Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1864)
- Date
- 1864-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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41S Spinoza. Sein Lebensbild nnd seine Philosophie. Jnaugural - Dissertation zur Erreichung der phil. Doktorwürde an der k. Universität Würzburg von I. B. Lehmans aus Nimwegen (Holland). Würzburg bei Stüber 1864, 127 S. 80. Der Vers, sagt im Vorwort: „Wir strebten bei der Schilderung des Lebens und des Charakters nach Unparteilichkeit; kein Haß hat uns geleitet gegen den Juden, der abtrünnig ward von dem Glauben seiner Väter, aber auch kein Stolz auf einen Mann, welcher der Ruhm unseres Vaterlandes (Holland) geworden; wo wir Großes gesehen, haben wir es gerne gelobt, wo der objektive Thatbestand eine andere Ansicht bei uns hervorrief, haben wir auch dieser Worte verliehen; wo wir Angriffe gesehen, die uns unbegründet schienen, haben wir das Grundlose nachzuweisen gesucht. Ernst beseelte uns und Liebe zur Wahrheit." — Wir heben aus der Erzählung der Lebensverhältnisse Spinoza's hervor, daß der Verf. überzeugend nachweist, daß eine allgemein verbreitete Annahme auf Jrrthum beruhe. Berthold Auerbach und M. Philippson haben nämlich Spinoza zu einem Romanhelden gemacht, indem sie den Anstoß zu seinem Abfall vom Glauben in der Liebe zu einer Christin, Clara Maria van den Ende, zu finden glaubten. Verf. weist nun nach, daß diese ganze Liebesgeschichte auf einer Fiktion beruhe, da Clara Maria zur Zeit der Entfernung Spinoza's von Amsterdam, welches auch die Zeit der Abfassung seiner hauptsächlichsten philosophischen Schriften, kaum 11 —12 Jahre alt gewesen sein kann. — Vorzüglich ist dem Verfasser die Charakteristik Spinoza's gelungen; er hat sich nicht bestechen lassen von der allseitigen Verehrung, die Spinoza sogar bei seinen Gegnern findet, von der Vergötterung, die ihm seine Anhänger entgegentragen; er hat ohne Furcht es gewagt, die Mängel im Charakter Spinoza's hervorzuheden. Nachdem der Verf. dem von Spinoza aufgestellten Ideal menschlicher Vollkommenheit Gerechtigkeit hat widerfahren lassen, stellt er demselben dasjenige des Maimonides gegenüber und vergleicht beide miteinander, welche Vergleichung uns Spinoza in nicht allzu vortheilhaftem Lichte erscheinen läßt. Der Verf. sagt: „Maimonides schildert More Nebuchim p. 3 C. 54 den vollkommenen Menschen folgendermaßen: er deducirt die betreffenden Gedanken aus dem Propheten Jer. 3, 22 und 23: „So spricht der Ewige; nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, nicht der Starke seiner Stärke, nicht der Reiche seines Reichthums, sondern damit rühme sich, der sich rühmen will, einzusehen und zu erkennen, daß ich der Ewige bin rc." „Die Vollkommenheit, auf welche das Leben des Menschen gerichtet sein soll, besteht, so schließt Maimonides, nicht im Besitze irdischer Güter, nicht in Ausbildung der geistigen Kräfte, ja selbst das sittliche Leben und die Erfüllung der Pflichten ist nur Vorbereitung zu der wahren menschlichen Vollkommenheit, die erst dann eintritt, wenn der Mensch sich die geistigen Tugenden, die Erkenntniß der metaphysischen Wahrheiten erwirbt. „Sie besteht in der höchst möglichen Erkenntniß Gottes, in der Erkenntniß der Beschaffenheit des göttlichen Wesens, in der Erkenntniß der Beschaffenheit der göttlichen Vorsehung, vermöge deren er seine Geschöpfe ins Dasein rief." Das ist der höchste Zweck und dasjenige, was den Menschen wahrhaft vollkommen macht. Noch deutlicher entwickelt Maimonides den Gedanken, daß all unser Thun und Lassen, all unser Wissen nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Erreichung des einzigen höchsten Gutes, der Erkenntniß Gottes, in seinen Schemona Perakim, von den Neueren nicht mit Unrecht die Ethik des Maimonides genannt. Betrachten wir nun die Motive, die beide Philosophen zur Erfüllung ihrer Lebenspflichten veranlassen, dann sehen wir, wie bei Spinoza die Achse sich dreht um das Princip des „suum «S8V oonsorvancki" (der Selbsterhaltung). Weil ein übermäßiger Genuß das Dasein stören kann, weil eine Wissenschaft für sich allein als Selbstzweck das Dasein nicht befördert, deßhalb soll Alles nur Mittel zu der mehrerwähnten Vollkommenheit sein, die allein im Stande ist, das Dasein zu erhalten und zu vermehren. Nicht, rv ül damit ein hoher edler Lebenszweck erreicht werden soll, nicht weil ein sittliches Ideal soll angestrebt werden, im Gegentheil in demselben Augenblicke, als uns Spinoza dieses sein Lebensbild entwarf, sprach er zuerst den Gedanken aus, den er später so gern und so wiederholt ausgesprochen hat, daß „gut" und „vollkommen" Nichts seien, als leere Phantasmen. Wir unterlassen es hier aus natürlich erklärlichen Gründen, dem Leser das erhabene Bild vorzuführen, das Maimonides an jenen Stellen von den hohen ethischen Triebfedern entwirft, und wie der Mensch nur durch ein solches Leben das ethische Ideal zu erreichen im Stande ist. Der Unterschied zwischen Beider Lebensideale ist, daß bei Maimonides der Mittelpunkt des Fdrschens, Erkennens und Handelns der lebendige Gott ist, der liebt und Gerechtigkeit übt, bei Spinoza ein willen- und vernunftloses Princip, Naturordnung genannt. Möge man nun auch das summum krovum und die perkootiv, welche Spinoza trotz seines Aufhebens des Unterschieds zwischen gut und bös anzustreben als Aufgabe stellte, möge man diese Lehre den liebenswürdigen Inkonsequenzen unseres Philosophen beizählen, aber deßhalb ihn vergöttern ist uns unmöglich. Oder ist die Weltbetrachtung, welcher Spinoza sein Leben widmete, etwas Au-