Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1863-12-30 · Heft 52 (30.12.1863) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 52 (30.12.1863)
Date
1863-12-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447089-2447140--02330-2457658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

644 Sind dies die ersten und unbedingten Postulats der Achtung vor jeder Menschenwürde, so ist es durchaus noch nicht damit abgethan, nur diese Grenzen nicht überschritten zu haben. Wie viele Nüan^irungen gibt es nicht, die die Beschämung höherstehender, feinerfühlender, zur Ehre der Thora ihre persönliche Ehre zu wahren Verpflichteter in sich schließen. Was bewirken solche Concurse? Bedeutende Rabbinnen, und das sind doch die eigentlichen Adressen eines Concurses wie der einer Neutraer Gemeinde, melden sich nur mit der größten Ueberwindung, mit der entsprechenden Selbstgefälligkeit, welche dann besonders nöthig ist, wenn auch das Verlangen einer Capicität betont wird. Und nun, mit welcher Aussicht wird nun dieser moralische Zwang geübt? Kann nicht jeder wissen, daß sich zu so lukrativem Posten außer ihm nicht wenige Decadm Anderer melden werden, daß vielleicht der bornirteste Kopf oder die interessirteste Frau (ich rede hier selbstverständlich nicht vom vorliegenden Falle) über sein Gesuch den Stab brechen werde. Und welch' prekärer Stellung geht der sich Meldende auf eine so unwahrscheinliche Hoffnung hin in der eigenen Gemeinde entgegen, sobald seine Intention dort bekannt wird? Kommt nun noch dazu, daß eine Probepredigt verlangt wird und daß man höchstens dem Glücklichen Reisespeesen zurückerstattet, nimmt man die dann noch bei weitem mehr gesteigerte schiefe Stellung zur eigenen Gemeinde hinzu und so manches andere, dessen ich aach erwähnen würde, wenn ich nicht fürchtete, die Grenzen des mir gestatteten Raumes zu überschreiten; nun so wird man wohl schwerlich darüber in Zweifel sein, ob die moderne Concursausschreibung zur Besetzung von Rabbinatssitzen ein Fortschritt oder nicht, vielmehr ein sehr schlimmer Rückschritt sei, ein arger Rückschritt rücksichtlich der Würdigung wirklich edler Charaktere (denn nur solche wird doch jede Gemeinde acquiriren wollen), aber auch ebendadurch ein arger Rückschritt in Bezug auf das Gemeindeintereffe selbst. Denn gerade die edelsten Charaktere werden, wenn ihnen nicht drückende Verhältnisse die Feder in die widerstrebende Hand drücken, bescheiden Zurückbleiben und ihren sittlichen Standpunkt auch in diesen feinern Manen wahren. Es gehen also der recurscmsschreibenden Gemeinde gerade die würdigsten Candidaten verloren. Da lobe ich mir denn doch die alte gute Sitte der Gemeinden, zu deren religiösen Farbe auch Neutra gehört, daß sie wohlweislich bedachten, welches Amt sie doch eigentlich besetzen woll- (711 ,1s verblieb — so gilt auch nur vom wahren echten Lehrer O'QL' XHQ, nur vom wahren echten belehrenden Freunde (Me'iri), nickt von dem unechten, abgeschwächten, leeren und so auch endlich hier nur die echten und rechten belehrenden ten, ob das eines Schulklopfers, eines Fleischhackers, einer Hebamme oder aber — eines Rabbiners, in Bezug auf erstere allenfalls rein kaufmännisch, in Bezug auf letztere aber mit höchster Scheu vor zu Werke gingen und daher zu guten Resultaten kamen. III. Ein drittes Moment kommt jedoch noch hinzu, daß jeden wahrhaften Freund der Neutraer Gemeinde bei Ansicht dieses Concurses bekümmern muß; es ist dies nämlich die Rücksicht auf die dortige Gemeinde selbst. Bestünde nämlich dieselbe, wie dies leider heute in so vielen Gegenden der Fall ist, aus lauter Ignoranten, die jedes jüdischen Wissens baar, jeder Beurtheilung auf dem Gebiete des Talmud und des unfähig, die da so echte dumme Kinder der Zeit, die da kein Jota im „Hebräischen" gelernt haben, denen ein großes (dit. kleines) böhmische Dörfer, und ein p-i in unnahbares Gebiet ist, dann möge es darum sein. Noth bricht Eisen, man wäre dann allenfalls genöthigt gewesen, sich in diesem Labyrinte, wenigstens aus den eingesendeten Zeugnissen, bis auf persönliche Repräsentation, ein annäherendes Urtheil zu verschaffen; zu sehen, wre weit der rührige Competent für fähig erklärt wird, eine rührende, kunst- und mundgerechte, Herz und Gemüth bezwingende Predigt halten zu können, bei der die Herren erbaut sind, und die Damen, weinend vor Rührung, in dem glücklichen Falle sind, die prachtvollen Battisttaschentücher zu verwenden. Aber Neutra, eine i'p, eine Gemeinde von seltenem Reichthum an talmudischen Capazitäten, eine Gemeinde, in der G. L noch viel i-niro nicht nur unter den eigentlichen '-nnri 'ic^n, sondern auch in sehr vielen eine Gemeinde, in der, was so leicht nirgend anderswo der Fall sein wird, sogar der Chef eines Großhandlungshauses 'P21 in welcher auch gebildete Gemeindemitglieder, welche auch ohne ein Stück Papier die Individualität eines auszunehmenden Rabbiners und Schuldirektors zu beurtheilen wissen, eine Gemeinde, welche recht gut weiß, daß der ganze Popanz, welcher heutzutage auf Kosten aller unerläßlichen Erfordernisse eines 21 vorgeschoben wird, wohl eine schöne Beigabe sei, aber von relativ viel zu untergeordnetem soliden Belange für einen Rabbiner, als daß dies für eine Gemeinde wie Neutra entscheidend sein sollte. Ein Rabbiner zu Neutra muß vor Allem, das gebietet die Ehre dieser würdigen Gemeinde, und das ist gewiß der Wunsch.aller Mitglieder, ein sein und O-I'O^ 7I1U1 sein können, damit von ihm die alte frequente Jeschiba wieder aufgerichtet würde; ein Rabbiner in Neutra soll Liebe und Eifer für die Jugenderziehung haben und daher im Stande sein können, diese als gediegener und erfahrener Sachverständiger zu inspiziren. Das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.