Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1863)
- Date
- 1863-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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604 gen konnten, die auf chr. Universitäten studirt hatten, die auf chr. Gymnasien gebildet worden waren. Die Einflüsse der erlangten Bildung blieben nicht aus; auf Kosten der doch eigentlich den Rabbinen ausmachenden Talmudkenntniß wurde Lateinisch und Griechisch gelernt, auf den Universitäten wurde chr. Theologie: Exegetik, Homiletik, Hermeneutik rc. gehört. Die Orthodoxie in der chr. Theologie konnte natürlich die Juden nicht ansprechen, da blieben ihnen nur die Rationalisten in ihren verschiedenen Abstufungen. Die Lehren des alten Rabbi, der nicht einmal richtig deutsch sprechen konnte, traten den Lehren des hochgeachteten, tiefgelehrten Professors gegenüber in den Hintergrund; der jüdische Student machte sich allmählich mit dem Gedanken vertraut, daß der Pentateuch aus so und so viel Fragmenten zusammengesetzt sei — das nennt man Kritik —, daß die Bibel erst nach dem babylonischen Exil nach alten Volkssagen niedergefchrieben fei, — das nennt man historische Kritik —, daß die sogenannte mosaische Gesetzgebung für die Kindheit eines Volkes berechnet gewesen seij und so weiter. Nach solchen Grundsätzen bildeten sich die modernen jüdischen Rabbinen. Nun kamen diese jungen Leute ins Amt, fesselten durch ihre richtige deutsche Aussprache und Rede, durch blumenreiche Ausdrucksweise namentlich das weibliche Publikum, machten sich beliebt bei den Reichen und Vornehmen, die bereits dem Gesetze den Rücken gewandt hatten, verkehrten viel mit chr. Gelehrten und in deren Familien — und diese selben Leute, die vielleicht eben beschäftigt waren, einen Vortrag über Göthe's Früuengestalten für das Cassino oder dm geselligen Verein vorzubereiten, sollten die p-w.-> rnQw untersuchen, oder über einen in die Milch gefallmen fleischdingen Löffel ihr Votum abgeben, oder, wie Philippson sich au?drückt, „in den Topf gucken oder ein Stück Bettwäsche betrachten" — wie lächerlich! Diese Männer schwatzten dann viel von der Wissenschaft des Judenthums und erhoben mit aller Macht den Ruf nach Reform in Leben, Lehre und Cultus! Aus diesem Streben entstanden die berüchtigten Rabbiner-Versammlungen der vierziger Jahre! — Wir haben jetzt zwei Momente des sogenannten Zeitgeistes erörtert, das wissenschaftliche und das staatliche. Stärker als beide wirkt das Leben in seinen Anforderungen, Forderungen, eingebildeten und wirklichen Bedürfnissen. Das Gesetz Israels umschließt die Nachkommen Jakobs mit einer eigenthümlichen Mauer. Es würde einem außerhalb des Judenthums stehenden Menschen kaum begreiflich sein, wie die in alle Welt zerstreuten und vereinzelt wohnendm Israeliten inmitten anderer Völker dieses Gesetz in seinm tausenderlei Bestimmungen, Abzweigungen und Verästelungen zu halten vermögen, und zwar ohne staatliche Gemeinschaft, ohne irgend ein anderes Bindemittel als die gemeinsame Ueberzeugung. In den verflossenen Jahrhunderten warm die Judm mehr auf sich angewiesen. Die vollständige sociale Trmnung von den Andersgläubigen erleichterte die Herausbiö düng der eigenen Sitte, die strenge Erfüllung des Gesetzes. In der Gegenwart aber treibt vielfach das Leben selbst zur Verletzung des Religionsgesetzes; der jüdische Handwerksbursche muß wandern —nur wenige chr. Meister gestatten ihm die Feier des Sabbats, gleiche Schwierigkeiten stellen sich ihm entgegen in Bezug auf die jüdische Kost. Der jüdische Meister muß chr. Gesellen halten, die natürlich am Sabbat nicht feiern und am Sonntag nicht arbeiten dürfen; der jüdische Fabrikant befindet sich in derselben Lage. Nachdem nun einmal die vorhin geschilderten Momente gewirkt haben, wird der Kreis der Gesetzesbeobachter noch kleiner; der jüdische Jüngling wird in jüdischen Geschäften und Werkstätten zur Entweihung des Sabbats, in jüdischen Häusern zur Verletzung der Speisegesetze verführt. — An vielen Orten fällt der Wochenmarkt, der Hauptgeschäftstag der Woche, auf einen Sabbat; da verführt die Concurrenz zur Entweihung. Wenn die Israeliten in der Beobachtung der Gottesgesetze einig wären, so wäre es vielfach ein Leichtes, den erwähnten Mißständen abzuhelfen; allein das ist nur sehr selten der Fall; gewöhnlich verführt das blühende Geschäft Rubens den Simon und diese beide gemeinschaftlich den Levi und so fort. Dazu kömmt dann noch die seelsorgerische Wirksamkeit der Reformrabbinen, die bei Familrenfesten Platz nehmm an der mit Terepha besetzten Tafel und Toaste auf den Gastgeber ausbringen, die stets von der Kanzel herab und in Zeitschriften den religiösen Sinn der Gegenwart zu rühmen wissen und bei Leichenreden den Sabbatschändern und Nabelah - Verzehrern den Nachruhm „eines wahrhaften Israeliten", „eines echt fromme» Judm," eines Adam Käscher, eines Zadik Tamim u. s. w. spenden. Wir habm bisher die Elemmte des sogen, dem Judenthume feindlichen Zeitgeistes erörtert, die bloß unsere Glaubensgenossen betreffen. Auf diese wirk aber auch die ganze Zeitrichtung ein, welche sich der Religion überhaupt feindlich zeigt. Unsere ganze Zeit ist namentlich dem Materiellen zugmeigt. Erwerben, um zu genießen, ist überall das Losungswort. Dazu tragen allerdings die Fortschritte gewisser Wissenschaften und die Verallgemeinerung der Bildung sehr viel bei. Die Bildung macht dm Menschen unabhängig, die ungeheuren Verkehrsmittel der Gegenwart erleichtern dm Erwerb. Dadurch werden aber auch die Bedürfnisse gesteigert und mit der Verfeinerung des Geschmackes der Luxus vermehrt. Aus der alten Einfachheit unserer Großeltern ist eine Ueberbürdung von Bedürfnissen geworben, die einen gesteigerten Erwerb einerseits voraussetzt und andererseits die Lust zum