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Der Israelit · 1864-08-24 · Heft 34 (24.8.1864) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 34 (24.8.1864)
Date
1864-08-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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454 Carrikatur des Judenthums einnehmen; er merkt es, daß ein dem Judenthum fremder Laien- und Priesterstand in die Judenheit eingeschmuggelt werden soll, daß der moderne Rabbiner Alleinherrscher sein will über die unselbstständige Gemeinde. Dieses Niederdrücken von der einen Seite und die Gegenwehr von der andern ruft alle diese Heikeleien hervor. Wo soll die Achtung vor dem Rabbiner als Lehrer des Gesetzes Herkommen, während dieser durch all sein Thun und Handeln das Gesetz mißachtet? Das fühlen diese Leute alle recht gut und sind deßhalb auch daran, Manches wieder bei sich einzusühren, was vom Herrn Rabb. als nutzloser Plunder bei Seite geworfen wurde. Zwar find die Zeichen der Umkehr noch schwach, aber nur eine kräftige Hand,— sie kann recht bald Vieles wieder ins rechte Geleise bringen. * * * Aus Berlin enthält der in San Francisco erscheinende „Hebrew" häufig interessante Correspondenzcn, von denen wir die folgende hier wiedergebm: „Berlin besitzt nach der neuesten Volkszählung 530,000 Einwohner, darunter ca. 20,0o0 Juden, welche mithin noch nicht 4 Prozent der Gesammtbevölkerung ansmachen Hiernach sollten also auf je 20 Einwohner ein jüdischer kommen. Macht man aber einmal an einem schönen Nachmittage eine Promenade durch die Linden und den Thiergarten, oder besucht die Theater, Concerte, Salons, Corso's u s. w., so ist man erstaunt, die jüdische Nationalität in einer Anzahl vertreten zu sehen, die auf ein mindestens dreimal so großes Zahlenverhältniß schließen läßt. Es hat diese Erscheinung, die schon vielfach Gegenstand der Besprechung gewesen ist, ihren Grund einmal in der Wohlhabenheit sehr vieler jüdischen Familien und der dadurch ermöglich: ten und genährten Freude an Vergnügungen und am Genüsse, dann aber auch in dem Umstande, der gewiß nicht zuungunsten des jüdischen Elements spricht, daß es eben nur die feineren und gewählteren Vergnügungsorte sind, zu denen sich der jüdische Nesidenzbewohner hingezogen fühlt, während er den von den unteren Schichten der Bevölkerung besuchten Lokalitäten fast gänzlich fern bleibt. Jedoch ist es durchaus nicht nnr das äußere und Vergnügungsleben der Hauptstadt, an welchem das mosaische Element einen so großen Antheil nimmt; in dem ganzen inneren Circulationsgetriebe der preußischen Residenz und, neben der Geschäftswelt, vor Allem in dem so üppig blühenden geistigen Leben Berlins haben sich die Juden eine Stellung zu erringen gewußt, die das Verhältniß ihrer numerischen Stärke bei weitem überragt, und auf die sie mit vollstem Recht stolz seiu dürfen. Einige spezielleren Zweige dieser Thätigkeit näher ins Auge zu fassen, sei die Aufgabe nachfolgender Zeilen: Wir betreten zuerst das Gebiet, welches zugleich als die Trägerin und Vermittlerin alles geistigen Strebend betrachtet werden kann, nämlich die Literatur und die Presse. Vorerst sei erwähnt, daß Berlin weht als 12 jüdische Buchhändler (darunter die renommirtesten Firmen) und eine noch größere Zahl jüdischer Buchdruckereibesitzer hat, von denen die meisten mit Dampfmaschinen arbeiten. Auf literarischem Felde glänzt vor Allem Berthold Auerbach, der berühmte Dorfnovellist, eine höchst liebenswürdige Erscheinung, mit einer seltenen, zu Herzen gehenden Nedegabe, die er leider nur zu oft im politischen Tagesstreit vernehmen läßt. Was die eigentliche Tagespresse betrifft, so finden wir beim „Kladderadatsch" sowohl, wie bei der „Volkszeitung" fast ausschließlich jüdische Redaktoren. Das letzterwähnte Blatt wird einzig und allein wegen seiner Leitartikel noch jetzt von Jung und Alt, von Hoch und Niedrig gelesen, vom Kutscher auf dem Bock sowohl, wie vom Studenten im Budikerkeller nicht minder wie in hohen und allerhöchsten Kreisen. Beim „Kladderadatsch" leuchtet das Dreigestrrn Dohn, Löwenstein und Kalisch mit einem Glanze, der noch immer dieses Blatt als eines der beliebtesten und witzreichsten der politisch - satirischen Organe aller Länder erscheinen läßt. Hat doch neulich ein Schrffsrheder aus Stettin eine neu erbaute schmucke Brigg „Kladderadatsch" genannt und die ganze Nedaction zu der Feierlichkeit eingeladen, eine Ovation, die gewiß selten ihresgleichen findet. Die von dem „Kladderadatsch" erschaffenen Figuren Müller und Schultze, Strudelwitz und Prudelwitz, Karlchen Mießnick und Zwickauer sind durch ganz Deutschland volksthümlich geworden, ja sie wirken sogar bis über den Ozean hin in einer Weise, die z. B. in dem humoristischen Wochenkalender der New Dorker „Abend Zeitung" die alte Sage von den Doppelgängern vollständig zur Wirklichkeit macht. Auch an der „Börsen-Zeitung", der „National-" und „Spener'schen Zeitung" wirken jüdische Kräfte mit. In unserem Hostheater gehören zwei der größten mimischen Künstler, Dessoir und Döring, dem Judenthume an. Die zur Zeit vom Publikum fast vergötterte Primadonna der Oper, Fräulein Lucca, ist Jüdin, und so sehr waltet hier die Ueberzeugung von der großen Begabung der Juden für Kunst im Allgemeinen und für die mimische insbesondere vor, daß man mit wahrhaft komischer Gewißheit jede neu austauchende Größe auf diesem Gebiet ohne weiteres dem Judenthume zuzutheilen gewohnt ist. Begeben wir uns auf das Feld der exacten Wissenschaften, so ist hier nicht minder die Betheiligung nnd Bedeutung der Juden eine erstaunlich große. An der hiesigen Universität lehren zur Zeit zwei ordentliche und zwei außerordentliche jüdische Professoren, außerdem vier Doctoren als Dozenten verschiedener Fakultäten. Ihre Zahl würde sich fast verdoppeln, wenn man alle diejenigen Professoren hinzurechnen wollte,

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