Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1864)
- Date
- 1864-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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466 worden. Ms deßhalb auch in Eßlingen ein officiöser Redner sich erlaubte, auf diese angebliche Zustimmung z. B. des sel. Rabbiners Gabriel Adler in Oberdorf sich zu berufen, wurde authentisch erwiedert, daß derselbe und seine Gesinnungsgenossen von den übrigen Rabbinen und Laien nur majorisirt worden seien, und diese zeitlebens es bereuet hätten, an jenen Berathungen um des herrschenden Patrons willen Theil genommen zu haben. Ein Armuthszeugniß aber ist es jedenfalls für Reformrabbinen, daß man sich nicht auf sie, sondern auf die orthodoxen Rabbinen Adler, Wassermann, Mainzer rc. berufen muß, wenn man bei unserem Volke auf Vertrauen und Zustimmung spekuliren möchte. Selbst ein Philippson gibt in seinem jüngsten Leitartikel über den jüdischen Gottesdienst seufzend zu, daß die Reform trotz 25jährigen Kampfes nur höchst unbedeutende Erfolge errungen, und die Umgestaltung nur äußerst geringe Fortschritte gemacht habe. Die Reform konnte zerstören, aber nicht aufbauen. Dieser alte jüdische Gottesdienst lebt noch heute, enthält heute noch die höchsten Elemente der Erhebung, der Innigkeit, der Andacht, der Befriedigung und der lautersten Frömmigkeit. War man bisher mit der Gottesdienstordnung, wie jener württemb. Correspondent behauptet, allgemein zufrieden, so hätte Stuttgart am wenigsten das böse Beispiel geben sollen, so gründlich von ihr abzuweichen und damit die Orhodorie zu ermuntern, Gleichberechtigung auf religiösem Gebiete zu heischen. Euer sogenannter Fortschritt dünkt uns Rückschritt, und was ihr Rückschritt nennt, ist heilsame Umkehr auf den guten Weg, von dem man uns immer weiter und weiter ableiten wollte. Unsere Petition an die Ständekammer, nicht von „einigen" sondern von circa 700 „Handelsleuten" unterzeichnet, ist der Staatsregierung zur Erwägung, und von dem liberalen Chef des Kultministerium die Zusage gegeben worden, Mißständen Vorbeugen zu wollen, sobald sie ihm zur Kenntniß kämen. Wir hätten uns damit beruhigen können, zumal die Versammlung in Ulm und Eßlingeu übereinstimmend mit uns dahin tendiren, das gegenwärtige Kirchenregiment an Haupt und Gliedern zu verbessern, die Autonomie der Gemeinden zu vergrößern, die specifisch jüdische Bildung des Religionsdiener zu erhöhen, den hebräischen Unterricht der Jugend zu erweitern rc., allein die Kreaturen der Kirchengewalt haben, weil sie unseren Principien nicht beikommen können, schweifwedelnd es nicht verschmäht, unsere Worten zu verfälschen und unsere Absichten zu verdächtigen. Das hierarchische Gelüste nach Fortbestand der bisherigen Herrschaft selbst in weltlichen Dingen haben jene 3 Rabbiner kundgegeben, welche in der Ulmer Versammlung anwesend waren und in unseren württ. Blättern später nur dagegen eine gemeinschaftliche Protestation erhoben, daß die Rabbinen nimmer den Vorsitz im Kirchenvorsteheramt führen sollen. Auch dem Correspondenten in der„Ztg.d.Judenth." ist es wesentlich darum zu thun, dem Rabbinen diesen Präsidentenstuhl zu reserviren, da er wohl aus eigener Erfahrung wissen mag, wie selten diese Herren auf den M -ws .-i-rii.-i sich zu setzen pflegen. Während aber von Ulm die Initiative hiezu ausgegangen, und Eßlingen nicht einmal zugeben wollte, daß die Rabbinen zum Vorsitz wählbar sein sollen, während also die Reformjuden ihren Reformrabbinen damit ein einhelliges, entschiedenes Mißtrauensvotum zu erkennen gegeben haben — '2 IMS s.m — schüttet doch unser Gegner der Hohenbucher Versammlung allein auch diese angebliche Schuld in die Schuhe und begeht, indem er pro äowo redend die Autorschaft verräth, wieder ein Falsum, wie auch durch die Behauptung, daß wir auch der Predigt nur facultatives Recht noch einräumen wollten, während unser desfallsiger Antrag sich nur auf die deutschen Gebete erstreckt, für deren Verrichtung eine bestimmte Taxe zu bezahlen ist — Ehrenrührig werden hiebei die Württemberger Juden für unfähig gehalten, ohne die amtlichen Mitglieder die Verwaltung besorgen zu können, und ihnen Bestechlichkeit und Verwandtschaftsrücksichtsnahme vorgeworfen, ihre Stimme geringgeschätzt, weil sie nur von „Handelsleuten" komme (und doch gehören wohl der Bevölkerung diesem Stande anl) dagegen aber wird selbstgefällig behauptet, daß die Rabbinnen durch ihre „Gewissenhaftigkeit und Intelligenz" eine Garantie gegen Parteilichkeit böten. Wir aber glauben und wissen, daß in den Orten, wo keine Rabbinen sind — und deren sind es der Gesammtzahl — die Kirchenvorsteherämter ebensogut und manchmal viel besser geleitet werden, daß viele, insbesondere die vom Ausland gekommenen Rabbinen in Kenntniß der Verwaltung urü> der Landesgesetze rc. von vielen Vorstehern übertroffen werden, daß der Rabbine sehr oft persönliche Angelegenheiten im Collegium vorzutragen hat, zu deren Förderung ihn dann seine Stellung darin begünstigt, daß eine Besoldung von 650 fl. — 800 fl. den Rabbinen nicht so unabhängig macht, auf Honorare für die Kasualien keine Rücksicht nehmen zu müssen, und daß Kollisionen im Vorsteheramt ihm oft seinen eigentlichen Beruf erschweren. Wir vertrauen dem gesunden Sinne unseres Volkes, daß es auch ohne die jetzigen Präsidenten für seine Gemeindebehörde, heißen nun deren Mitglieder Parnasim oder Vorsteher, die rechten Männer wählen und finden werde. Indem unser Gegner behauptet, „unser Verlangen sei ein ganz anderes, als es scheint" erfrecht er sich, Wünsche Einzelner als Beschlüsse der Gesammtheit anzuführen und die wirklichen Beschlüsse durch absichtliche Weglassung und Einschaltung wichtiger Worte zu fälschen, zu verdrehen und zu verkehren, nach der