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Der Israelit · 1864-02-10 · Heft 6 (10.2.1864) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 6 (10.2.1864)
Date
1864-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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72 der rechtgläubige greise Rabbiner gibt seinerseits eine solche advokatisch verdrehte mit „zwar" und „aber" abgeschwächte Aussage, daß der hohe Gerichtshof, der Staatsanwalt und die ganze Wiener Publizistik, die doch am Ende auch etwas versteht, ihn mißverstehen konnte, glauben konnte, durfte, daß er mit seinem leugnenden Kollegen ganz vollkommen iibereinstimme, so sehr übereinstimme, daß ein vorliegendes Gutachten gar nicht mehr beachtet, gar nicht gelesen zu werden braucht. Gibt es einen herberen Tadel als den, den Herr Rabb. Horowitz über sich selbst ausspricht, daß er in der Messiasfrage „mißverstanden worden sei"? Hätte er den tausendfachsten Theil der Entrüstung, des Schmerzes empfunden, welche die einfachsten simpelsten Juden erfüllten bei dem Lesen dieser Prozeßverhandlung, wahrlich er hätte nicht mißverstanden werden können, so wenig wie die Aufregung, die allenthalben in gesetztreuen Kreisen entstanden ist, nun von ihm mißverstanden wird. Und nun offen und ehrlich, wußte Herr Rabb. Hör. nicht gleich, daß er mißverstanden werde und war er es nicht still zufrieden, dort, wo diese mißverstandene Auffassung günstig ausgenommen wurde? Herr Rabb. Hör. hat doch wohl gehört, wie ihn der Vertheidiger Or. Lichtenftern capirte, der doch ziemlich deutlich sprach: „nicht „das Judenthum als solches sei angegriffen, nur je- „ner Theil, welcher an das persönliche Erscheinen des „Messias glaube, und das Gesetz kenne nur ein Ju- „denthum, das Judenthum kenne nur ein Dogma, „das ist der Glaube an einen Gott. Der Glaube an „den Messias aber lasse verschiedene Anschauungen zu, „es sei aus den Zeugenaussagen hervorgegangen, „daß das kein Dogma sei und es könne somit im „Sinne des Gesetzes auch kein Angriff auf die Lehre „des Glaubens verübt worden sein " Ueber den zweiten Theil der Aussage, daß es zwischen den orthodoxen und den Reform-Juden keine eigentliche religiöse Differenz von Belang gebe, wie Hr. Manheimer mit Nachdruck behauptete und Herr Rabb. Hör. sich dieser Erklärung anschloß, hat Herr Hör. nichts zu erinnern, nichts zu rectifteiren; seine ganze rabbinische Gelahrtheit, sein ganzes volles jüdisches Wissen und Gewissen kennen keinen andern Unterschied zwischen sich und den ihm gegenüberstehenden Amtsbruder, Angeklagten und Lertheidiger — wir wollen discret sein, von Abwesenden nicht sprechen — als die sich ergebenden Nuancen der Steigerungsstufen des von Herrn Manheimer so glücklich gebrauchten Wörtchens „lax". Gibt es keinen prinzipiellen Unterschied, wozu die spätere Erklärung mißverstanden worden zu sein; es bestätigt doch der Herr Rabb. selbst durch seine ihm abgerungene Erklärung, die aber sein Amtskollege nicht zu geben Veranlassung hatte, denn er hat doch deutlich genug, meine ich, gesprochen, daß zwischen ihnen Beiden schon eine religiös-prinzipielle Differenz obwalte. Die Hand auf's Herz! — doch das ist hier eine Phrase — Hr. Rabb. Hör. hat eine abgelegt — besteht wirklich keine andere Spaltung im Judenthum als die der Karaiten und Rabbiniten? Stehen die sog. Reformjuden in ihren religiösen Prinzipien, in ihrem jüdischen Leben und Streben ihm näher als die Karaiten; sind sie ihm darum mehr Rabbinisten, weil sie ihm selbst so blutwenig Karaiten sind? — Wir werden Herrn Rabb. Horowitz nicht nach Breslau bemühen, sich weitere Studien bei vr. Grätz zu holen, der ohnedieß seine Hände voll zu thun hat, den „Pseudo-Jesaias" aufzusuchen, aber wir weisen nur auf die Bücher der Propheten hin, wo er leicht finden wird, daß zuweilen sogar der craffeste Götzendienst 6n voAU6 war und sich die jüdischen Götzendiener von ihren glaubenstreuen Brüdern nicht durch förmliche Scheidung losgesagt hatten; bestand auch darum damals keine Spaltung? — Doch genug. Könnten wir auch zugeben, daß Herr Rabb. Hör. seine Pflicht als Jehudi nicht verletzt, so können wir nimmer zugeben, daß er auch seiner heiligen Pflicht als Rabbiner ^122 22^1 21: 221) Genüge geleistet. Wir wissen, es ist nicht Jedermanns Sache, in der Bresche zu stehen, jeden Angriff abzuwehren und mit seinem Leibe zu decken. Wer aber das Pulver nicht riechen könne, der bleibe in der schußweiten sicheren Baraque, überlaffe den gefährlichen Posten einem Muthigern, Stärkern, Aufopferungsfähigern zur Vertheidigung, oder lasse ihn offen, wozu den Schein einer Sicherheit erheucheln, die nicht vorhanden ist! Aber sich so hinzustellen als Hüter und Wächter der Glaubensburg und gerade in den Tagen des heißesten Kampfes den Posten verlassen, dem Gegner von weiter Ferne den Friedensgruß zuwehen, seinem Andringen freundlich auszuweichen, schön bei Seite zu schleichen, bis er eingedrungen, und sich dann wieder hinzustellen, um aber- und abermals Schildwache zu spielen, das kann doch wohl nicht recht sein. Wohl, gefährlich ist ein solches Spiel solange die getäuschten Freunde nicht stutzig werden, nicht; hin und wieder können sogar die wohlwollenden Gesinnungen der Feinde erworben werden — aber weder das Zutrauen der zu beschützenden Freunde noch die Achtung, selbst des erkenntlichsten Gegners sind auf diesem Wege zu finden. Ein Rabbiner aus Ungarn. Nachschrift. Nachträglich kömmt mir die „Wie-! ner Zeitung Nr. 12" zu, in welcher, wie Herr Rabb. Horowitz in seiner Erklärung zu seiner Rechtfertigung hinweift, der Wortlaut seiner Aussage zu finden sei. — Nachdem also von Herrn Rabb. Hör. die dort ausgesprochene Auffassung seiner Worte als die richtige anerkannt wird, haben wir nichts hinzu zu setzen

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