Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1864)
- Date
- 1864-08-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Rr. 35 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Oesterreichischer Kaiserstaat. Arad. Hier starb unlängst die Wittwe Esther Weiruandi im Atter von 107 Jahren. Sie wurde im Jahre 1757 in der Moldau von sephardischen Eltern geboren, wurde zu Konstantinopel erzogen, verheiratete sich in einem Alter von 12 Jahren und lebte 75 Jahre lang in Arad. Sie hatte 13 Kinder, von denen das älteste 94 und das jüngste 61 Jahre alt ist. Sie war niemals krank gewesen, war bis an ihren Tod rüstig und im Vollbesitz aller ihrer Sinne, so daß sie noch ohne Brille zu lesen vermochte. Italien. Aus Ferrara wird den „Arch. isr." über die Entführung des Joseph Cohen zu Rom Folgendes geschrieben: „Ein israelitischer Knabe im Alter von 11 Jahren, Sohn von Michael und Fortunata Cohen arbeitete bei einem Schuhmacher an der Brücke Quatro Casio Nr. 13. Ein Priester, welchem der friedlichd Charakter und der Fleiß des Kindes gefielen, dachte mit Schmerz an das traurige Loos dieses Unglücklichen, der da verdammt sei. hienieden ein Leben voll Arbeit und Mühe zu führen, um dereinst in die Hölle zu fahren. Er faßte daher den edlen Entschluß, ihn zu retten und seine Wiedergeburt durch das Wasser der Taufe zu veranstalten. Um diesen edlen Entschluß auszusühren, bat der Priester den Schuhmacher, ihm durch diesen Knaben die Stiefel zu schicken, welche er hatte ausbefsern lasten. Der junge Israelit begibt sich' ohne irgend einen Verdacht zu dem Kunden seines Meisters; er wird hier mit honigsüßer Freundlichkeit empfangen, in einen Wagen gezogen und zu den Kathechumenen geführt, wo er trotz Weigerung und Thränen eingeschlosien wird. Man denke sich die Verzweiflung der Ettern, da sie zur bestimmten Zeit ihr geliebtes Kind nicht sehen, und der Meister versichert, daß er von. dessen Verbleiben nichts wisse. Endlich schöpft der Vater einen Verdacht, den zu hegen in Frankreich oder in andern freien Ländern unmöglich wäre — er schöpft den Verda cht, daß ein Seelenjäger sein Kind gestohlen habe, da ß man es mit Gewalt an einen Ort geschleppt habe, wo man jedes Band bricht, welches den Menschen mit seinen Freunden, mit seiner Familie, mit seinem Gotte vereint, an einen Ort, wo man ihm unter dem Vorwände, ihm das ewige Seelenheil zu verschaffen, Haß und Verachtung gegen seine ehemaligen Brüder einflößt. Kaum hat der Unglückliche die Gewißheit erlangt, daß seine Befürchtungen begründet seien, so verlangt er seinen Sohn zu sehen und mit ihm zu sprechen... unmöglich! Die Vorsteherschaft der jüdischen Gemeinde bemüht, sich ebenfalls vergeblich. Zorn und Unwille über diesen Vorgang hat sich sogar der christlichen Bevölkerung bemächtigt. Unterließ gibt das officielle „Römische Journal" eine Erklärung über den eben besprochenen Vorfall. Es behauptet, dieser Knabe habe aus dem Umgänge mit Katholiken Belehrung und Neigung zum Katholicismus eingesogen. Sein Brodherr habe erst auf dessen dringende Bitten eingewilligt, ihn in das Haus der Katechumenen zu bringen, wo sich aus einem vor Zeugen abgehaltenen Examen der freiwillige Enschluß des neuen Zöglings ergeben habe. Diese Prüfung sei sodann vor dem Cardinalrector des Instituts in Frascati mit gleichem Resultate wiederholt worden; der Vater des Knaben aber, aufgefordert, in Rom Zeuge der Bekenntnisse seines Sohnes zu sein, und mit ihm der Secretär der israelitischen Gemeinde, habe sich geweigert, dem Verhör persönlich beizuwohnen. Die Zeitung erklärt, daß man die Prüfungen des Knaben in legaler Weise wiederholen und dann der Constitution Benedicl's XVI. gemäß verfahren werde. Es ist viel und muß als ein Fortschritt oder doch als ein Zugeständniß an die öffentliche Meinung betrachtet werden, daß die officielle Zeitung Rom's überhaupt sich genöthigt sah, über diesen Vorfall sich vernehmen zu lassen. Aus Rom wird der „Patrie" die Verhaftung der Israelitin Frau Cohen mitgetheilt. Nach dem Raube des Sohnes mußte die Mutter gefangen gesetzt werden. „Diese Mutter, welche ihren Schmerzensruf hat ertönen lassen," sagt der Correspondent, „die ohne Erfolg an alle Thüren klopfte, damit man ihr das Kind wieder gebe, hat die Aufmerksamkeit der römischen Polizei auf sich gezogen. Die päpstlichen Gensdarmen haben sich dieser unglücklichen Frau bemächtigt; sie war vor Verzweiflung fast wahnsinnig geworden, nachdem sie mehrere Male täglich sich vom Ghetto nach der Thür der Kathechumenen geschleppt hatte, um ihren Sohn wieder zu sehen, aber immer ohne Erfolg. Das Verfahren der päpstlichen Regierung in dieser Angelegenheit, welche an die Entführung des jungen Mortara erinnert, hat allgemeinen Unwillen erregt."