Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1864)
- Date
- 1864-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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455 welche, ursprünglich Juden, sich früher durch die mißgünstigen politischen Zeitverhällmfse allein um die ihnen gebührende Anstellung zu erhalten, veranlaßt sahen, zum Christenthum überzugehen. — Von den medizinischen Größen gehölt Professor Traube zu den ersten Autoritäten, welche Europa kennt. Zu ihm, dem ausgezeichneten Kenner und Erkenner innerer Krankheiten kommen nicht weniger wie zu dem berühmten Augenoperateur Gräfe und Chirurgen Langendeck aus allen Enden der Welt Patienten. Er ist als der Begründer einer ganz neuen Heilmethode zu betrachten, nämlich der Erkennung innerer Krankheiten durch das Gehör und zwar nicht nur aus der Percussion,, dem Klopfen auf die Brustwendnngen des Patienten, sondern allein aus dem Horchen auf das Geräusch, welches der innere Blutumlauf heroorbringt. Man kann sich denken, welches geübte und feine Gehör hierzu nöthig ist; und es ist ein seltsamer Anblick, den Professor auf dem Katheder zu sehen, die Ohren stets verstopft mit einer gewaltigen Baumwolleneinlage. Aber nicht allein an den Lehrern erkennt man den immer regen Antheil der Juden an Allem, wozu Geist und Verstand gehört; unter den Studenten selbst z. B. in allen wissenschaftlichen Vereinen, welche hier bereits beginnen, die mittelalterlichen Verbindungen, Corps, u. s. w., mit ihren Bändern und Abzeichen, vollständig zu verdrängen, stehen als Leiter und Leuker jüdische Commilitonen obenan, und es vergeht selten ein Jahr, wo nicht bei den wissenschaftlichen Prämienausschreiben an dem Preisgewinn auch ein Jude participirt. Auch ein eclatantes Beispiel, mit welcher Lebhaftigkeit Alles, was hier auf geistigem Gebiete Neues in die Welt tritt, von den Juden ausgenommen und gefördert wird, sei folgendes erwähnt: Es steht zur Zeit in Berlin die Sache der Fröbel'schen Kindergärten, gestützt auf Friedrich Fröbels ausgezeichnete Erziehungsmethode, in vollster Blüthe. Dieses erfreuliche Resultat wäre. ohne die geistige Empfäng lichkert hiesiger Juden vielleicht niemals erreicht worden. Denn als vor 5 Jahren beim Beginn der neuen Aera Fröbels Erziehungslehre nach Berlin kam, die bis dahin von der Reaktion verdammt und in Preußen verboten war, und die begeisterte Anhängerin Fröbel's und sein eifrigster Apostel, die'Baronin v. Marenholz Bülow in Berlin über die neue Lehre Vorträge hielt, da waren es einzig und allein ihre jüdischen Zuhörer und Zuhörerinnen, die, während die Anderen das Gute zwar anerkannten, aber vor jeder Selbstthätigkeit träge zurückschreckten, sogleich frisch und eifrig zur That schritten und in kurzer Zeit einen Kindergarten gründeten, der noch jetzt unter der sorgj samen Leitung des hiesigen jüdischen Frauenvereins kräftig gedeiht und segensreiche Früchte bringt. — I Ueberall in dem so überaus regen Berliner Vereins-! leben, in Stadtverordnetenversammlungen, Handwerker- > vereinen, Turngenossenschaften, bei politischen und Wahlversammlungen, in Bezirksvereinen und wie sie nur immer heißen mögen, walten und wirken jüdische Kräfte mit, und ihre Namen sind stets von Einfluß und Geltung. — Das ganze gewaltig große Jndustrieleben Berlins, welche in den letzlen Decennien zu einem nie geahnten Aufschwung emporgediehen ist, bietet natürlich dem jüdischen Kaufmann ein weites und reiches Feld seiner Thätigkeit. Ein guter Theil der himmelhohen ewig rauchenden Schornsteine in den Fabrikvierteln der Stadt gehört jüdischen Besitzern, und Tausende von Nädern und Maschinen, von dem gefesselten Weltbezwinger des neunzehnten Jahrhunderts, dem Dampf, getrieben, spinnen und schnurren für sie. Und die Größe und Bedeutung all dieser ruhelosen Thätigkeit tritt mit grellem Contrast dann am sichtbarlichsten zu Tage, wenn die Lüden und Hallen der Industrie geschlossen stehen, wenn die Säulen und Frescogemälde des Börsenpalastes zur Mittagszeit verwundert herabschauen auf die ungewohnte Leere und Stille zu ihren Füßen, an jenen Tagen, wo der schmetternde Ton des Schofar's mahnend schlägt an das Ohr eines jeden Sohnes Israel und ihn hinwegruft aus dem profanen Treiben des Alltagslebens zu den Stätten des Gebets und der Andacht. Der Jomkipnr bildet den Höhepunkt dieses Gegensatzes. Dann schreitet der Fuß durch manche öde und verlassene Straße, die sonst vom Menichenverkehr wimmelt. Aber des Abends, beim ersten Sternenfunkel, schürst du in der Nähe der Synagoge eine unabsehbare Reihe Karossen und Equipagen, bereit, die vom Fasten erschöpften Beter heimzuführen zum Imbiß und fröhlichen Schmause, - und wenn Du genauer hinbliM, siehst Du wohl beim Einsteigen noch auf manchem edlen Frauenantlitz, auf manchem bärtigen Männergesicht eine Thräne glänzen, die zurückblieb von dem letzten ergreifenden Nachrufe: „Hasedein bu daslodim *) Leopold Jacoby. Ateuß, im August. Die hiesige israelitische Gemeinde hatte die Stadtgemeinde um eine Beisteuer zu ihrem Synagogenbau angesprochen. Die Stadtverordneten erklärten hierauf, daß sie eine moralische Verpflichtung dazu anerkennen, und daß sie der israelitischen Gemeinde deßhalb einen Beitrag von zweitausend Tha lern lein Beitrag, welchen die hiesigen Israeliten seit Einführung der Communalsteueuer (1632) bis heute zu den Cultuskosten der beiden christlichen Confessionen geleistet haben) votiren, — ein Beschluß, welcher dem Villigkeitgtfühle unserer Bürgervertretung alle Ehre macht, und den anderen Gemeinden zum leuchtenden Beispiel dienen möge. (Fr. I.) *) Aam. der Red.: Wollte Gott, daß der Sabbat in Berlin auch so allgemein gehalten würde! —