Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1864)
- Date
- 1864-02-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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101 sich überall heimisch finden und fühlen. Auch die Variation des Ritus fiel nicht sonderlich auf, denn alle, der Polnische, der Deutsche, der Spanische, waren von dem gleichen Geiste und gleichen Glauben durchweht. Aus den Gebeten athmete der Glaube an die Schöpfung durch Gott, an die Wahrhaftigkeit der göttlichen Offenbarung, an die Belohnung und Bestrafung nach dem Tode, an die tröstliche Zukunft Israels nach der Uebereinstimmung aller Propheten, an die dann wieder eintretende Erfüllung der Religionspflichten in ihrer ursprünglichen Gesammtheit, an die Wiederbe- , lebung der Tobten. Man begegnete überall der gleichen Ueberzeugung, der gleichen Hoffnung, dem gleichen Gefühle und Bewußtsein der engsten Zusammengehörigkeit. Der Ritus gab diesen heiligen Empfindungen der Seele mitunter nur verschiedenen, immerhin doch den wärmsten Ausdruck. Nur die Lossagung von diesem einheitlichen Glauben und Religionsleben ist es, welche die Neuen bestimmte, bald den Messias, bald Jerusalem, bald die Opfer rc. aus den Gebeten zu bannen. Jeder dieser Neugläubigen hat sich sammt seinen Hörern ein eigenes Glaubensbekenntniß geformt, danach den Cultus modificirt, den Pflichtenkreis reducirt, so daß der Altgläubige in vielen Gemeinden nicht mehr in dem Bethause der Neuen mitbeten, nicht mehr an deren Tische mitspeisen, und kaum mehr ohne Aergerniß und Verdruß über deren Spott über Gott und Sein heiliges Wort mit ihnen verkehren kann. Natürlich ist aber solche Verletzung der Einheit nicht von den Orthodoxen ausgegangen; denn diesen gilt heute noch heilig, was vor Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden heilig galt; der Glaube der Väter ist unser Glaube, die Pflichten aller früheren Zeitalter sind noch unsere Pflichten. Wir kennen keinen neuen Glauben, keine neue Pflichten, hegen keine andere Hoffnung von der Zukunft als die, welche wir aus der heiligen Schrift nach traditioneller Auffassung schöpfen. Wenn es daher leider schon in mehreren Gemeinden zur bedauerlichen Spaltung gekommen ist, und das Zerwürfniß immer weiter greift, wenn Viele jetzt anders glauben, anders lehren, anders leben, anders hoffen als unsere Ahnen, als wir, ,die wir diesen treulich folgen, — so haben eben jene Reuen mit ihrem abweichenden, selbstgeschaffenen Glauben, oder richtiger, mit ihrem Unglauben, mit ihrer aus dem Nichtglauben an die von Gott geoffenbarte Thora resultirenden Aenderung und Minderung der Gebote und Verbote die Orthodoxie und somit den Boden des Judenthums verlaßen. Nur auf denjenigen Männern lastet die schwerer Schuld der Zersplitterung, welche zur Vertretung, Wahrung und Förderung der religiösen Gemeinde- Jntereffen berufen find, aber durch Lehre und Leben Zur Verflachung des religiösen.Sinnes, zur Schwächung > des Glaubens, zur Nichtachtung heiliger Satzung und! Sitte beitragen und veranlassen.! Noch ist allerdings eure allgemeine Trennung in-! nerhalb des Judenthums durch bestimmte Abgrenzung i der Dogmen und Pflichten nicht ausgesprochen; und! jeder wahrhafte Israelit sträubt sich selbst gegen den j Gedanken einer solchen Ausscheidung der durch die Geburt zu ihm gehörigen Genoffen; er sucht möglichst , und sorglichst dieselben mit sich zusammen zu halten, i hofft trotz zunehmenden Abfalls auf die wiederkehrende! Besonnenheit der Abtrünnigen und erschrickt bei der , Wahrnehmung jeder durch Wort und Werk gegen Glauben und Pflicht begangenen Untreue. Wenn aber die zu Volkslehrern und Volksführern berufenen Männer wissentlich und freventlich die Reinheit unseres Stammes untergraben helfen, indem sie verbotene Ehen gestatten, bei Ehescheidungen sich nicht nach den bestehenden Gesetzen richten, sondern nach eigenen Einfällen verfahren, Chaliza unterlassen oder gleichfalls I nach einem selbstgeschaffenen Modus vornehmen, wenn ihnen überhaupt Thora, Mischna und Gemara nicht! mehr heilig gelten, wenn sie der Entwickelung der j Dinim aus den Poßkim bis auf den Schulchan Aruch herab sammt den welche in allen Lebensangelegenheiten und Zeitverhältnissen die Anknüpfung an die göttliche Lehre mit aller Sorgfalt und Umsicht aufsuchen, nicht mehr folgen, wenn sie alles Heilige der Bequemlichkeit des Lebens hinopfern, — muß solche Leichtfertigkeit, solcher Frevel nicht endlich die Orthodoxen zwingen, diese Neugläubigen, welche den Hauptglaubenssatz 2'OL'ri ,-i^nri tatsächlich umstoßen, in die Kategorie der Karäer zu stellen, und sich von ihnen wie von diesen fern zu halten? Welche traurige, und leider nicht mehr fern liegende Möglichkeit! Wir wünschen Nichts sehnlicher, als daß aller Grund und jede Veranlassung zur Parteiung in Religionsangelegenheiten völlig schwinden, daß es zur wahrhaften Einheit des Glaubens und zur Einheit der Pflichtenlehre und des Pflichteulebens, nicht aber wie man etwa die Theorien dazu aufzustellen belieben wird, sondern wie sie uns bereits Bibel und Talmud aufgestellt haben, recht bald wieder kommen möge. Hat doch die in Wien jüngst proclamirte Einheit eine allgemeine Freude! unter den Neuen hervorgerufen, in die wir sehr gern einstimmen, aber es muß die religiöse Einheit nicht in einem Hohlen Wortschwall bestehen, sondern zurThat- und Wirklichkeit werden. Bei dem noch jetzt so vielfach hervortretenden Widerspruche zwischen orthodoxen Ge-! meinden und reformsüchtigen Predigern oder neuerungs-! luftigen Gemeinden und religiös gesinnten Rabbinern, j bei den häufigen Spaltungen innerhalb der Gemeini den selbst bleibt allerdings das Gutachten der Wiener : Sachverständigen unerklärlich, oder es müßten unter i der weisen (!) und geschickten (I!) Leitung des Herrn i Rabbiners L. H. der großen Kaiserstadt dergleichen