Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1864)
- Date
- 1864-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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344 das Reden von den Zehngeboten ats dem gesammten und einzigen Inhalte der jüdischen Religion schon verdächtig, so ist das Weglafsen des einen oder des andern von ihnen ein Verbrechen. Wir wollen die überaus glänzende Rede, welche Crömieux, wiewohl von Unwohlsein gehemmt, in der genannten Versammlung gehalten hat, hier in deutscher Uebertragung wiedergeben und wollen den geehrten Leser nur bitten, daß er sich nicht durch die glänzenden Phrasen bestechen lasse, die jenes Sakrilegium verhüllen. Herr Cremieur sprach: „Gern hätte ich in dieser Versammlung die verschiedenen Länder vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen lassen, über welche unsere Alliance während des verflossenen Jahres ihre Zweige ausgebreitet hat; ich hätte Sie gern von der Lage der Juden in all diesen Gegenden in Kenntniß gesetzt. Sie würden dann besser die denkwürdigen Erfolge begriffen haben, die unser Bestreben krönen. Aber die Stimme versagt mir, und Unwohlsein erlaubtmir zu meinem großen Bedauern nicht, mit Ihnen den Weg zu verfolgen, welchen Sie durchwandern zu lassen ich mich glücklich geschätzt hätte. Die isr. uuivsi^olle ist kaum erst in ihrem Entstehen begriffen, und schon macht sich ihr heilsamer Einfluß in der Ferne fühlbar. Das kömmt daher, weil sie das Produkt einer jener edeln Gedanken ist, den alle wohlgesinnten Seelen begreifen, und die unser Jahrhundert zu verfolgen liebt. Die Alliance verharrt nicht blos bei unserm Eultus, sie wendet sich an alle Culte, sie will in alle Religionen dringen, wie sie in alle Länder dringt. Israeliten aller Länder, unterstützt sie mit allen Anstrengungen, und Sie werden bald Zeugen ihrer wunderbaren Fortschritte sein. Voriges Jahr hatten wir kaum 1300 Theilhaber; dieses. Jahr zählen wir 3000; nächstes Jahr wird sich diese Zahl verdoppelt haben; in 2 Jahren werden sicherlich 1«X>00 Namen unsere Register bedecken. Ja, jeder Tag wird die Theilnahme an unserm großen und heiligen Vorhaben mehren. Sehen Sie, meine Herren! Indem ich an den geringen Anfang unserer Vereinigung denke, und indem ich für dieselbe eine so große Entwickelung voraussehe, so ergreift mich eine herrliche Erinnerung, die ich Ihnen mittheilen will. Diese Erinnerung betrifft den niedrigen Anfang des Volkes Israel und fein Wachsthum! (Man applaudirt.) Was war denn in der That diese Familie Israels, als sie aus Aegypten zog? Eine Vereinigung mißhandelter, verachteter, an den Füßen gefesselter Sklaven. Das war es, was aus den Nachkommen Josephs, der da Aegypten erleuchtet und errettet hatte, geworden war; selbst sein Name war vergessen, und die Söhne seiner Söhne waren bis auf die letzte Stufe der Leiter gesunken, an welcher die menschliche Gesellschaft auf- und niedersteigt. Männer, Frauen, Kinder, Greise zählten zusammen nicht mehr als 600,000 Individuen. *) Sechsmalhundertausend, während Millionen die Oberfläche der Erde bedeckten! Aber betrachteil wir jenes Land. Alle seine Einwohner sind dem Heidenthume, dem abscheulichsten Aberglauben, dem Dienste all der Gegenstände, von denen sie umgeben sind, hingegeben; nicht nur zur Sonne, zum Monde, zu den Sternen, zu den Wolken senden sie ihre thörichten Bitten empor — man begreift noch die Anbetung jenes majestätischen Himmelszeltes, von wo die Wärme, das Licht, dre Fruchtbarkeit kommen; aber in Aegypten, wo so viel Wissenschaft geglänzt hat, betete man Alles als Götzen all, vom Ochsen Apis bis zu den Gemüsen des Gartens. Fürwahr, welche Gottheiten! Zur Verführung der Sinne bietet die Religion einen Gott für jedes Vergnügen, eine Göttin für jede Wollust; zum abergläubischen Schrecken bietet sie einen Moloch für Menschenopfer. In diesem Tohu-wabohu schmachvoller Gottheiten, welche herabsteigen wie zur Lust ihrer zahllosen Anhänger, sehen Sie diese kleine Völkerschaft, die da entschlüpft zitternd, entsetzt? Einige verlorne Sandkörner in der unermeßlichen Wüste! (Beifall.) Das ist Israel, Israel, welches sich ausbreiten wird über die ganze Welt. Wie viel Nationen werden hier unten verschwinden, vernichtet von andern Nationen, die dann ihrerseits wieder verschwinden werden! Wie viel Religionen werden sich als ohnmächtig erweisen, ersetzt durch andere Religionen, die sich dann ihrerseits wieder als ohnmächtig erweisen werden! Israel wird nicht unlergehen; der Bestand dieser kleinen Völkerschaft zeugt von der Größe Gottes. Die Religion Israels wird nicht untergehen; diese Religion, das ist die Einheit Gottes! (Lang andauernder Beifall.) Ja, meine Herren! Die herrlichste von allen Offenbarungen, diejenige, vor welcher die unzähligen Götter des Heidenthums und die von Menschen geschaffenen Götter fallen werden, die Offenbarung, welche nach Verlauf von Jahrhunderten sich über den ganzen Erdball ausbreiten wird, das jüdische Volk wird sie empfangen, wie ein geheiligtes, anvertrautes Gut, und wenn es als Nation besiegt, in Sklaverei gehalten wird, Verfolgungen preisgegeben ist, wenn es fliehen wird von Land zu Land, sich einen Zufluchtsort zu suchen, so wird es mit sich tragen als seinen j fruchtbaren Samen die Religion der Einheit Gottes! und wird sie bringen in die entferntesten, unbekannte- > ften Gegenden. Welch ein Märtyrerthum, aber auch welch eine Mission! Einheit Gottes, das waren Deine! ersten Worte! Ihr schrecklichen Verfolgungen von acht *) Anm. d. Red. Das ist nicht richtig; blos der zum Heeresdienst tüchtigen Männer vom 20. Jahre an und darüber waren 000,000, während die gesammte Nation wohl Mill. betrug.