Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1863)
- Date
- 1863-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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603 eingepfercht, vom Verkehre mit der Außenwelt abgeschlossen, bedurften des Verkehrsmittels einer reinen und richtigen deutschen Sprache und Aussprache nicht. Da nahte die neue Zeit. Die Reformatoren, von den herrschenden philosophischen Systemen durchdrungen, saßen auf den Thronen oder doch im Rathe der Fürsten. Joseph II. gab das Toleranz-Edict, Friedrich II. ließ Jeden nach seiner Fa9on selig werden, in Amerika wurde eine auf die Principien der Gewissensfreiheit basirte Republik gegründet — die Juden traten heraus aus den Ghetti's, wurden als Menschen behandelt und mußten einereine und würdige Ausdrucksweise sich aneignen. Sie und ihre Kinder lernten aus R. Moscheh Deffau's (Mendelssohn's) Chumesch (Pentateuch) Deutsch-Lesen und -Reden. Co wurde M. auch bald in den jüdischen Kreisen, selbst in den frömmsten, die geachtetste Persönlichkeit, wozu einerseits seine ««geheuchelte praktische Frömmigkeit, andrerseits der aus der nichtjüdischen Welt herüberstrahlende Nimbus seines Namens nicht wenig beitrug. Der gegebene Impuls gewann an Kraft und erlangte Ausdehnung durch die nur wenige Jahre nach Mendelssohn's Tode hereinbrechende Revolution von 178i). Die Ideen derselben von den allgemeinen Menschenrechten, der Freiheit und der Gleichheit, erobern ini Sturmschritte die Welt und die Heere des modernen Caesar tragen sie nach allen Himmelsgegenden. Reiche und Dynastien stürzen unter dem Fuße des Eroberers, die Schranken, welche verjährtes Unrecht und verrottetes Borurthei! aufgebant haben, sinken nieder und verschwinden. Die Söhne und Töchter unseres Volkes, durch die Mendelssohn'sche Periode vorbereitet, nehmen, wie die andern Menschen, Theil an den großen Weltereignissen. Die socialen wie bürgerlichen, wie politischen Schranken sind geschwunden, jede Laufbahn ist geöffnet , Handel und Industrie bieten neue, weite Bahnen. Damit hat aber das eigenthümliche Leben im Innern der jüdischen Gemeinde eine ganz andere Gestalt angenommen. Die einzige Geistes-Arena unseres Volkes war bis dahin die specifisch jüdische, die thalmudische Wissenschaft gewesen, die meisten Jünglinge hatten sich diesem Studium fast ausschließlich gewidmet, welches dem Kleinhandel, der den kümmerlichen Lebensunterhalt verschaffte, ein glückliches geistiges Gegengewicht gab. Jetzt leerten sich plötzlich die! jüdischen Hochschulen — die jüdschen Jünglinge wur- > Len Gymnasiasten, Handels- und Handwerks-Lehrlinge. Auch die Disciplin innerhalb der jüdischen Gemeinde war eine andere geworden. Bis dahin hatte die jn-? dische Gemeinde einen eigenen Staat — einen Staat! iw Staate — mit eigenem Gerichts- und Disciplinar- , verfahren gebildet; der Rabbiner und die Dajanim bildeten dm Gerichtshof, die Vorstände übten die Polizei und waren, unterstützt vom Arme der weltlichen Behörde, im Besitze der Executive; sie verhängten Geld-, Leibes- und Freiheitsstrafen. Jedes Vergehen gegen die Religion wurde streng geahndet; ein wirksames Mittel war hiebei der Cherem (Bann) in seinen verschiedenen Abstufungen gewesen. Wer die Sabbate und Festtage entweihte, die Fasttage nicht beobachtet, wurde bestraft, ebenso wie der, welcher sich gegen die Sittlichkeit oder das Eigenthumsrecht verging. Durch die Napoleonische Occupation hörte das Alles mit einem Schlage auf; die jüdische Gerichtsbarkeit wurde aufgehoben, der Cherem staatlich untersagt, die Rabbinen wurden machtlos wie die Vorstände. Diese Verhältnisse blieben auch nach dem Sturze Napoleon's dieselben, während viele politische und bürgerliche Schranken nach der Wiederherstellung der alten politischen Formen wiederaufgerichtet wurden. Nur die schreiendsten und entehrendsten Bedrückungen wie der Leibzoll blieben abgestellt; dagegen wurden die Juden wieder aus freien Bürgern Schutzbefohlene, ihr Besitz- und Wohnrecht wurde aufs Neue beschränkt, viele Carrieren wurden ihnen wieder verschlossen. Jetzt kam die Zeit der Emancipationsbestrebungen, in der wir theilweise noch leben. Schon während der Napoleonischen Herrschaft hatte sich der Ruf nach Reform erhoben. Der bekannte Jvkobsohn stand in Cassel, der Hauptstadt des Königreichs Westphalen, an der Spitze eines Covsistorrums, das einige gelinde Reformen dekretirte; er' selbst ließ in der von ihm zu Seesen gegründeten Waisenschule eine Synagoge mit einer Orgel einrichten. Später begründete er in Berlin einen ähnlichen Gottesdienst, den Friedrich Wilhelm tll. schließe ließ. Unterdeß ward der Ruf nach Reform des Gottesdienstes lebhafter. Die Juden hatten unter Napoleonischer Herrschaft das Glück, die politische und bürgerliche Gleichstellung kennen zu lernen und verlangten sie jetzt mit größerem oder geringerem Ungestüm. Edeldenkende Christen nahmen sich der Unterdrückten an, in den deutschen Abgeordnetenkammern wurde viel darüber verhandelt. Meistens hieß es: „Macht euch erst der Gleichstellung würdig, gebt den Kleinhandel auf, gleichet uns in Sitte , Sprache, werdet Handwerker 2c., und wir wollen euch emancipiren". — Das Judenthum als soches manifestirt sich öffentlich in der Synagoge; daher strebte man danach, Synagoge und Gottesdienst nach dem Geschmacke der Christen umzugestalten und das nannte und nennt man sehr mit Unrecht Reform; denn Reform heißt Wiederherstellung einer ursprünglichen, aber im Laufe der Zeiten verunstalteten Form, während die sogenannte Reform nichts weiter bezweckt als eine Neubildung des jüdischen Gottesdienstes nach dem Muster des christlichen, vorwiegend des protestantischen: Orgel, Choräle, Talar und Bäffchen der Geistlichen, deutsche Gebete und Gesänge. — Dazu kam noch ein anderes Moment : die Gemeinden wollten und suchten Rabbinen, die predi-