Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1864)
- Date
- 1864-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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S6b Rechtsstellung der Juden macht, so ist dieß die Folge der unangemessenen Verordnungen, welche sie aus ein engbegrenztes Territorium wiesen, auf dem sie zusammengedrängt leben müssen. Daß diese inhumane Einengung allein die Schuld an dem trägt, was zum Vorwurf gemacht wird, zeigt der jüdische Soldat, der sich in Nichts von seinen Kameraden unterscheidet, weil ihm die Möglichkeit der freien Bewegung, des Genusses einer gesunden Wohnung und frischer Luft gegeben ist. Die Polizei-Direction glaubt demnach, aus Rücksichten der Humanität der Aushebung der die bürgerliche Rechlstellung beengenden Schranken das Wort sprechen zu sollen. Die Regierung könne, nachdem sie die Juden zum Apothekergewerbe und zur Bekleidung von Notarstkllen zugelassen, die konfessionellen Hindernisse bezüglich des Wohnens, des Gewerbebetriebes und der Erwerbung unbeweglicher Güter nicht gelten lassen; es liege kein Motiv vor, die Zuerkennung der bürgerlichen Gleichberechtigung für die Juden, nach dem Anträge des Lemberger Magistrates, von der Berathung eines allgem. Gemeindegesetzes abhängig zu machen, da die bestehenden Schranken nicht durch Communalbeschlnsse, sondern als Maßnahmen der Regierung, die mit Rücksicht auf die früheren Verhältnisse in Galizien nothwendig und zweckmäßig erschienen , stattsanden. Die Verhältnisse haben sich aber seitdem geändert, es liegt Nichts mehr vor, das die Fortdauer der Ausnahmestellung, — welche Zweifel an den Ernst des konstitutionellen Systemes aufkommen läßt — rechtfertigen könnte. —" Welcher Contrast zwilchen diesem Polizei-Referat und den Verathungen, Beschlüssen, Anschauungen und Motiven des Gerne in derathes und Magistrates von Lembergl Ciseustadt, am Neumond Jjar. Soeben lese ich einen, „jüdischen Ultramontarismus" überschriebencn Artikel der Wiener „Presse" Nr. 124 d. d. 3. Mai, der unser Auftreten in dem Compert'schen Prcßprozcsse durch abgedroschene Phrasen und niederträchtige Verläumdungen zu verurtheilen den Zweck hat. Größtenteils hat mich dieser Artikel außerordentlich erfreut, da er nicht allein die Art und Weise der Polemik unserer Gegner kennzeichnet, sondern auch endlich einmal den Schleier lüstet, mit dem dieselben ihre Aussagen zu verhüllen bemüht waren, und uns deutlich die Ziele zeiget, die das Gebühren jener Partei anstrcbt. Kein besseres Zeugniß für die Dringlichkeit unseres Protestes gegen Me Gutachten „zweier hervorragender jüdischer Seelsorger" hätte uns wahrlich gegeben werden können, als dieser Artikel, in dem uns mit nackten Worten erzählt wird, daß von ihnen vor Gericht bezeugt worden, der Glaube an die dereinstige Ankunft eines Messias, mit allem was drum und dran ist, sei kein Dogma. Es ist also nicht beschworen worden, daß jeder Jude sich die Ankunft des Messias nach eigener Schablone denken könne u. s. w., wie man jene Aussagen zu deuteln und zu entschuldigen versuchte, sondern ganz klar, der Messiasglaube ist kein Dogma; folglich kann man ein echter Jude sein, ohne überhaupt einen Messias zu erwarten. Natürlich wenn das Judenthum neueren Datums nur aus „humanen Traditionen bestehen, und die abstoßende Dornenhecke von dem alten Ritus durch die informatorischen Ideen von heute" fallen soll, so muß auch Alles, was an die gehoffte Rückkehr in das gelobte Land erinnert, und in erster Reihe der Glaube an die Ankunft des Messias, über Bord geworfen werden. Das iss nun die Consequenz der „allbelebenden Reform." Was nun die Form betrifft, in der man gegen uns in jenem Artikel zu Felde zieht, so habe ich mich freilich schon seit langer Zeit daran gewöhnt, sogenannte Mische Blätter durch nichts weiter als durch billige Phraseologie und gemeine Verdächtigungen die Orthodoxie bekämpfen zu sehen; daß aber auch ein so weit verbreitetes Blatt wie die „Presse" sich herabwürdigt, seine Spalten dem Treiben der Neuerer zu öffnen, glaubte ich nicht mit Stillschweigen übergehen zu dürfen. Es wird auf uns der Verdacht geworfen, daß mir die Segnungen des modernen Staatslebens, durch welche wir in unfern Rechten und Institutionen geschützt werden, nicht wie die Neologen anerkennen und schätzen; und schließlich werden wir angeklagt, daß wir in dem Preßvrozeffe die Intervention der Staatsbehörde angerufen hätten. Ich hatte anfangs die Absicht, als Mitgefertigter unter dem Proteste die Redaktion der „Presse zu einem Widerrufe dieser niederträchtigen Lügen, die durchaus jedes Grundes entbehren," aufzufordern, beschloß aber nach reiflicher Ueberlegung jede Zänkerei in politischen Blättern meinerseits zu vermeiden, und mich mit der Versicherung an dieser Stelle zu begnügen, daß meines Wissens nie und nimmer in dieser Sache unsererseits Schritte gethan wurden, um die „Hülfe des weltlichen Armes" anzusuchen und die wohllöbl. Polizei um ihre Vermittlung als Gewiffenscurator zu bitten. Diese Erklärung glaube ich den Freunden der heiligen Sache, die ich vertrete, schuldig zu sein, und erachte es für genügend, dieselbe durch diese Zeilen veröffentlicht zu haben. vr. I. Hildesheimer, Rabbiner. (Hierbei eine Beilage.) Verantwortlich» Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampfschnellpreffendruck von I. ÄottSleben in Mainz.