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Der Israelit · 1864-01-27 · Heft 4 (27.1.1864) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 4 (27.1.1864)
Date
1864-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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44 Eine jede Religion, wenn sie anders diesen Namen beanspruchen kann, besteht aus Glaubenslehren und Gesetzen für die That. Es ist allerdings wahr, daß das Judenthum vorzugsweise eine Religion der That ist; der Glaube allein macht es im Judenthum nicht aus, wenn nicht die vom Glauben erfüllte That demselben Ausdruck verleiht — allein, wer wäre so thöricht, zu behaupten, das Judenthum habe keine Glaubenslehren, zu deren Anerkennung es seine Bekenner verpflichte? Wir werden später das des Weitern auseinandersetzen; wir wollen jetzt vor Allem darthun, daß die Behauptung „es gibt keine orthodoxe Judenlehre", gleichbedeutend ist mit der Annahme „das Judenthum habe überhaupt keine Glaubenslehren, die für die Juden bindend seien". Orthodox heißt nämlich rechtgläubig; es ist ein griechisches Wort, zusammengesetzt aus dem Adjectiv recht und dem Zeitwort ckoxLw ich glaube; gibt es nun überhaupt eine jüdische Glaubenslehre, so muß es auch eine rechte, im Gegensätze zu einer falschen oder gefälschten, zu einer von der rechten abweichenden, geben. Daß es unter den sogen. Reformern leider Leute in ungeheurer Menge gibt, die von der von Gott geoffenbarten Glaubenslehre, wie sie in schriftlicher und mündlicher Lehre enthalten ist, abweichen, wird Niemand in Abrede stellen; fragt nur die Leute, die den Sabbat durch Arbeit entweihen, verbotene Speisen genießen u. s. w., ob wohl die Mehrzahl derselben vermeint, eine Sünde damit zu begehen? Und doch sind diese Gesetze ausdrücklich in der Thora vorgeschrieben! Aber die Einen machen sich dieser Uebertretungen schuldig, weil sie überhaupt nicht an Gott glauben, die Andern, weil sie den göttlichen Ursprung der Thora leugnen, wieder Andere, weil sie das Gottesgesetz nicht mehr für verbindlich halten. Haben diese Leute den rechten Glauben des Judenthums, sind sie demnach orthodoxe Juden? Es kann allerdings möglich sein, daß selbst Gesetzesübertreter orthodoxe, d. h. rechtgläubige Juden sind; nämlich in den sehr seltenen Fällen, wenn dieselben zugeben, daß ihr Thun sündhaft sei und daß sie nur durch ihre unbezähmbaren Leidenschaften, durch Genußsucht oder Gewinnsucht zur Uebertretung der göttlichen Gebote veranlaßt werden. Aber nicht in diesem Sinne, nämlich es gebe keine Juden, die überhaupt abweichender Ansicht seien, hat man behauptet, es gebe keine orthodoxe Judenlehre, sondern in dem Sinne, das Judenthum habe überhaupt keine Glaubenslehre. „Das Judenthum kenne keine besonderen Glaubenssätze; es habe, wenn man so sagen könne, nur ein Dogma (Glaubenslehre), den Glauben an einen Gott," hieß es imPlaidoyer des Vertheidigers. Diese Anschauungen wurden denn auch in den jüdisch-unjüdischen Zeitungen aus den vor Gericht gethanen Aeußerungen gefolgert. Die Wiener „Neuzeit" sagt in Nr. 3: „Im Judeuthume gibt es gar keine Dox- (sie!) gar kein Dogma!" Aehnlich äußert sich Philippson*) (der die Energie der Herren Mannheimer und Horowitz nicht genug zu loben weiß), der ganze Unterschied laufe auf die Observanz gewisser Ceremonialgesetze hinaus. Wir aber behaupten und werden es an der Hand unserer heiligen Religionsquellen näher auseinandersetzen: das Judenthum hat eine Glaubenslehre, es hat nicht ein, sondern viele Dogmen und wer auch nur eins dieser Dogmen leugnet, der steht nicht auf dem Standpunkte des Jud enthums, ist nicht orthodox, sondern hetorodox (andersgläubig), und wer eins dieser Dogmen schmäht oder verhöhnt, der verletzt und beleidigt eine vom Staate anerkannte Religionsgenossenschaft. Das hebräische Wort für Glaube ist Emunah; die Emunah, der Glaube ist die Grundlage des Judenthums. Von Abraham, der zuerst als Verkünder der Gotteserkenntniß auftritt, heißt es ^2 (1. B. M. C. 15, V.6) und er glaubte an Gott. Die vielen Wunder, die der allmächtige Gott in Aegypten und am rothen Meere gethan hat, hatten den ausgesprochenen Zweck, den Glauben im Herzen der Menschen theils zu erregen, Lheils zu befestigen; daher heißt es auch am Schlüsse der Erzählung vom Auszuge aus Aegypten (2. B. M. C. 14, V. 31) 112p ,-u-?O2? ^.12 und sie glaubten an Gott und seinen Diener Moscheh. Selbst die Offenbarung auf dem Berge Sinai hatte keinen andern Zweck als den Glauben zu befestigen: „Und Gott sprach zu Moscheh: Siehe, ich komme zu dir in dichter Wolke, damit dieses Volk höre, da ich mit dir rede 12 Ogi ig'OX' und auch an dich werden sie ewiglich glauben. Der Talmud im Tractat Mackoth f. 23 u. 24 stellt den Glauben als das die ganze Religion Bedingende dar; dort heißt es nämlich: 613 Mizwoth sind dem Moscheh auf Sinai befohlen worden, 365 Verbote, entsprechend der Zahl der Tage im Sonnenjahr, und 248 Gebote, entsprechend der Gliederzahl des menschlichen Körpers; David faßte dieselben im 15. Psalm in 11 allgemeine Grundsätze zusammen; Jesaias in 6 (Jes. C. 33, V. 15) und Chabackuk in einen einzigen (Chab. C. 2, V. 4) p'-ivi und der Gerechte wird in seinem Glauben leben. Der Grundpfeiler des ganzen Judenthums ist also der Glaube; nicht, wie es jetzt leider so häufig dargestellt wird, „das Judenthum sei eine Religion der Thal in dem Sinne, daß man gar *) Wir werden die von Herrn PH. bei dieser Gelegenheit aufgestellte curiose Glaubenstheorie in der nächsten Nummer besprechen.

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