, und ich sage es nicht, weil ich daran Gefallen finde , die Schattenseiten der Gesellschaft zu zeichnen und eine Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart herauszussreichen. Wie sollte ich es, der ich noch in dem rüstigen Mannesalter stehe, das nicht gerne rückwärts blickt, während es die Gegenwart im lautern Nimbus der Hoffnung vor sich hat. Darum fällt mir nicht im Entferntesten ein, den griesgrümischen Splitterrichter machen zu wollen. Und dennoch, dennoch! um wie viel edler waren die Empfindungen meiner guten, früh Heimgegangenen Mutter, die nur ihren Zeena üreena gekannt, d. h. ihn fast buchstäblich auswendig gewußt, und um wie viel wahrhafter und reiner war ihr Leben, als das der seingebildeten Damen, die sich an den wundsrbaren Phantasiegestalren der modernen Literatur zu ergötzen vermögen: Das kömmt wohl daher, weil meine Mutter ein echtjüdisches Herz besaß, seelenvoll, zärtlich

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