Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1864)
- Date
- 1864-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447141-2447161--02626-2457973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
263 Söhne hervor, von denen drei sich einen berühmten Namen erwarben: Wilhelm Beer, als Astronom und Staatsmann berühmt, war bis an sein Ende Mitglied der preußischen ersten Kammer; Michael Beer, der talentvolle Dichter des Struensee, starb noch sehr jung in München an gebrochenem Herzen in Folge einer Zurücksetzung, die ihn deßhalb traf, weil er Jude war; der jüngste Sohn, Heinrich Beer, wurde Kaufmann, war ein äußerst gutmütiger und wohlthätiger Mann, verschwendete aber in leichtsinnigster Weise sein großes Vermögen und starb ebenfalls früh. Alle seine Brüder überstrahlte Jakob Meyer Beer. Schon in frühster Kindheit trat sein Talent für Musik zu Tage; als dreijähriger Knabe zog er die Leute an's Clavier und ruhte nicht eher, bis man ihm vorspielte. Diese sich so energisch zeigende Liebe zur Musik veranlaßte die Eltern, dem Kinde schon früh bei dem damals berühmten Claviervirtuosen Franz Lauska Unterricht ertheilen zu lassen, dem sich später theoretische Unterweisung bei Zelter zugesellte. Bald überraschten die außerordentlichen Leistungen des Knaben im Clavierspiel, so daß er wiederholt in Berlin und Wien öffentlich auftrat. Allein er begnügte sich nicht mit dem Berufe eines Virtuosen, er wollte selbst bilden und gestalten. Demzufolge ging er bereits 1810 nach Darmstadt, zu dem berühmten Componisten Abt Vogler, bei welchem K. M. v- Weber sein Mitschüler war. Hier schrieb er sein erstes umfangreiches Werk „Gott und die Natur", eine Cantate. Es ist nicht unsere Aufgabe, die musikalische Laufbahn Meyerbeer's, seine Studien, Kämpfe, Fehlgriffe und endlich seine Erfolge zu schildern. Wir erwähnen seiner hier nur, da er einer der berühmtesten Juden der Gegenwart war und wenigstens dem Namen nach dem Judenthume treu blieb. Daß M. nicht getreu dem Gesetze Israels lebte, das hatte seine Erziehung verschuldet; seine Kindheit fiel in eine Epoche, in der in Berlin Bildung und Abfall vom jüdischen Religionsgesetze für identisch galten. Rühmend müssen wir es anerkennen, daß er wenigstens den Namen Jude bis zu Ende trug und sich nie, wie das leider so vielfach vorkam und vorkömmt, dessen schämte. Auf eine Einladung, nach Wien zu kommen, erwiederte er, daß er nicht gewillt sei, Tagzettel zu zahlen (so hieß jene schmachvolle Abgabe, die der auswärtige Jude vor dem Jahre 1848 täglich zahlen mußte). Als man ihm darauf antwortete, man würde den größten Tondichter der Welt nicht als Juden, sondern als Cavalier behandeln, da entgegegnete Meyerbeer in würdiger Weise: er wolle mit sich keine Ausnahme gemacht wissen; er würde daher nicht eher nach Wien kommen, bis jene entwürdigende Steuer keinem Juden mehr abverlangt würde, und er hielt Wort. Wie wenig er aber sonst dem Judenthume angehörte, geht schon daraus hervor, daß er seine älteste Tochter — er hinterläßt deren drei, von denen zwei noch unverheirathet sind — mit einem Baron Korff verheiratete und sie vorher taufen ließ. Wir entnehmen den Bericht über seine Leichenfeier der Köln. Zeitung: Paris, den 6. Mai. Meyerbeer's Tod kam plötzlich, und noch hat man sich hier in Paris von diesem Verluste nicht erholt. Nach jahrelangem Warten war uns die „Afrikanerin" endlich für die nächste Wintersaison fest zugesagt, so daß man sich daran gewöhnt hatte, Meyerbeer's fortgesetztes Wirken gleichsam als eine ausgemachte Sache anzusehen. Unpäßlichkeiten erschreckten seine Freunde wenig, denn sie überfielen seine zarte Constitution zu oft, und so hatte auch dieses Mal der Anfang der Krankheit nicht so alarmirt, als ihr tragischer Ausgang verdient hätte. Seine beiven jungen, in Baden weilenden Töchter waren in aller Eile von dort herüberberufen worden und trafen ihren Vater noch lebend. Die Leichenfeier Meyerbeer's war die großartigste und erhabenste, der ich seit 20 Jahren in Paris beigewohnt habe. Er war in der Nue Montaigne Nr. 2, einem Eckhause desPlatzes gestorben, der in der Mitte der elyseeischen Felder liegt. Dort hatten sich von 12 Uhr ab die Eingeladenen und die verschiedenen Deputationen der Akademieen, Theater, Gesangvereine u. s. w., fast die Hälfte der elysöeischen Felder bedeckend, eingefunden. In einem Saale des ersten Stockes stand der Sarg, der mit einer schwarzen, von weißen Sternen besäeten Decke überhängt war. Blumen und Jmortellen-Kränze zierten ihn reichlich. Etwas nach 1 Uhr setzte sich der Riesenzug in Bewegung. Eine Abtheilung Militär und ein Militär - Musikcorps eröffnete ihn. Dann folgte ein Trauerwagen, der von den Rabbinern eingenommen wurde; darauf der von sechs schwarzen Pferden gezogene riesige Leichenwagen, reich mit Silber-Verzierungen geschmückt, welchem ein Ceremonienmeister die Orden des Verewigten nachtrug. Dicht dahinter die anderen Ceremonienmeister mit den Synagogen-Dienern, von denen einer das alte Testament (?) in der Hand hatte, dann die Mitglieder der Familie, die Deputationen des Instituts von Frankreich und die unabsehbare Masse der Deputationen und Eingeladenen. Die Nationlgarde machte mitgehend Spalier. Der Zug bewegte sich durch die elysseischen Felder, die Boulevards, die Rue Dronot und die neue Rue Lafayette nach dem Nordbahnhofe. Hier hatte man die Einfahrt und die ganze alte so eben durch eine neue ersetzte Halle schwarz ausgeschlagcn und zu einem rechts und links mit Tribunen versehenen Saale umgeschaffen. Auf dem Wege waren mindestens ein paar mal hunderttausend Menschen in den langen Stra-