Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 16-17 (20.4.1864)
- Date
- 1864-04-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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228 zu seinem Gotte betend; wie er den Schein hat, mit Herz und Seele so ganz bei seinem Gotte zu sein!" Er trat mit seinen Genossen näher, stellte sich vor den Mann hin und schaute ihm in's Gesicht und blickte so spöttisch drein, um ihn in seinem Gebete irre zu machen; aber der Mann schien ihn immer noch nicht zu sehen, oder that wenigstens so. Da sagte der übermüthige junge Mann zu einem seiner Genoffen: „Ich kann es nicht lassen, ich muß dem Vorleser da für seine Unachtsamkeit gegen mich eine Schmach anthun" und — spie ihm in's Gesicht. — Aber auch dadurch ließ sich der fromme Mann nicht im mindesten irre machen, sondern betete und sang sogar ruhig und andächtig fort. — Da ergriff tiefe Reue den übermüthigen jungen Mann; er wich einige Schritte zurück und sprach zu seinen Genossen: „Ich fürchte, ich habe Unrecht gethan, daß ich dem Manne eine solche Schmach zugefügt. Gewiß, es ist ein frommer Mann, ja, ein heiliger Mann, und sein Gesang tönt mir jetzt sogar süß und lieblich und spricht mir gewaltig zum Herzen. Es ist mir, als hätte ich eine große Sünde begangen!" — Still und fast beschämt verließ er mit seinen Genossen das Gotteshaus. Doch es ließ dem jungen Manne keine Ruhe; das Bild des greisen Vorbeters, wie er dastand, angespuckt und doch so ganz bei seinem Gotte, schwebte ihm die ganze Nacht hindurch vor den Augen. — Den andern Tag begab er sich zu dem von ihm so schmählich mißhandelten Manne und bat ihn, er mochte ihm doch sagen, warum er gestern so ernstlich gebetet habe. — „Herr," sprach der Vorbeter, „was fragt Ihr danach? Ihr habt mir gestern eine Schmach angethan, wie sie mir in meinem ganzen Leben, das schon Manches zu erdulden hatte, nicht widerfahren ist. — Ich will schweigen von dem Gespötts, das Ihr in dem heiligen Gotteshause getrieben, und noch dazu an einem solchen Tage, wie wir ihn gestern gefeiert! Den gestrigen Tag, wisset! hat uns der gütige Gott gegeben, daß wir uns von demselben ganz der Buße und der Erhebung zu Gott hingeben sollen, auf daß uns unsere Sünden vergeben werden, sowie es die heilige Schrift verheißet, und Ihr, Ihr habt diesen Tag, der uns so heilig ist, mißhandelt! Und dennoch, sage ich Dir, junger Mann, dennoch habe ich in meinem Herzen gelacht über die Schmach, die Du mir gestern angethan; sie erinnert mich an die schweren Leiden, welche die Meinen schon so lange Zeit mit frommer Ergebung erdulden. Gewiß, dachte ich, heute vergibt der gnädige Gott Dir und der' Gemeinde, die Du vertrittst , alle Sünden ob der Schmach , die Du erduldest in dem Augenblick, wo Du vor Ihm stehst, und darum betete ich ungestört mit inniger Andacht und fröhlichem Herzen weiter." — Der junge, gestern so übermüthige Mann war von diesen Worten des Greises so ergriffen, daß er einige Minuten selbst keine Worte finden konnte. Dann aber, nachdem er sich einigermaßen gefaßt, bat er den frommen Greis, ihm doch seinen sündhaften Uebermuth zu verzeihen; er wolle gewiß durch sein späteres Thun zeigen, wie tief er sein Unrecht fühle. — Der Greis gab keine Antwort und ließ schweigend den jungen Mann sich entfernen. Doch schon am dritten Tage kam derselbe wieder und bat abermals mit noch innigem Worten um Verzeihung; es ließe ihn keine Ruhe finden, bis er das Wort der Verzeihung erhalten. — „Nun denn," sagte jetzt der fromme Mann, „weil ich sehe, daß es Dir Ernst mit deiner Reue ist, so will ich Gott bitten, daß er Dir vergeben möge, so groß auch das Unrecht ist, das Du gethan; aber ich hoffe, daß Du von nun an den Menschen im Menschen zu achten wissen wirst, welchem Glauben er auch angehören möge. Vergiß nicht! Die beste Buße ist: sein Unrecht bekennen und nicht mehr begehen! — Wer sein Unrecht noch in Händen behält, sagen unsere Wersen,*) und möge er noch so viel Bekenntniß ablegen, er gleicht einem Menschen, der ein unreines Thier in Händen hat, und tauche er in alle Wasser der Welt unter, sein Untertauchen nützt ihm nichts; wirft er aber das unreine Gewürm ab, dann vermag ein einfaches Bad ihm seine Reinheit wieder zu geben." — Der junge Mann versprach, danach zu thun und hielt Wort. — Die Vertreibung -er Juden aus Tyrmm,**) in der Mitte des 17. Jahrhunderts. I. An einem stürmischen Winterabend saß Rabbi Nachum Sefardi zu Tyrnau in seiner engen Studirstube, mit der Beantwortung mehrerer rabbinischen Briefe beschäftigt. Er war ein schon bejahrter Mann und galt schon seit langer Zeit für einen der hochgelehrtesten Rabbinen, dessen Lalmudisch - wissenschaftliche Entscheidungen aus den weitesten Ländem gesucht und gewürdigt wurden, und so dachte er auch diesmal über den Gegenstand einer an ihn gerichteten Anfrage nach, als die Thüre leise geöffnet wurde, und ein blühender, stattlich gekleideter Jüngling in die von der Lampe nur matt erleuchtete Stube mit ehrfurchtsvollem Gruße hereintrat. „Verzeiht, Herr Rabbi — sprach er in sichtlicher Befangenheit, — daß ich noch in später Abend- *) Taanith 16 ». **) Bearbeitet nach einer im Verlag von M. Lövt's Sohn zu Pesth erschienenen jüdischen Volksschrtft, welche jüngst aufgefundenen Manuskripten entnommen ist.