Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1864)
- Date
- 1864-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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274 Du verübt, als Du diese Worte schriebst, die -Vio der auf dem Erdenrunde lebenden Juden zu Verleumdern, Lügnern, Betrügern und Wucherern stempeln, nicht blos 2/^ der Israeliten Württembergs? Denn, Gottlob, noch immer ist die große Mehrheit" der Juden (wenn auch nicht allwärts in Deutschland) gesetzestreu, und sie alle sind nach Deiner Phrase solche schwere Verbrecher, wie Du auch die gesetzestreuen Rabbiner „Pfuscher und Betrüger" nennst. Ich will nicht in Abrede ziehen, daß es Leute geben kann, die scheinheilig sind, es gibt deren unter allen Klassen und Confessionen, und Du wirst nicht behaupten wollen, daß Deine religiösen Gesinnungsgenossen eine Ausnahme machen. Denke an gewisse Vorgänge unter resormirten Stuttgarter Juden und schweige über die Sittlichkeit Deiner Gesinnungsgenossen. Mit welchem Rechte bringst Du die Gesetzestreue mit solchen schändlichen K Lastern in causalen Zusammenhang? Gibt es eine ge- § setzliche Bestimmung, nach welcher die Uebung der Gebräuche, das Beten irgend eine Sünde aufhebt; stimmen nicht Talmud und Midrasch in unzähligen Stellen mit der Bibel darin (wie überhaupt) überein, daß das Gebet eines Menschen, dessen Herz unlautere Gedanken birgt, besten Hände von Unrecht befleckt sind, von Gott verabscheuet werde?*) Sage mir, was sind zwei etwa einen Fuß lange Weidenzweige werth? Den achten Theil eines Hellers vielleicht. Siehe der Schulchan Aruch sagt, wenn Du Dir zum Hüttenfeste Myrthen- und Palmzweige um hundert Gulden kaufst, und schneidest Dir die dazu nöthigen zwei Weidenzweige ohne Erlaubniß an Deines Nachbars Wiese, so hast Du nicht nur das Gebot Gottes nicht erfüllt, sondern das Gebet, das Du über den Feststrauß (so nennt ihr's ja) sprichst, ist eine Entweihung des Gottesnamens, weil Du zwei Weidenzweige geraubt; ebenso das Gebet, das Du über eine gestohlene Pflaume sprichst, deren hundert man mit einem Groschen bezahlt. Solch strenge Gerechtigkeit schreibt Dein Todfeind, der Schulchan Äruch, vor, und Du nennst die Millionen, die ihm folgen (darunter gewiß Deine im Grabe ruhenden Eltern und Lehrer) sammt und sonders Lügner, Betrüger, Verleumder und Wucherer. Nicht um den Dank, den vielleicht (?) die Dir zollen, die Du mit so grober Faust schätzen zu müssen glaubst, nein, nicht um alle Herrlichkeit der Erde möchte ich meine Feder zu einer solchen Schändlichkeit mißbrauchen. „Wehe," rufst Du, „wenn Leute an's Ruder kommen, die den Schulchan Aruch auf ihre Fahne geschrieben haben!" Lächerliche Prasel Wollen wir denn an's *) Man lese hierüber das in deutscher Uebersetzung unter dem jüd. Landvolk hochangesebene und fast tn jeder Familie befindliche vortreffliche Sittenbuch Menorath bamaor von Js. Abuhab Kap. 101. Ruder kommen? Wir wollen uns nur nicht von Leuten rudern lasten, die nur den vierten Theil Deiner Sätze billigen. Zum Glück kann (vom öffentlichen Gottesdienst abgesehen) keine Wacht der Welt uns hindern, denselben zu studiren und unser Privatleben darnach einzurichten. Ich aber sage Dir, wehe , wenn! eine kirchliche Einrichtung mit keinen bessern Gründen vertheidigt werden kann, als sie Dir zu Gebote stehen! Die Gemeinden werden aufgeklärt genug sein, sagst Du, ich glaub's auch; sie werden mit dem weisen Salomon sagen: „Das kann nicht die rechte Mutter sein, die da räth: „zerhacket das Kind". Obwohl ich voll Eckels bin über den tiefen Sumpf von Gemeinheit, den Du mir zu durchwaten zugemuthet, also lieber schließen möchte, so muß ich über die Messiaslehre noch einen kleinen Gang mit Dir machen. Du beginnst Deinen großen Anlauf zu diesem Punkte alsbald nach Deiner Weise mit einer gedruckt nachweisbaren Unwahrheit. Du sagst nämlich, Herr Kirchenrath 0r. Maier habein der Einweihungsrede nur gesagt : „Heil sei in Deinen Mauern Stuttgart- Jerusalem!" und folgerst daraus, daß das den Sinn habe, Gott solle Stuttgart das Heil wiederfahren lasten, das er hat Jerusalem ehemals zu Theil werden lasten. Etwas gezwungen, doch es ginge wohl, aber, Freund, es geht nicht. Ich habe mir die gehaltenen Reden kommen lasten (Stuttg. Metzler 186 l). Da steht Seite 21 deutlich zu lesen: „Dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem*), wünschen wir Heil! Das kann denn doch offenbar keinen andern Sinn haben als das bekannte H Oik, daß der Redner meinte, Stuttgart sei sein und seiner Hörer Jerusalem. Nun nimmst Du es übel, daß ich das zur Sprache gebracht, Du nennst das „verketzern"; ich weiß nicht, ob die Rüge einer Aeußerung schon so genannt werden kann; doch halte das, wie es Dir gefüllt, ich glaube, daß es mit dem Verketzern folgende Bewandtniß hat. Wenn ein Mensch, der keinen berechtigten Einfluß auf mich hat, dem ich mich nach Belieben entziehen kann, Grundsätze ausspricht, die ich verwerflich finde, so gehe ich ihm aus dem Wege, ich habe kein Recht, ihn zu tadeln. Wenn aber ein Mann, in dessen Hand die religiöse Leitung der Israeliten eines ganzen Königreiches liegt, der mich und meine Kinder in einem gewissen Sinn „selig sprechen und verdammen kann", Grundsätze ausspricht, die ich verwerflich finde, so habe ich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, meine Glaubensgenosten auf die Gefahr aufmerksam, zu machen, die uns bedroht. Das habe ich gethan. *) So habe ich die Phrase in meinem Schristchen S. 8 einmal mit fetter und einmal mit gesperrter Schrift gegeben, so hat sie feiner Zeit auch der „Israelit* gegeben. Auf wessen Seite ist die Unwahrheit?