Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1863)
- Date
- 1863-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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616 den Trümmern des heiligen Tempels aufbaute. Seitdem ist eine andere Abzweigung des Judenthums, eine dem Judenthum entstammte Lehre ohne das Gesetz zeitgemäß geworden; ihr fielen die zahlreichen Völkerschaften des Occidents zu, so daß ihre Bekenner bald nach Hunderten von Millionen zählten, während die Anhänger der alten Jsraelsreligion verfolgt, gedrückt, gequält, gepeinigt, getödtet, verbrannt wurden; und als sich im Mittelalter im Oriente eine andere Religion bildete, die wohl nicht unmittelbar aus dem Judenthume hervorging, doch aber dasselbe zum Ausgangspunkte nahm, da fielen der neuen Religion die Völker des Orients zu, so daß auch ihre Bekenner bald nach Hunderten von Millionen zählten, während die Nachkommen Jakobs im Oriente das Loos ihrer! « Brüder im Occidente theilten. Auch jetzt war das Judenthum nicht zeitgemäß; niedergedrückt von der l allgemeinen Verachtung, der Freiheit beraubt und oft genug von gewaltsamem Tode bedroht, pflegten die ' Männer und Jünglinge Israels das alte Gottcsgesetz, § lebten und webten nur in ihm, fanden in ihm Trost, § Zuversicht, Glück, Hoffnung und bewahrten die alten > Verheißungen für eine schönere, bessere Zeit. Wir > sehen, vom Anfänge an war das Judenthum niemals zeitgemäß und konnte nicht zeitgemäß sein; es zeitgei mäß umformen wollen, würde mit Vernichtung undZerstö-! rung desselben gleichbedeutend sein. Oftmals wurde! der Versuch gemacht, doch niemals ist er gelungen; I wohl hat sich dann die große Menge den neuen locken-! den Erscheinungen zugewandt, aber der eigentliche Keim! unseres Volkes ist der Aufgabe treu geblieben, für die! die Väter gelebt und gestrebt haben, und dieser Kern i hat das Judenthum erhalten bis auf den heutigen Tag; die Abgefallenen aber sind, wie das dürre Laub > von den Herbststürmen, verweht worden. Hätten unsere Väter in den vergangenen Jahrhunderten zeitgemäß leben wollen, sie wären nicht gedrückt und verfolgt worden. Mit offenen Armen hätten die anderen Völker sie in ihre Mitte ausgenommen und hätten sie mit Ehren und Reichthümern überhäuft; dann würde es jedoch herrte keine Juden und kein Judenthum mehr geben. So aber haben unsere Väter für die Erhaltung unseres Volkes und unserer Religion gelitten und geduldet, haben gegen den Zeitgeist gekämpft Jahrtausende lang und ihren Kämpfen haben wir es zu verdanken, daß wir noch existiren. Und wir sollten dem noch zu jeder Zeit das Judenthum bedrohenden Zeitgeiste weichen, sollten uns hinwegspülen lassen von seinen Fluthen; sollten träge und ohne Kampf uns überwinden lasten und rühmlos untergehen? Nicht doch, jede Zeit hat ihren Zeitgeist, ihre Kämpfe und ihre Gefahren gehabt, — Kämpfe, heftiger als die der Gegenwart, Gefahren, drohender als die der Neuzeit! Jede Zeit hat aber auch in Israels Mitte muthige Kämpfer und kraftvolle Helden gefunden, die gegen den herrschenden Zeitgeist anzukämpfen und endlich z« siegen verstanden. Die Jahrhunderte sind nacheinander hinabgerollt in das Meer der Vergangenheit; mit ihnen sind die herrschenden Ideen verschwunden und haben anderen, nenauftauchenden Raum geben müssen; Israel und seine treuen Söhne, Israels nicht von der Zeit abhängige, Israels ewige Wahrheit hat sie alle überdauert und wird sie überdauern. Israels ewige Wahrheit findet auch in der Jetztzeit Männer, die für sie kämpfen und siegen werden und sie erhalten, bis daß auch ihre Zeit kömmt, in der sie die Welt beherrschen wird, um nimmer von ihrem Herrfcherthrone herabzusteigen. Das wird jene Zeit sein, von der es heißt: Am selbigen Tage wird Gott einzig und fein Name einzig sein iinu ivL'i min 'i ''rv tvnn cn'2! (Sacharja C. 14, V 6) (Schluß folgt.) Das neue Deth-Hanndrasch in Wien. Wien, den 6. December. Auf Anregung des Herrn Dr. Jellinek wurde in Wien am 24. v. M ein neues Beth-Hamidrasch eingeweiht; dasselbe steht unter Leitung eines gewissen Jsak Toneles Handel; neben ihm fungiren Herr Rabbiner Horowitz und Herr Or. Jellinek. Welcher Segen aus diesem Beth-Hamidrasch dem Judenthume erwachsen kann, ist leider nicht fraglich. Der der Tradition, dem gesetzestreuen Judenthume durchaus feindliche Standpunkt des Herrn Jellinek ist bekannt und von ihm in seinen Schriften oft genug dargelegt. Den Standpunkt des weniger bekannten Herrn Toneles bezeugt ein von ihm verfaßtes Schriftchen „Schaare Binah", in welchem sich derselbe zu der Jellinekschen Richtung bekennt. Wie aber kömmt Herr Rabbiner Horowitz in diese Gesellschaft? Es ist sehr traurig, daß sich Herr Rabbiner Horowitz hat veranlassen lasten, an der Leitung eines Instituts Theil zu nehmen, von dem mit Gewißheit angenommen werden darf, daß in ihm die Worte des allmächtigen Gottes verdreht, statt Lehre Irrlehre, statt Licht Finsterniß gelehrt werden wird. Möge Herr Rabbiner Horowitz sein unverantwortliches Vorgehen selbst verantworten, wenn das möglich ist; wir aber wollen unserer Pflicht genügen und die gesetzestreuen Israeliten, welche vielleicht durch die Theilnahme des Herrn R. H. getäuscht werden könnten, über das Jellinek-Toneles'sche Judenthum durch die Veröffentlichung eines Schreibens aufkären, das uns unlängst von Pesth zukam: