Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1864)
- Date
- 1864-02-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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100 noffen die Messiashoffnung einen vorwiegend materiellen Character angenommen haben; gar Viele mögen den Messias nur deßhalb herbeigesehnt haben, damit er dem materiellen Elende ein Ende mache. Diesen gegenüber sagte nun Rabbi Hillel, daß das Heil, welches der Messias zu bringen bestimmt sei, kein bloß materielles sein würde; er ging dabei wohl etwas zu weit, indem er die materiellen Segnungen zu sehr negirte: dse Israeliten haben keinen solchen Messias zu erwarten, wie sie ihn gegessen haben zu den Zeiten Chiskijah's, da nämlich nach der Vernichtung des Heeres Sanherib's der großartigste Wohlstand herrschte. — Wir wissen sehr wohl, daß unsere Auslegung ein wenig gezwungen ist — allein gerade deßhalb, weil der Ausspruch R. Hillens so schwer verständlich und so leicht mißzuverstehen ist, sagte R. Joseph: „möge es ihm Gott verzeihen," ein Ausdruck, der nach Joma 86 einen Chillul Haschem, eine Entweihung des göttlichen Names characterisirt; so ohne Ansehen der Person verfährt der Talmud selbst mit den eigenen großen Männern, weil ihm eben die Wahrheit und die rechte, echte Lehre das Höchste ist. — Wir haben im Vorstehenden einen allgemeinen Abriß von der Messiaslehre des Judenthums gegeben, ohne uns in die Einzelheiten des Wann und Wie einzulassen, da es nach den in Nr. 7 angeführten Worten des Maimonides nicht gut ist, Solches abzuhandeln. Möchte das Gesagte dazu beitragen, das Verftändniß zu klären und vor Jrrthümern zu bewahren. So viel steht fest: unser Glaube ist kein trüglicher und unsere Hoffnung wird nicht zu schänden werden, denn Gott ist es, der da bauet Jerusalem, der die Verstoßenen Israels sammeln wird — der die verwundeten Herzen heilt und ihre Schmerzen lindert. (Ps. 147, V. 2 und 3). Altgläubige und Neugläubige. Von Man pflegte bis jetzt Alle, welche sich zum Glauben der Väter, wie ihn Bibel und Tradition lehren, treu bekannten, und streng nach den daraus fließenden Gottes- und Menschenpflichten lebten, die Orthodoxen oder Rechtgläubigen zu nennen. Einen andern als diesen alten Väterglauben §ennt auch das Judenthum nicht; vor ihm verschwand bisher so manche durch Abtrünnige versuchte Aenderung und Minderung bald nach ihrem Auftauchen wieder; derselbe wird auch fernerhin alle neueren Gestaltungen, welche ihm die Kinder der Neuzeit nach einer vorgeblichen Anforderung des Zeitgeistes zu geben bemüht sind, siegreich überdauern.! Uns, die wir in diesem alten Väterglauben un-! sere volle Beseeligung finden, als die Rechtgläubigen! anzuerkennen, dazu wurde, wie Bileam der Segen, so! unseren Schmähern der Namen der „Orthodoxe" gleich- , sam in den Mund gelegt. Ohne sich der Bedeutung! des Wortes „Orthodoxie" bewußt zu sein, glaubten sie die Gläubigen zum Gespött zu machen, wenn sie ihnen dieses dem Sinne nach ehrende Attribut beilegten. Wir schämten uns gewiß niemals, zu den Orthodoxen gezählt zu werden, und lassen uns sogar auch den Namen .Altgläubige" gern gefallen, den uns L. j PH. in einer der jüngsten Nrn. seiner Zeitung zu geben vorzieht, weil er durch den bekannten Wiener Preßproceß aufmerksam gemacht, den Schluß fürchtet, daß das Minimum, welches den Neuen aus dem Alten noch glaubhaft scheint, nicht der rechte Glauben sein könne, wenn man uns im Gegensätze zu denselben die Orthodoxen oder Rechtgläubigen nennt. Aber während man uns nun den Namen „Orthodoxe" rauben will, um behaupten zu können, daß eine Spaltung im Judenthum nicht eristire, — o möchte es in der Thal! wahr sein! — scheint man zu übersehen, daß durch unsere Benennung als Allgläubige das Vorhandensein i eines neuen Glaubens zugegeben, und dadurch das i Gegentheil der Behauptung, also doch eine Theilung! des Judenthums „in Alt und Neu" argumentirt wird. Nennt ncan uns mithin wegen unseres „starren" Festhaltens am alten Glauben die Altgläubigen, so fragen wir mit Recht und Fug: „Auf welche Tatsachen, — wenn nicht gar auf eine neue Offenbarung, von der wir aber Nichts erfahren haben, gründet sich denn dieser neue Glaube der Neugläubigen?" Etwa auf eine Entwickelung, der Welt aus sich selbst, ohne Schöpfung durch den Allmächtigen, — etwa — im Gegensätze zur Gesammtoffenbarung nach Schrift und Tradition — nur auf ein beliebiges, dürf-! tiges Excerpt aus der Thora und den Propheten, - welche Jeder unabhängig von der Ueberlieferung nach seiner individuellen Herzensneigung ausbeulen, und den eben herrschenden Welt- und Religionsanschauungen adäquiren könnte, — etwa auf eine Zukunft ohne I Kibbuz Galioth, ohne persönlichen Messias, ohne Beth! Hamikdasch, also etwa nur auf eine allgemeine Emancipation unseres Stammes? Eine solche Scheidung des Glaubens in Alt und Neu wäre allerdings geeignet, die Einheit des Judenthums zu Zerklüften. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde unserer Einheit ehrende Anerkennung, ja selbst Bewunderung gezollt; bis vor wenigen Jahrzehnten umschlang noch unsere weithin zerstreuten Genossen Ein heiliges Band: Gleichheit der Glaubenssätze, Gleichheit der darauf sich gründenden Pflichten der Verehrung Gottes im Cultus und im Leben; diese Einheit! und Gleichheit ließ die jüdischen Bewohner des einen j Erdstrichs in jedem andern, — ließ die Israeliten