Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1864)
- Date
- 1864-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2«. Ein 5. Jahrgang. Ce«tral-Orga» sLr das orthodoxe Jadenthu«. Herausgegeben von Vr Lehmann in Mainz. Mainz, den 15. Juni 5624 (1864). Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Mittwochs, in mindestens tj Bogen. Preis des Jahrgangs: 2 Thlr. p. c. oder fl. 3. 30 kr. rh. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. Inserate 1 Sgr. die Petitzeile oder deren Raum. Oefterreichische Banknoten laut Cours. Direkte Frankozusendung unter Streifband pro Jahrgang 3 Thlr. p. c. oder 6 ff. Österreich, an die Expedition franko einzusenden. Inhalt: Leitende Artikel: Die Poesie der Israeliten von konservativem Standpunkte aus betrachtet. — Die Literatur des Kompert'scten Preßprocesses. — Bau jüdischer Armen- und Pilgerwohnungen in Jerusalem. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Oesterr. Kaiser st.: Aus Gitschin. S. a. Ujhely. Anhalt der Beilage: ZeitnngSaachrichten und Korrespondenzen: Deutschland. Wiesbaden. — Afrika: Port Elisabeth. — Eiugesandt: Aus Nieder-Oesterreich. Leitend« Artikel. Die Poesie der Israeliten von konservativem Standpunkte ans betrachtet. Von 8. IllxsedülL in Hamburg. Die Poesie eines Volkes ist gleichsam auch das Gefühls- und Geistesbarometer, an dem wir die etwaige Höhe oder den niedrigen Stand seiner geistigen Bildung und Entwickelung wahrnehmen und beurtheilen können. Darum aber, weil die Poesie so sehr das Gefühl angeht, dem sie allein auch ihr Entstehen verdankt, hat sie, trotz ihrer Kunstform, einen weit früheren Ursprung, als die Prosa; denn die große Menschheit verhält sich hierin ganz wie das einzelne Individuum. Das Kind, in seiner frühesten Jugend, hat auch zuerst poetische Empfindungen; Alles zeigt sich ihm entweder von der hellsten oder dunkelsten Seite und gibt ihm einen augenblicklichen Eindruck, nach dem es das Ganze ersaßt. Die ruhige Reflexion, das kritische Eingehen und Wählen zwischen dem Zuviel und Zuwenig, das richtige Treffen des Mittelpunktes, das kann erst bei heranreifendem Verstände vor sich gehen. Und so auch bei den Völkern; ihre Poesie fällt in die Jugendzeit des Volkslebens; erst später, wenn man sagen darf, in ihren Mannesjahren, zeigt sich bei ihnen Reflexion, sei es in den Werken der Schrift und des Geistes oder in denen der geübten Hand und Kunst. Hiernach erklärt es sich auch, warum gemeiniglich Lyrik und Epik früher und am herrlichsten emporblüheten in der Jugendzeit der Völker, während die Prosa erst später reifte, und mit ihr auch die Dramatik, wenigstens die bei den Griechen, welche denselben CulLurboden haben mußte, wie die Prosa. Denn jene den Bacchos verherrlichenden Chöre konnten nur dann erst sich zum Dialog mit daran sich knüpfender dramatischer Action ausbreiten, als bei den Hellenen! die Reflexion und der Geist der Kritik erwacht war. Nimmt man nun die Poesie, da sie das älteste Geisteskind der Nationen ist, auch zu seinem Führer rücksicht-! lich der Beurtheilung ihres geistigen Culturftandes und ihrer Denkweise, tritt man zu diesem untrüglichen! Barometer hin, und stellt man Vergleiche der dadurch bei den verschiedenen Völkern gewonnenen Resultate an, dann ergibt sich auch gleich die ganze Charakteranlage und Gestaltung der Völker; man steht ihre geistige Fähigkeit und Neigungen, und kann danach ihr späteres Leben, ihre kosmopolitische Bedeutung und ihr endliches Schicksal bestimmen. Stellen wir nun einen solchen Vergleich zwischen den übrigen Völkern des Erdenrundes und Israel an.