Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1864)
- Date
- 1864-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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316 Um was handelt eü sitz bei andern HlatioMn in ihrer Poesie? Bei JndeM/Mrischeir'DMUomWn K cs besonders hohes Schkrhettsgeftihl/ bei VriMaleu, Germanen und Slaven tiefe, Innere Gemüthsaussprache; die Leinwand aber, auf welche alle diese Völkerstämme ihre poetischen Empfindungen hinmalten, ist die irdische Welt, und erheben sie sich wirklich zum Ueberirdischen, so reden sie von ihm, wie von etwas Plastischem; das sehen wir in den feierlichen Hymnen H^des Nigveda wie in dem erhabenen Pindar, das zeigt ^Hich in den ernst-dunklen Gesängen der Edda wie des *Kalewipoeg. Indem sie an das Erhabene, Himmlische dsrken, verkörpern sie es mit den grobsinnlichen Aussrrüchen ihres Mundes. — Völlig anders verhält es Hch mit der Poesie Israels. Schon dem Namen Poesie (von schaffen) muß hier eine ganz andere Bedeutung als bei andern Völkern unter gelegt werden. Hier kann von einem Schaffen aus der innern Gemüthswelt des Dichters keine Rede sein, weil — wenn es von den Verfassern des sich handelt — wir durchaus keinen Dichter oder Redner (770,,^^, g^rwp) nach gewöhnlicher Auffassung haben, da hier Alles von oben kam, Gedanken, Bild und einhüllendes Wort. ">21 ^-1 ri'i („der Geist Gottes redet durch mich, und Sein Wort ist auf meiner Zunge" 2. Sam. 23, 2) sagt selbst ein >22, der nicht ein war; es fand hier also auch kein Schaffen von Menschlicher Seite, kein Herausschöpfen aus menschlichem Herzen, sondern ein Schaffen vom Schöpfer des Alls, von Gott selbst Statt, ein Herahsenken göttlichen Schauens und Ausdruckes für das Geschaute in das geweihte Gemüth eines über seine ganze Zeit erhabenen Menschen. Das Wort Poesie, nur in diesem Sinne aufgefaßt, ist zulässig bei der Bibel; es erhält dann das Wort eine zwar nur der Bibel eigenthümliche Bedeutung, aber auch eine durchaus wahre, da es ein Schaffen vom Schöpfer selbst ist. Dieses zeigt sich gleich in der Prophetenweihe Mosis; id -2-IN Op ^'.1« „und NUV geh' und ich werde mit deinem Munde sein und dich unterweisen in dem, was du reden sollst" <2. Mos. 4, 12) spricht Gott zu Moses, da dieser Unbegabtheit in Bezug auf die Sprache vorschützt; in diesen Worten liegt die Grundzeichnuvg eines vor uns, daß er nämlich von Gedanken bis Wort und Ausdrucksweise nichts zu schaffen habe. Aehnlich ist dieser Satz ausgesprochen bei Jesajas (50, 4 — 6) w-Md H sl-t 'b "Np' 1P22 p)p' O« Nlpd Op"ld 'O'-Q -ch n-r H pOVv v>->rDN 'rv v'v->rH "nbi Owv!? 'nnr 'U: vrivz p-,1 rnv'!?2Q „Gott, der Herr, gab mir eine geübte Zunge, damit ich wisse, zur rechten Zeit mit dem Müden zu reden; er wecket Morgen für Morgen, er weckt mir das Ohr wie treue Jünger: Gott, der Herr, öffnete mir das Ohr und ich war nicht widerspänstig, wW^ücht rückwärts: Mi«« Rücken bot ich den Hhlägern dar, tzneW WaHen den Raufern, mein MgeKcht verbarg ich Dicht Men Schmach und Speichels^; das warm dE Belohnungen, welche der Pro- Aet vom Volke empfing, weil er nicht nach seinem Beifall und zu seiner Lust, sondern nach Gottes Willen reden mußte (vergl. auch Jerem. 1, 7 — 10). — Die Folgen aus diesem Grundsätze sind höchst bedeutend. Anstatt daß sonst bei Dichtern das subjektive Element vörwaltend ist, und darin eben die Freiheit Des Dichters bestand, daß er sich nicht an die dürre Realität zu fesseln brauchte, wie wir dies häufig in den Produkten griechischer Tragiker und Komödiendichter sehen, welche sich durchaus nicht immer an dem im Volke geltenden Mythos hielte«, ja selbst die untrügliche Geschichte nach eigenem Gefallen modelten, wie Aeschylos in seinem „Perseon", Aristophanes in seinen „Wolken", ist hier in der biblischen Poesie im Gegentheil die Objektivität vorwaltend, ja das hauptsächlichste und alleinige Element. Nichtsdestoweniger aber bei diesem scheinbaren Gebundensein biblischer d. h. göttlicher Poeten, herrscht dennoch bei ihnen die größte Freiheit; denn sie sind nicht ängstliche Beschreiber, die dem Leben und den damit verknüpften Handlungen mühselig uachgeschlichen, um in ihren Reden Copien vom Existirenden zu geben, vielmehr ist die Wirklichkeit mit ihrem Thun und Treiben eine nachahmende Copie ihrer Worte, ein Spiegelbild jenes freien, göttlichen, vom Himmel in sie hinabgesenkten Urbildes, welches oft von ihnen Jahrhunderte voraus in ihren Reden als Grundzeichnung des Kommenden gleichsam ausgestellt war, während die Realität in langsamer Verkettung der Dinge den Grundriß nachzuzeichnen sich bemühte (s. Jes. 41, 22. 23, 1. König. 13, 1 ff.) Ganz angemessen also ihrem Charakter war auch das geschichtliche Sein dieser heiligen Poesie. Gleich ihr Beginn trägt den Stempel der Vollkommenheit an sich; denn sie konnte nicht trefflicher werden, als sie war, weil sie unmittelbar aus der Hand Gottes kam; sie war in ihrem Alter nicht schwächer, nicht matter geworden, als in der Zeit ihrer Jugend, sie war aber auch m ihrem ersten Aufblühen nicht unbedächtiger und minder wahrhaft, als sie es im Alter zu sein pflegte. Kurz ihr ganzes historisches Verhältnis? gegenüber den Poesien anderer Völker ist ein umgekehrtes. Anstatt, wie wir oben gezeigt, bei andern Völkern die Poesie der Prosa vorangegangen, wie die gemüthliche, malende Aussprache des Kindes der nüchternen, kalten, genau an Wirttichkeit sich haltenden Darstellung des Mannes, ging hier sogar die Prosa der Poesie voran, wie wir erst tiefer im Wochenabschnitte Bereschith Stellen bekommen, die eine poetische Farm an sich tragen. Wir wenden hier zwar die KunstanSdrücke Prosa und Poesie an, weil wir uns ans solche Weife verständlich zu machen meine«; —