Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1864)
- Date
- 1864-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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302 Betrachten wir die unS vo» der h. Schrift gegebenen Bilder näher nach Ableitung der Aussprüche unserer Weisen (Midrasch Jalkut zu Zes. 55, 1), so werden sich uns 3 große Gesichtspunkte ergeben; wir werden die Thora erkennen als Grundlage des Lebens überhaupt, als Leiterin unserer Thätigkeit auf Erden und als Führerin durch das höhere geistige Leben — die Wissenschaft, als die Wissenschaft der Wissenschaften selbst. I. „Wohlan, ihr Durstigen, gehet hin zum Wasser!" Unsere Weisen bemerken hiezu: 2lipi 2i'x 2'2 .12 im '121 „Wie die Welt nicht ohne Wasser bestehen kann, so auch nicht ohne die Gotteslehre." Nur um der Thora willen hat Gott Seine Welt erschaffen, wie es ja heißt: „Wenn mein Bund nicht wäre, so hätte ich Tag und Nacht, die Gesetze von Himmel und Erde nicht eingesetzt." Aber nicht allein der Endzweck der Welt ist die Gotteslehre, sondern, wie die Natur ihre ewigen Gesetze hat, nach denen sich Alles vollbringt: so enthält die Thora die Gesetze der geistigen und sittlichen Weltordnunq. Das Wasser ist ein Bildder Bewegung, und Bewegung ist die erste Grundbedingung des Lebens. Krystallhell sprudelt der Gießbach vom Gebirge herunter, schafft fruchtbare Thäler und blühende Auen, erquickt die ganze Flur und beut Nahrung für Mensch und Thier, für Wald und Wiese. Lässest du aber das Wasser sich ansammeln, so daß ihm die Bewegung fehlt, so wird es bald versumpfen und verfaulen, und das schmutzige Wasser des Sumpfes und seinen verpestenden Hauch flieht alles Lebendige. Mo erhält der Geist die lebendige Bewegung nur durch die geoffenbarte Gotteslehre; sie ist das belebende Gesetz der Welt, das Werkzeug gleichsam, durch das Gott die Welt erschaffen, ilipi xi2i 12-7 .1121 '12. Zugleich ist aber auch das Wasser das Bild der allmählichen Entwickelung i"i 122'^m 2'wpn^'2 ^2'2 i'nn 2'2 12; siehst du den stolzen Strom, der weite Länder durchzieht, mächtige Schiffe tragend, eine gewaltige Lebensader für den Verkehr der Menschen? Woher stammt der große Strom, woher die gewaltige Wassermasse, in der unzählige Wellen einander vorwärts drängen? Gehe nur stromaufwärts seinem Ursprung entgegen, bis du gelangst zu jenem Gebirge,, wo tropfenweis die ersten Anfänge des später so mächtigen Flusses dem Felsen entquillen; und wie das Wasser tropfenweis herabfällt und sich allmälig entwickelt: also verhält es sich auch mit der Gotteslehre. '2 2i'.i 112I.1 PP22 1p 1121 112^.1. Erkenntniß lehnt sich an Erkenntniß, Wissen baut sich auf Wissen, bis die Macht des Geistes der Macht des Stromes gleichkömmt. „Daher rühme sich der Weise auch seiner Weisheit nicht/' sondern der Mensch bestrebe demuthsvoll sich, damit er dahin gckmge, daß er die Thora Ln sich aufzunehmen m sich zu entwickeln vermag, damit er hinanstvebe z« ihr, die ja von oben kömmt n"l -pr 112^ 21P2^ Olim 7N2I 21P2 2'122 2'2 .12 11P1N '2 1LX 2'2^>1.11 1'lp,-IOZ 11PHL» '2 O'1'N2. „Wie das Wasser die Höhe verläßt, um dem niedern Orte zuzuströmen, so bleibt die Gotteslehre nicht bei dem Hochmütyigen, sondern eilt dem Demuthsvollen zu." Wie das Wasser dasPrincip der Bewegung darsiellt, so ist es selbst wiederum das Mittel, von Schmutz und Unrath zu reinigen: also auch die Gotteslehre .111.12 ^1 112X l"l12 .11.1211X2122 2'X'22 2'2 .12. Wo statt Bewegung Starrheit, statt des eifrigen Hinanstrebens zum Geiste der Gotteslehre Festhalten am Irdischen eingetreten ist, da wird der Mensch in den Schmutz der Sünde hinabgezogen, da ist er in Gefahr, im Pfuhle des Lasters zu versinken. Und wiederum ist es die Thora selbst., die ihn zu reinigen, die ihn emporzuziehen vermag; das von ihr ausströmende Licht erleuchtet die Finsterniß seines Geistes, und die stetige Beschäftigung mit ihr bringt ihn zur Rückkehr zu seinem Gotte. — Und wie das Wasser den Durstigen erquicket, so labet den in der Wüste des Lebens Verschmachtenden die Lehre unseres Gottes 2ix insi 2'2'L72 2'2 .12 12'L^2 12'21 ^1 1111 i"i -,2. Durch die nicht endende Wüste zieht die müde Caravans, senkrecht sendet die brennende Mittagssonne ihre Strahlen auf die Häupter der Verschmachtenden; der glühende Wüstensand verbrennt die Füße der erschöpften Wanderer; glanzlos ist bereits das Auge und gesenkt das Haupt; nur mühsam noch schleppen Menschen und Thiere sich vorwärts; da wird endlich die blühende Oase erreicht; schon der Gedanke an die bevorstehende Erquickung gießt neues Leben in die erschlafften Gemüther; Jubelrufe entringen sich Aller Brust, und jauchzend eilt Alles dem murmelnden Bache entgegen: also labet auch die Gotteslehre den ohne sie in der Wüste des Lebens verkommenden Menschen. Siehst du den Denker dort? Eifriges Forschen hat die noch jugendliche Stirne gefurcht, aber auch bange Zweifel haben sich seines Geistes bemächtigt; sie scheuchen den Schlaf von seiner Lagerstätte und vergällen ihm jeden Genuß. — „Wer bin ich, was bin ich, wozu bin ich auf Erden? — Ist die Seele in mir unsterblich, oder schwindet sie mit dem Körper dahin? Lebt ein gütiger Lenker der Geschicke, oder sind wir der Macht des schnöden Zufalls anheimgegeben?" — Also fragt er und findet keine Antwort, er forscht in den Werken der Weisen aller Nationen und findet keine Befriedigung, bis er sich versenkt in die Tiefen der gottgeoffenbarten Lehre — die Lehre Gottes, die vollkommene, erquickt, belehrt, beruhigt die Seele.