Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1864)
- Date
- 1864-08-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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440 hörte Ereigniß ist folgende-: Ein junger Kapitän schlendert eines Tages nachlässig durch die Straßen von Paris und bleibt plötzlich vor einem Trödlerboden stehen. Weniger die allen Kleider und das Gerümpel, das Aron Musasfio verkauft, als dessen schwarzäugige Tochter fesseln den wackeren Krieger. Der Kapitän tritt in den Laden, wühlt in den Kleidern und benützt diese Gelegenheit, der kleinen Judith die Hand zu drücken. Von diesem Tage angefangcn, war der Kapitän ein permanenter Kunde des alten Musasfio. Der Alte, dem das Liebesverhältniß seiner Tochter ein Gcheimniß war, verlobte das Mädchen, ungeachtet ihres Sträubens, mit einem Schneider, Namens Michel Brune, und die Vermählung sollte in einigen Togen stattfinden, als plötzlich die kleine Judith aus dem elterliche Hause verschwand. Alle Nachforschungen blieben vergebens, aber der Umstand, daß der Kapitän aufhörte, ein Kunde Musaffio's zu sein, erregte dessen Verdacht. Der Vater trat vor dem Negimentscommandanten klagend wider ihn auf. Ter Kapitän, zur Verantwortung gezogtn, wußte den Verdacht einer Entführung Judith's von sich abzuwälzen, er stellte nicht in Abrede, eiu kleines Abenteuer mit dem Mädchen gehabt zu haben, doch dergleichen nimmt man einem Kapitän der Garde nicht übel, und die Sache schien abgethan. Musasfio betrauerte seine Tochter, die er verloren gab; da erhielt er eines Tages ein Schreiben folgenden Inhalts: „Mein Vater! Befreien Sie Ihr unglückliches Kind, ich bin die Gefangene des Kapitäns!" Die Adresse war beigefügt. Der unglückliche Vater traf alle möglichen Anstalten, um seinem Kinde Rettung zu bringen, und sein Jnstinct lehrte ihn, daß er Vorsicht nöthig habe, da die Adresse auf eine Kaserne lautete. Musasfio erbat sich eine Audienz beim Herzog von Moray. Der Staatsrathspräsident hörte die Beschwerde des alten Juden und wies ihn an den Marschall Mac Mahon. Dieser machte kurzen Prozeß, er begab sich selbst in die Kaserne, wo der Kapitän residirte, und ließ diesen vor sich rufen. Nachdem der Kapitän nach einem kurzen V"rhör sein Abenteuer und die gewaltsame Entführung des Mädchens eingestanden, setzte der Marschall ein Kriegsgericht zusammen, und einige Tage später lag der Kapitän, nach Kriegsrecht erschossen, als Leiche im Graben der Kaserne. >. Das Mädchen fand man todt in einem Sarge in jener Kaserne. Die Leiche trug das Gewand einer Nonne, ein Kreuz hing an dem Halse der Erschlagenen. Der Kapitän hatte ausgesagt, Judith habe in die Taufe gewilligt, da er ihr die Ehe versprochen, er wollte jedoch den Priester, der die Taufe vollzogen, nicht namhaft machen. Es handelte sich nun darum, ob Judith als Jüdin oder Christin bestattet werden solle. Die geistliche Behörde von Paris entschied sich^ für das Letztere, die Juden reclamirten den Leichnam und das Machtwort VeS Kaisersollte entscheiden. Napoleon VI. empfing die Deputation, bestehend aus den Repräsentanten der Pariser Kultusgemeinde, mit ziemlich finsterer Miene. Herr Cerf hielt an den Kaiser eine Ansprüche, in der er das Recht betonte, das die Gemeinde aus den Leichnam der Judith Mufaffio zu haben glaubte, und daß eine Zwangstaufe über die Confession nicht entscheiden könne Der Klerus nehme das Recht für sich in Anspruch, dem müsse sich die Gemeinde widersetzen, der Kaiser solle entscheiden. Wie, glauben Sie wohl, entschied der Salomo an der Seine? Meine Herren! sprach er, Sie sind Franzosen. Einem Franzosen ist es gleichgiltig, wo er im Tode ruht, wenn nur in Frankreichs Erde oder unter dem Schatten von Frankreichs Fahne. Der Klerus kann Judith's Leiche nicht aus Frankreich verbannen und Ihnen nicht verwehren, den Namen Gottes auf ihr Grab zu schreiben." Da ich bereits vom auserwählten Volke Gottes spreche, kann ich nicht unerwähnt lassen, daß der kaiserliche Prinz in der Person eines Herrn Gerson einen Lehrer der hebräischen Sprache erhalten hat. Nachdem es des Kaisers Wille ist, daß sein Sohn das Arabische perfect verstehe, so schien es unerläßlich, um die verschiedenartigen Idiome der orientalischen Sprachen demselben zu erleichtern, vor Allem ihm die Mutter der orientalischen Sprachen, die hebräische beizubringen. Die Wahl eines Lehrers fiel schwer. Die Kaiserin wollte durchaus nicht, daß ein Jude Lehrer ihres Sohnes werde, der Kaiser wollte das Prinzip nicht verletzen, und man wandte sich in dieser kritischen Lage an die Königin von,England, deren Söhne bekanntlich im Hedrälschen gründlichen Unterricht erhalten haben. Eines Tages kam denn ein Mann mit langem Barte und unverkennbarem orientalischen Typus direct nach Fontainebleau. Es war Herr Professor Gerson, der dermalige Lehrer des kaiserlichen Prinzen in der hebräischen Sprache. Gerson ist aus Galizien gebürtig und wurde in den Vierzigerjahren durch den damals in Wien residirenden englischen Gesandten nach London empfohlen. Von dort fand Rabbi Gerson den Weg nach Paris. Ich sah den edlen Rabbi auf einem Ausfluge nach Fontainebleau an der Seite des Kaisers promeniren. Ob die Beiden wohl die orientalische Frage ventilirten? (Im Augustheft des „Onivers. i-r." wird ebenfalls berichtet, daß an der Fabel der „Neuzeit" nicht ein einziges wahres Wort sei. Red.) Wien. Der Wiener „Verfassung" wird zur Illustration der confessionelten Gleichberechtigung aus Prag mitgetheilt, daß ein jüdischer Kaufmann von einer Wittwe und Besitzerin eines Bauernguts einen Wiesengrund auf sechs Jahre in Pacht genommen und denselben in aller Form durch einen no-