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Der Israelit · 1864-05-18 · Heft 20 (18.5.1864) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 20 (18.5.1864)
Date
1864-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage z« Rr. 19 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspon- -enzen. Deutschland. Mainz, den 9. Mai. «1.1 1^82 712W2 2'2 b8 22^2 ^28 2'2 ^8 22^>b 2W :12b ^8 D' 'N.-N 218.1 b2 „Besser ist es, zu gehen in das Haus der Trauer, als in das Haus des Gastmahls, weil hier das Ende aller Menschen ist und der Lebende es sich zu Herzen nimmt." Wohl ist kein Ort geeigneter, den Menschen zum Nachdenken über sich selbst und zur Erkenntmß seiner Hinfälligkeit zu führen, als derjenige, wo ihm die Grabhügel der Dahingeschiedenen mit ihren Denkmälern, die noch ein stummes Zeugniß von der einstigen Herrlichkeit der Heimgegangenen geben, entgegentreten; denn hier wird selbst der Frivole und Ungläubige oft mächtig ergriffen von dem ernsten und bangen Gedanken an seine herannohende letzte Stunde. Und wie sehr er sich auch gegen diesen Gedanken sträubt, er erfaßt ihn gegen seinen Willen; und wie sehr er sich auch bemüht, das Streben Derjenigen als eitle Thorheit zu bezeichnen, die, beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an ein einstiges höheres Leben, ihre ganze Lebensthätigkeit auf dieses höhere Ziel wenden, er muß sie bewundern und um ihren innigen Glauben, der eine so große innere Zufriedenheit und für jede Lebenslage Kraft nnd Einsicht zur würdevollen Haltung zu verleihen vermag, beneiden. Doch noch in sprechenderer und ergreifenderer Weise tritt der ernste Gedanke vor die Seele hin, wenn wir die irdische Hülle eines Frommen und Edlen dem Schooße der Erde überliefern sehen, an den sich Erinnerungen knüpfen, die in unsere eigene Lebensgeschichte, eingreifen, die nicht blos ans den gewöhnlichen Wechsel der menschlichen Dinge hindeuten, sondern die uns das geistige Leben und Streben eines ganzen Heimgegangenen Geschlechtes vorführen in der Fülle seiner religiösen Kraft, in dem Glanze seiner Tugenden, in der Reinheit und Lauterkeit seiner Gesinnungen. Und wenn wir erst.aus beredtem Munde diese Erinnerungen schildern hören; wenn wir sie aus einem für die Religion der Väter warm fühlenden und tief begeisterten Herzen vernehmen: dann fühlen wir uns eins mit den Leidtragenden; ihr SchmeH ist der unserige geworden — wir weinen und klagen mit ihnen. Eine solche Anregung zur Wehmuth und zugleich zur geistigen Erhebung bot sich uns Sonntag den 6. Mai bei der Beerdigungsfeier der in Gott Entschlafenen Frau Bertha Bondi, Wittwe des Herrn Jona- Wolf Bondi und Tochter des verewigten Oberrabbiners, Rabbi Herz Scheuer welche in einem Alter von 99 Jahren am Sabbath Paraschath Kedoschim und man kann wohl sagen 2'Mip ti?2 'iN8, durch den Tod einging in das Reich der Heiligen. Ein unabsehbarer Leichenzug, gebildet aus den angesehensten Mitgliedern der hiesigen israelitischen Gemeinde, sowie aus vielen christlichen Mitbürgern, gab Zeugniß von der großen Liebe und Verehrung für die Verstorbene. Dem Leichenwagen folgten zunächst tief gebeugt die Söhne und Enkel. Nie sahen wir die kindliche Pietät in rührenderer Weise zu Tage treten. Der Schmerz der Söhne und Enkel um die dahingeschiedene Mutter und Großmutter glich dem Schmerz Josephs um seinen Heimgegangenen Vater. Es war jedoch nicht der Schmerz, wie er sich auf dem gewöhnlichen Lebenswege ergibt, wo menschliche Noth und Hilfsbedürftigkeit ihn erzeugen, nein, es war der reine edle Seelenschmerz, der die Frucht der innigsten Gesinnungsverwandtschaft zwischen Eltern und Kindern, der das Ergebniß einer gleichen religiösen Bildung und Lebensanschauung ist. Dies Alles wußte Herr R. vr. Lehmann, als der Leichenzug auf dem Friedhofe angelangt war, in einer so zu Herzen gehenden Sprache darzulhun, daß die Anwesenden sichtlich vom Mitgefühl dahingerifsen wurden. Nachdem derselbe den Schmerz um die Dahingeschiedene ob der Tugenden, die sie zierten, und die sie zur Zierde und zum Vorbild der Frauen in der israelitischen Gemeinde zu Mainz machten, als einen gerechten geschildert; nachdem er dieser Tugenden einzeln gedacht, wies er in einem historischen Rückblick darauf hin, daß die Verblichene die Tochter eines jener hochberühmten Rabbinen sei, wie sie die israel. Gemeinde schon in uralter Zeit in fortlaufender Reihe besessen. Hier, in dieser Stadt, habe sich schon vor mehr als einem Jahrtausend eine israelitische Gemeinde gebildet. Karl der Große (geft. 814) habe derselben auf ihren Wunsch in der Person des Rabbenu Moschch Halaken (aus Lucka) einen gelehrten und frommen Rabbinen aus Italien mitgebracht. Unter ihm und seinen berühmten Nachfolgern Rabbenu Kalonimos aus Lucka, Rabbenu Meschullam Hagadol, Rabbenu Gerschom Meor Hagolah, Rabbenu Schimeon Hagadol, Rabbenu Elieser bar Nathan u. s. w. sei Mainz eine der wichtigsten und fruchtbarsten Pflanzstätten jüdischen Wissens für Deutschland und Frankreich geworden, bis die mittelalterlichen Verfolgungen diesem edlen Streben auf einige Zeit Einhalt geboten.

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