Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1864)
- Date
- 1864-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4L nicht zu glauben, daß man nur zu thun brauche'; die religiöse Thal ohne den Glauben ist vollkommen § werthlos, namentlich im Judenthume, wo wir eine! ganze Reihe von Gesetzen (v'pM) haben, die sich durch kr-» Vernunft nicht begründen lassen. Was nützt es,! wenn Jemanv g. B. nm Peßachfeste sorgfältig die Vorschriften über das ungesäuerte Brod beobachtet und an das zu Grunde liegende Ereigniß des Auszuges aus Aegypten nicht glaubt? Ein Solcher erwirbt sich höchstens nach talmudischer Ausdrucksweise eine doppelte Hölle. Es sind auch nicht bloß „allgemeine Ideen, die das Jndenthmn habe — aber kein Dogma", wie die „Neuzeit" im Anschlüsse an die in Rede stehende Proceßverhandlung lehrt, sondern das Judenthum hat ganz bestimmte Glaubenssätze. Diese Glaubenssätze ergeben sich mit Evidenz aus schriftlicher und mündlicher Lehre. Schon die Mischnah (Sanhedrin C. 11, ß. 1) spricht einige Glaubenssätze klar und deutlich aus und spricht dem Leugner derselben den Antheil an der zukünftigen Welt ab. Die späteren Dogmatiker, Maimonides, Aldo haben die ganze Glaubenslehre in bestimmte Hauptglaubenssätze, Jckarim, gebracht, welche die andern in sich fassen.^ Albo hat deren drei: 1) der Glaube an das Dasein Gottes, 2) an die Göttlichkeit der Thora, 3) an ein jenseitiges Leben, in welchem Lohn und Strafe für das diesseitige Leben stattfindet. — Maimonides hat deren 13, und diese 13 sind von der Liturgie ausgenommen worden; sie sind: 1) der Glaube an das ewige Dasein Gottes, 2) an die Einheit Gottes, 3) an die Unkörperlichkeit Gottes, 4) an die Schöpfung und Leitung des Weltalls durch Gott, 5) der Glaube, daß man nur zu Gott allein beten darf, 6) an die Wahrheit der Worte der Propheten, 7) an die Prophetie Moscheh's, des größten unter allen Propheten, 8) an den göttlichen Ursprung der Thora und der Ueberlieserung derselben durch Moscheh, 9) an die Unveränderlichkeit der Thora, 10) an die Allwissenheit Gottes, 11) an die gerechte Vergeltung der menschlichen Thaten, 12) an die Ankunft eines persönlichen Messias (Erlösers), 13) an die Auferstehung der Todten. Es ist allerdings wahr, daß sich einige Spätere, namentlich Rabbi Jizchak Luria, genannt der Heilige, gegen das Aufstellen von Hauptglaubeusgrundsätzen überhaupt ausgesprochen haben, aber nicht etwa aus dem Grunde, daß diese Grundsätze, Jckarim, keine Glaubenssätze seien und daß das Judenthum, um mit den Modernen zu reden, die freie Forschung gestatte, sondern einzig deßhalb, weil sich durch die Aufstellung von Hauptglaubensgrundsätzen der verderbliche Jrrthum einschleichen könnte, man brauche nur an diese und an weiter nichts zu glauben, während doch das Judenthum gar Vieles zu glauben vorschreibt; denn diese allgemeinen Glaubensgrundsätze berühren das Besondere und Einzelne nicht direct. So könnte sich Jemand zu diesen Jckarim bekennen, könnte aber Manches aus ihnen ausschließen. Wir wollen das an einem Beispiele klar machen: der achte Glaubensgrundsatz lehrt den göttlichen Ursprung der Thora; nun könnte Jemand kommen und sagen: „ich glaube allerdings, daß die Thora von Gott stammt; allein es ist Manches in der Bibel oder auch im Talmud enthalten, was sich als nähere Bestimmung der Gesetze oder als Erklärung derselben darstellt, wovon ich nicht glauben kann, daß auch dieses göttlichen Ursprungs sei". Ein Solcher ist ebenfalls ein Leugner der Thora; wir wollen die hiehergehörige Stelle nach Maimonides Hilchoth Teschubah C. 3, K. 8 citiren: Dreierlei Leugner der Thora gibts: 1) derjenige, welcher behauptet, daß die Thora nicht von Gott stammt, auch nur ein Vers, auch nur ein Wort, sondern Moscheh habe es aus sich gesagt; 2) derjenige, welcher den göttlichen Ursprung der Tradition (im Talmud) leugnet; 3) derjenige, welcher sagt, Gott habe irgend ein Gebot aufgehoben; diese drei sind Leugner der Thora und haben nach Sanhedrin C. 11, ß. 1 keinen Antheil an der zukünftigen Welt. Wenn also die Modernen behaupten, es seien bedeutende Männer gegen die Ausstellung von Jckarim ausgetreten, so haben sie darin allerdings Recht; es ist aber entweder krasse Unwissenheit oder böswillige Lüge, wenn sie vorgeben, das sei im Interesse der sogenannten freien Forschung geschehen; es ist vielmehr deßhalb geschehen, weil jene heiligen Männer durch Hervorhebung einiger Glaubenssätze die Hintenansetzung anderer befürchteten, weil sie jeden Buchstaben der Bibel und jede Auslegung des Gesetzes im Talmud als einen Hauptglaubensgrundsatz angesehen wissen wollten. Es gibt also wohl eine jüdische Glaubenslehre, und da es eine solche gibt, so muß es auch eine orthodoxe geben, das heißt diejenige, welche die Thora, d. i. die schriftliche und die mündliche Lehre, vorschreibt. Man frage doch Herrn Dr. Gr ätz, den Verfasser des incriminirten Artikels, ob er die von uns obenerwähnten Glaubenssätze anerkenne; er wird es verneinen müssen, denn er hat in seinen Schriften bereits wohl tausendmal sie verleugnet — und es sollte keinen Unterschied geben zwischen gläubigen und ungläubigen Juden, der ganze Unterschied soll nach Herrn Kompert nur die Liturgie, nach Herrn Mannheimer auch die nicht einmal, sondern nur das Aeußerliche betreffen? Die Herren haben es sich bequem gemacht; sie haben sich eine Zwickmühle eröffnet: sie behaupten einerseits, es gibt allerdings Juden, welche die heiligsten Gesetze: Sabbat, Versöhnungstag, Ehegesetze rc. verletzen, diese leugnen ja aber nicht, sie haben nur eine weniger stricte Observanz; es gibt aber doch auch Juden, die Dieses und Jenes leugnen, nicht glauben — ja, aber es gibt keine orthodoxe Judenlehre, mau