Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1864)
- Date
- 1864-04-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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196 - i 1'- inen dagegen Kelch des Heiles. In dieser bildlichen > Bedeutung des Bechers hat der uralte jüdische Gei brauch seinen Ursprung, daß man bei allen irgendwie freudigen Veranlassungen einen Becher füllt und Gott darüber lobt. Warum füllen wir aber am Sederabend viermal diaen Becher? Das mag die folgende Auseinandersvtzchrg uns lehren: - . ' - / 1. Uebir den ersten Becher sprechen wir das K'dusch- WE Was ist aber der Inhalt dieses Kidnsch? Wir danken darin Gott, daß er uns vor allen Völkern erwählt und durch seine Gebote uns geheiligt hat. Wenn! wir nun diesen Dank beim Beginn jedes Sabbats und Festtags aussprechen, weil eben die Sabbate und Fest-! tage, die uns dem Treiben der Welt entreißen und dem Dienste Gottes weihen, ein Unterpfand der Heiligung sind, zu der uns Gott berufen; so darf dieser Dank gewiß am nos, dem Feste unserer Befreiung! aus Aegypten, nicht fehlen. Denn das war ja die .Hauptabsicht Gottes bei der Erlösung, daß er Israel i frei machte vom Heidenthume, an besten Götzendienst und Lasterhaftigkeit unsere Väter in Aegypten, nach! dem Zeugnisse der heiligen Schrift, bereits theilgenom-! men hatten. — Darum wird in allen Stellen unseres! heiligen Gesetzes, wo dem Israeliten Selbstüberwin-! düng und Heiligung geboten wird, des Auszugs aus > Aegypten gedacht. — Wenn auch unsere Freiheit spä-! ter wieder verloren ging, wenn Israel später wieder das Joch Babels, Syriens und Roms trug, wenn es heute noch in manchen Ländern Ketten trägt —die! Freiheit des Geistes, die Heiligung, die wir erlangt,! sie ging nimmer verloren. — Geistig ist Israel nim-! wer zum Sklaven worden; es stand in Babel und i in Rom sittlich viel höher als seine Unterdrücker; es steht heute nirgends niederer als die Völker, in deren Mitte es lebt. Dabei hat es das wohlthuende Bewußtsein, daß es das Licht der Völker geworden z ist; wo mau von wahrer Menschen-Liebe spricht, darf; Israel kühn behaupten: mich hat sie Gott zuerst ge-! lehrt, als er mich aus Aegypten führte; wo man von? Gerechtigkeit redet, darf es Israel aussprechen: mich hat sie Gott zuerst gelehrt, als er mich aus Aegypten erlöste; wo man von Heiligung unseres Lebens und Wandels spricht, kann Israel freudig antworten: Dieser Heiligung wegen hat Gott mich aus Aegypten befreit. — Laßt uns dreier Heiligung nie vergessen! — Ihretwegen sollen wir alle Tage unseres Lebens der Befreiung aus Aegypten gedenken! Ihretwegen sollen wir Sabbat und Festtage feiern! Ihretwegen feiern wir insbesondere das Peßachfest. — Wenn daher der Israelit an diesem Festesabend vom Gotteshause in seine Wohnung zrückkehrt, er findet diese hell erleuchtet und festlich geschmückt; vor ihm stehen die Sinnbilder der Knechtschaft und der Freiheit; da erfaßt Begeisterung sein Herz, sein erstes Wort gilt der besonder» Heiligung Israels durch dieses Fest. Da« ist die Bedeutung des ersten Bechers. II. Die Bestimmung des zweiten Bechers ist, daß der Hausvater bei demselben den Hausgenossen erzähle, welche Wohlthaten Gott Israel erwiesen, wie Israel von den Aegyptern bis auf den Tod gepeinigt und von Gott unter Wunderzeichen befreit wurde. Wenn diese Erzählung, diese 7^.1, heutzutage Viele nicht mehr anspricht, so beweist das nicht, daß sie veraltet und uninteressant geworden, sondern vielmehr, daß man sie m ihrer tiefen Bedeutsamkeit zu fassen verlernt. Fanden doch einst Minner wie R. Akiba, der jedes Pünktchen des Gesetzes kannte, wie R. Elieser b. Asarjah, der kaum Mann geworden, schon zum Fürsten berufen ward, fanden doch solche Männer diese Erzählung so wichtig, daß sie ihretwegen Nachte durchwachten und von ihren Schülern an das Kriat Schema gemahnt werden mußten. Aber Israel hat nicht blos von einer einzigen Erlösung zu erzählen, es sind vielmehr Taufende von Erlösungen, die wir Gott zu danken haben. Gerade die Gebote Gottes, durch die er heiligend uns von den Völkern geschieden, gerade diese Gebote der Heiligung haben uns oft den Haß der Nationen zugezozogen; aber jederzeit stand Gott uns rettend zur Seite. Denn ob wir auch, wie ein Dichter sich ausdrückt, unsere Schlachten verloren haben, so sind doch unsere Fahnen gerettet. Das Buch unseres Gesetzes, wir heben es noch jubelnd empor und feiern das Fest unserer Erlösung; denn wir sind nicht besiegt. Diese Geschichte unserer tausendfältigen Rettung sollen wir den Unserrgen erzählen und wenn dann das Gefühl des Dankes gegen unfern gütigen Erlöser unser Herz füllet, sprechen wir den Segen über den zweiten Becher. III. Bei dem dritten Becher sprechen wir das Tischgebet. Das Brod, des Leibes Nahrung, ist so wichtig selbst für der Seele Heil, daß wir es zu den größten Wohlthaten des Schöpfers rechnen, und billig daS ganze Jahr hindurch das Tischgebet über einen gefüllten Becher sprechen. Aber auch das hat seinen guten Grund, warum dieser Becher mit in die Zahl der Vier gerechnet wird , die wir zu Ehren des PeßachfesteS trinken. — Wir erfahren durch den Talmud: daß der Nahrungserwerb für die Menschen oft so wunderbar sei, wie die Befreiung aus Aegypten. Ja, der Israelis hat mit der Erwerbung fernes Brodes eigenthümliche Schwierigkeiten. Da sind Sabbat- und Festtage^ die er dem Erwerbe nicht widmen kann, die ihm deßhalb den Betrieb mancher Geschäfte erschweren oder unmöglich machen; da find die Speisegesetze, die ih«