Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1864)
- Date
- 1864-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447141-2447150--02451-2457787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
R. Hillel seinen Ausspruch verzeihen (weil er Dinge behauptet hat, die nicht also sind. Rassist); dennChiskiah lebte zur Zeit des ersten Tempels; der Prophet Secharjah aber lebte zur Zeit des zweiten Tempels und prophezeite: Frohlocke gar sehr, Tochter Zions, jubele, Tochter Jerusalems; siehe, dein König wird dir kommen, gerecht und hilfreich ist er: doch demuthsvoll auf einem Esel reitend, auf einem Füllen, dem Sohn der Eselin (Secharjah C. 9, V. 9). — Die Prophetie Secharjah's kann sich also unmöglich auf Chiskiah beziehen; sie ist noch nicht in Erfüllung gegangen; sie wird sich erst erfüllen bei der Ankunft des Messias, des Sohnes Davids. Der Ausspruch Rabbi Hillels hat viel Auffallendes und hat namentlich in neuerer Zeit viel Unheil angerichtet, indem er von den sogenannten Reformern mißbraucht worden, um das Volk zu irrigen Ansichten und so allmählich zum Aufgeben des gesammten Judenthums zu verführen; denn ist es den Resormjüngern erst gelungen, den Glauben an die Ankunft des persönlichen Messias zu erschüttern, so wird es ihnen leicht werden, die Hoffnung auf die Sammlung der Zerstreuten Israels und auf die Rückkehr nach dem gelobten Lande aus den Herzen unserer Brüder zu reißen, die Lehre von der Erlösung derart zu verwässern, daß etwa ein allgemeiner Glückszustand in Aussicht gestellt wird, in welchem Israel in die Völker aufgeht und seine besondere Nationalität aufgibt; dann wären auch die besonderen Gesetze und Sitten überflüssig, und so wäre dann glücklich das strenge, die Söhne unserer Zeit schwerdrückende Judenthum zur Welt hiuausescamotirt. Das aber wird nimmer gelingen; das Judenthum ist der Welt nothwendig und daher ewig — zu beklagen sind nur die Abirrenden und die armen Verführten. Constatiren wir zuvörderst, daß der Ausspruch Rabbi Hillel's für unsere Denk- und Anschauungsweise völlig gleichgiltig ist, daß er auf unser Glauben und Hoffen nicht den geringsten Einfluß haben darf. Wir haben unser Peßak Halachah, d. h. unsere abgeschlossene religiöse Vorschrift, der Niemand entgegen handeln, denken oder glauben darf. Wer z. B. heutzutage wie Beth Schammai thun wollte in solchen Fällen, bei denen der Talmud wie Beth Hillel abfchließt, der wäre ein Sünder, und wenn er ein Gelehrter wäre, ein Saken Mamreh, der den Tod verdient. Wir wollen das an einem eclatanten Beispiele näher ausführen: es findet sich im Talmud eine vereinzelte Ansicht, daß das rituelle Schlachten nur bei vierfüßigen Thieren, nicht aber bei Vögeln mosaisch geboten sei .-i-nr>.-i ppp.i;'-r; diese vereinzelte Ansicht ist, wie allgemein bekannt, nicht zur Halachah erhoben. Wenn nun Jemand sagen wollte: ich will mich nach jener Ansicht richten, will meinem Huhne oder meiner Gans den Hals umdrehen und dann diese Vögel essen, so wäre derselbe ein Verbrecher am jüdischen Speisegesetze; denn jene Ansicht ist, da sie nicht zur Halacha erhoben, so gut wie nicht vorhanden. Der Talmud hat die abweichenden Ansichten nur deßhalb ausgenommen, damit sie nicht zum Jrrthume verleiten, wenn sie etwa in anderer Weise, durch andere Quellen auf die Nachwelt gekommen wären. Gerade so wie mit dem Halsumdrehen des Geflügels verhält es sich mit dem Ausspruche Rabbi Hillels; denn da Rab Gidel im Namen Rab's sich dagegen ausspricht, da Rab Joseph ihn widerlegt und sogar sich des harten Ausdrucks rviQ n'b „möge es ihm Gott verzeihen," bedient, ohne das die Gemara Rabbi Hillel rechtfertigt oder auch nur vertheidigt, so ist die Ansicht Rab's und R. Joseph's recipirte Halachah, unumstößliche religiöse Vorschrift: wer anders glaubt oder hofft ist ein Sünder, mindestens ein n' -w-H ein in Bezug auf ein Gebot des Judenthums von diesem Abgefallener, und wenn er ein Gelehrter ist, und also irrthümlich lehrt, ein Saken Mamreh, der, wenn das Synhedrium noch in der Quaderhalle des heiligen Tempels tagte, den Tod erleiden müßte. Es möge uns aber auch vergönnt sein, einige Worte zur Entschuldigung Rabbi Hillels vorzubringen, der, da ihn der Talmud Rabbi nennt, sicherlich ein bedeutender Mann gewesen ist. Wenn das der Talmud nicht gethan hat, so geschah es wohl deßhalb, um durch eine versuchte Vertheidigung den Anlaß zum Jrrthum nicht noch zu vermehren. Uns aber, denen, wie wir oben nachgewiesen haben, der Ausspruch Rabbi Hillels nicht maßgebend sein darf, steht eine solche Vertheidigung wohl an. Vor allen Dingen ist auf den Ausdruck eisen, zu achten. Rab Gidel sagt im Namen Rab's: „Dereinst werden die Israeliten die Jahre des Messias essen," im Gegensätze zu Rabbi Hillel, der da gesagt hat: „Die Israeliten haben keinen Messias zu erwarten, den sie schon gegessen haben zu den Zeiten Chiskijah's". Dieser sonderbare Ausdruck wird uns den Schlüssel zu der eigentlichen Meinung Rabbi Hillel's geben. Wir haben nämlich in voriger Nummer die Worte des Maimonides angeführt: „Nicht haben die Weisen und die Propheten die messianische Zeit herbeigewünscht, damit sie die Welt regieren, die Heiden beherrschen und sich über die Nationen erheben, auch nicht, um zu essen und zu trinken und sich zu vergnügen, sondern damit sie frei seien für die Thora und ihre Weisheit ohne Bedrückung und ohne Störung, damit sie erlangen die zukünftige Welt, wie wir es in den Vorschriften von der Buße auseinandergesetzt haben". Nun war die Zeit Rabbi Hillel's eme höchst traurige; unter den ersten chr. Kaisern nahmen die Bedrückungen, Verfolgungen, Erpressungen und Besteuerungen überhand, da mag bei R. Hillel's Zeitge-