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Der Israelit · 1864-08-10 · Heft 32 (10.8.1864) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 32 (10.8.1864)
Date
1864-08-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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427 bei der geringen Neigung der Mehrheit zum Sprechen den für die Orthodoxie aufgetretenen Rednern gerne das Wort, man unterbrach sie aber nicht nur häufig ungerügt, sondern rief alsbald zum Schluß, wenn sie ernstlich und tiefer auf die Sache eingehen wollten. In zehn Minuten sollte man sich über bisher unbekannte, höchst weitläufige, schwerfällig stylifirte, in variirender Redaktion ohne Referat und Motivirung vorgetragene Thesen ausgesprochen haben. Die versöhnliche Tendenz der Veranlasser dieser Versammlung kennzeichnete sich schon dadurch als nur vorgeblich, daß man überhaupt nur ein neues Programm den Verhandlungen zu Grunde legte und nicht von den Beschlüssen einer der frühem Versammlungen ausging, ja es nicht einmal der Mühe werth hielt, die Versammlung mit diesen Beschlüssen bekannt zu machen. So hat denn die Eßlinger Versammlung den Riß nur erweitert, eine neue Fraktion geschaffen und die durch die Ulmer Beschlüsse einigermaßen besänftigte Orthodoxie zu neuer Energie aufgestachelt. Wie oft auch die Redner der Mehrheit sich selbst das Zeugniß der Intelligenz ausstellten, wie viel Rednergabe der Vorsitzende auch an den Tag legte, so war diese Mehrheit doch unfähig, ihr Programm vernünftig zu begründen, außer mit der abgeschmackten Phrase: Nachdem man die Emanzipation erlangt, müsse man nun auch den nichtjüdischen Mitbürgern in dm Kultus- und äußern Lebensformen gleich zu werden streben. Gerade die wichtigsten Sätze wurden mit den Motiven zu (oft zweifelhafter) Abstimmung gebracht, daß man ja kein Gesetz auf ewig mache, daß man ja der K. Regierung nur Wünsche vortragen wolle. Vergeblich bemerkte ein in der Versammlung anwesendes Mitglied der Oberkirchenbehörde, daß man auch Wünsche so fassen müsse, daß sie begriffen und gewährt werden können; das vernünftige Wort verhallte bei Leuten, die eigentlich nicht wußten, was sie wollen — als sich versammeln und — — — speisen. In solch wichtigen Dingen genügt es nicht, einen „Putsch" zu verabreden und nach der Jndustriebörse bei Kaffee und Kartenspiel die Unterschriften zu einem Aufruf zu colportiren; das heischt religiösen Ernst, Sachkenntniß und Vorbereitung, und wenn man gar Andersdenkende ladet, auch Achtung für deren Anschauungen, Gefühle und Rechte, zumal wenn zwei gegen etwa sechzig den Muth haben, ihre Ueberzeugung aufrecht zu erhalten und männlich zu verfechten. Diese Achtung hat die Versammlung vielfältig ungeziemend verletzt. Wenn der Vorsitzende einen Redner, der nach dem Rechte fragte, mit welchem man Jemand zu religiösen Handlungen, zum Bezahlen eines Kultus, der seiner Ueberzeugung nicht entspricht, zwingen wolle, ein n Revolutionär nannte; wenn ein zurückgekehrter Amerikaner ungeahndet der Minorität die frechen Worte ins Gesicht schleudern durfte: „Wenn es der Orthodoxie bei uns nicht gefalle, mögen sie sich nach einer andern Heimath umschen;" wenn, als man hiegegen einwendete, die siebenhundert Unterschriften unter der ersten orthodoxen Kundgebung beweisen, daß die Orthodoxie die Mehrheit bilde. Jemand vom Platze rufen durste: „Die wissen eben nicht, was sie unterschrieben haben;" wenn ein Redner sich nicht entblödete, auszusprechen, er blicke aus die religiöseu Zustände der Vergangenheit mit Verachtung zurück, und die Versammlung den Gegenredner, der auf die Scheiterhaufen und Blutströme hinwies, durch welche diese geschmähte Vergangenheit das Judenthum ffür die Gegenwart gerettet habe, welche es für die Materie wegwerfe, durch Tumult zum Schweigen zwang; wenn endlich eine Versammlung, die alle relig. Richtungen eingeladen, nachdem sie mehrere Stunden über das Judenthnm und die Mittel zu seiner Erhaltung berathen, mit einem Mahle meinem nichtjüdischen Gasthof schließt: wo ist da die Achtung für die Anschauungen und Gefühle Anderer, wo sind da die Elemente zu einer Versöhnung? Der Vorsitzende dürfte sich darum stark verrechnet haben, wenn er in seiner Schlußrede die baldige Nachfolge unserer Seits hoffte; aus den zu Staube vermoderten Kinnladen unserer Urenkel im fünfzigsten Gliede wird längst Gras wachsen, und die Orthodoxie wird von der Reform noch nicht angesreffen, geschweige denn aufgefressen sein. Ja, je mehr ihr sie mit Gewalt fassen wollet, desto kräftiger werden wir entgegen treten, und nicht blos auf dem Gebiete der Organisation, noch auf anderem Boden; wir können Opfer bringen, ihr wollt blos die wohlfeile Gewalt, den Zwang, das haben die Eßlinger Beschlüsse eklatant bewiesen. Zehn Laien und Ein Rabbiner sollen künftig die Oberkirchenbehördebilden, und diese die Kirchen- und Schulangelegenheiten des württ. Judenthums in Händen haben, dieses sich also nach den Mehrheitsbeschlüssen unkundiger Leute, für deren religiöses Leben keinerlei Garantie verlangt wird , alle sechs Jahre neu modeln lassen. „Die Alten," sagte mir ein junger Mann mit großer Selbstgefälligkeit über den hochweisen Einfall, „die Alten haben einen Schulchan-Aruch gewacht, warum sollten wir nicht auch einen machen können!" Aber die Grundzüge zu dem neuen Schulchan- Aruch hat die Eßlinger Versammlung bereits diktirt, indem sie den Satz angenommen hat: Eine für alle Gemeinden des Landes bindende (wie der Vorsitzende erläuterte), mit Orgel, dreijährigem Ciklus ausgestattete Synagogenordnung MUß eingeführt werden; denn, wurde gesagt, habe ja die kleine Protestant. Gemeinde Fluorn denselben Kultus, wie die der Residenz, warum sollten nicht auch die Israeliten zu Dörzbach und Mergentheim denselben Kultus haben wie die in Stuttgart. Daß die Protestant. Gemeinden zu St. und F auf dem geschichtlichen Boden ihrer Confessio» stehen, die Israeliten zu Stuttgart sich aber

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