Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1864)
- Date
- 1864-06-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Millionen Menschen beten noch selbstgemachte Götter an, wie viel Millionen Menschen sind noch dem thörichtsten Aberglauben hingegeben! Wohlan, meine Herren, setzen wir unsere glorreiche Sendung fort. Mögen aufgeklärte Menschen ohne Unterschied des Cultus sich in dieser allgemeinen israel. Gesellschaft vereinigen, deren Zweck so edel, so großartig civilisatorisch ist, um bei den Juden die Vorurtheile zu zerstören, die sie in der Verfolgung, der Erzeugerin der Unwissenheit, ausgenommen haben; um im Nordm und Süden, bei Sonnenaufgang und Niedergang, zahlreiche Schulen zu gründen; um die jüdische Bevölkerung mit den Behörden aller Länder in Verbindung zu setzen, die jüdische Bevölkerung, die so verlassen ist, wenn sie nicht sogar feindlich behandelt wird; um bei der ersten Nachricht von einem Angriff gegen einen Cultus, von einer durch Religionshaß hervorgerusenen Gewaltthat, uns wie ein Mann zu erheben unv die Unterstützung Aller zu verlangen; um unsere Stimme hören zu lassen in den Kabinetten der Minister und bis zu den Ohren der Fürsten; um jede Religion zu unterstützen, welche verkannt, verfolgt oder angegriffen wird, sei es selbst durch noch in Kraft stehende Gesetze, die aber vom Geiste unserer Zeit verurtheilt werden; um eine Freundeshand zu reichen all denjenigen, die, wenn auch in einer andern Religion geboren, uns ihre Bruderhand entgegenstrecken, indem wir anerkennen, daß alle Religionen, deren Grundlage die Moral, und deren Gipfel Gott ist, Schwestern seien und befreundet unter einander sein müssen; um den Sturz all der Schranken herbeizuführen, welche dasjenige trennen, was sich eines Tages vereinigen muß — das, meine Herren, ist die große und schöne Aufgabe unserer isr. universelle; ja unserer allgemeinen israel. Vereinigung, denn die Israeliten sind in allen Gegenden, an allen Orten. Schreiten wir fest und entschlossen auf dem Wege fort, welcher uns vorgezeichnet ist. Ich rufe zu unserer Vereinigung unsere Brüder aller Glaubensbekenntnisse, daß sie zu uns kommen, daß sie uns unterstützen bei diesem großen Werke der Civilisation und des unermeßlichen Fortschritts; mögen sie zu uns kommen! Mit welcher Zärtlichkeit werden wir ihnen entgegenkommen! Als ich den glücklichen Gedanken hatte, zur Unterstützung der Christen des Libanon die Israeliten der ganzen Welt aufzurufen, mit welchem Ungestüm entsprachen da Reiche und Arme meinem Aufrufe mit ihren Gaben! Und jene Gaben, sie waren bestimmt für Christen von Damaskus und vom Libanon, von jener Stadt, aus jener Gegend, wo sich 20 Jahre zuvor gegen die Juden die einfältige und verabscheuungswürdige Verleumdung erhob, daß die Juden zu ihrem Osterfeste Christenblut brauchten, eine Verleumdung, die wir, Sir Moses Montefiore und ich, im Namen aller Juden des Erdkreises vor dem Tribunal jenes großen Mehmed Ali, dessen Geist seinem Muthe glich, widerlegt haben. Schreiten wir nun kühn zur Bereinigung aller Glaubensbekenntnisse unter einer und derselben Fahne: Einheit und Fortschritt, das sei die Devise der Menschheit, breiten wir mit vollen Händen den Unterricht aus, welcher den Menschen erhebt, zerstreuen wir die Finsterniß der Unwissenheit, welche ihn herabsetzt und erniedrigt! Aus dem Busen diese r franz. Nation ist der schöne Ruf nach Gewissensfreiheit, der schöne Ruf nach Gleichheit vor dem Gesetze hervorgegangen; das ist unser Zweck, das sei unser Triumph. Mein glühendster Wunsch ist, in den Tagen des Alters unser schönes Werk in hingehendster Weise zu fördern, man reicht uns eine Bruderhand, man bittet uns ob der Vergangenheit um Verzeihung. Der Augenblick ist gekommen, auf unzerstörbarer Grundlage eine unsterbliche Vereinigung zu gründen. Die Kette, welche uns auf dieser Erde vereinigen wird, steigt vom Himmel herab; es ist die Religion, die göttliche Moral, die da die menschliche Weisheit leitet. Die häßlichen Feuer der Scheiterhaufen sind für immer'erloschen; leuchten wir mit lener himmlischen Fackel, der Feuersäule ähnlich, welche in der Wüste am Wege unserer Väter leuchtete. Hier sind unsere gastlichen Zelte, sie sind Allen geöffnet. Wird man eines Tages alle Völker nur ein Volk bilden, alle Religionen sich zu einer Religion vereinigen sehen? Möchte sich diese schöne Prophezeiung erfüllen, und wenn jener reine und lichtvolle Tag anbrechen wird, dann wird einer unserer Nachkommen ausrufen: „„Als unsere Ahnen die IS!-, unrvsrssüs gründeten, da thaten sie den ersten Schritt zu dem Ziele, welches wir erreicht haben; widmen wir ein frommes Andenken Denjenigen, welche uns diese Laufbahn eröffnet haben!"" — Dem Schluß der Rede folgten wiederum langdauernde Beifallsbezeugungen; Niemand erhob sich zu einem Worte der Entgegnung oder Berichtigung; wir sind daher berechtigt, anzunehmen, daß diese feurige Rede des berühmten Herrn Präsidenten den Zweck der Vereinigung, richtig und zutreffend dargelegt hat. Wir hören hier überall gar viel vom jüdischen Glauben und der jüdischen Sittenlehre, aber nicht ein einziges Wort vom jüdischen Gesetz; ja, man vermeidet sorgfältig die Erwähnung alles Dessen, was nur an das speziell-jüdische Gesetz erinnern könnte, indem man so weit geht, daß man bei Aufzählung der Zehngebote dasjenige Gebot fortläßt, welches die Heiligung des Sabbattages befiehlt.*) So scheint man *) rriNN und NUN ttb scheint Herr Cremieux in Eins zusammengefaßt zu haben.