Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1863)
- Date
- 1863-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447137--02285-2457610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
602 freien Blicke still stehen heißt. Sehen wir uns deßhalb das Gespenst des Zeitgeistes ans die erwähnte Weise an und das Gespensterhaste deAelben wird un§ nicht mehr schrecken. Was ist denn dieser vielberufene Zeitgeist? Die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht, weil der Begriff des Zeitgeistes ein außeroroerftlich complicirter ist; die meisten Menschen, die ihn immer im Munde führe«, denken sich gar nichts Bestimmtes, wenn sie das ihnen geläufig gewordene Wort aussprechen. Lösen wir das zusammengesetzte Wort auf, so erhalten wir dafür „Geist der Zeit". Aber welcher Geist und welche Zeit? Bleiben wir einmal beim Letzterem, so ruft gleich Jeder: natürlich der Jetztzeit, der Gegenwart. Was ist denn aber die Gegenwart? Ein unfaßbarer Moment, der vor dem Eintritte noch Zukunft ist- und eingetreten sofort der Vergangenheit angehört; wenn man aber im gewöhnlichen Leben die gegewärtige Zeit bezeichnet, so meint man die jüngste Vergangenheit mit, und diese wollen wir hier begrenzen. Für uns Juden ist der Ausgangspunkt der Neuzeit bald gefunden; es ist die Mendelssohn'sche Periode. Wir thun also Recht, wenn wir gerade um 100 Jahre zurückgreifen. Suchen wir diese Periode mit kurzen Zügen Zu characterisiren.- Nachdem die Reformation im 15. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung die Einheit der chr. Kirche zerrissen hatte, nachdem furchtbare Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert die fanatische Wuth des Mittelalters gebrochen hatten, leuchtete eine neue Zeit; mit der Bekriegung der Camisarden (Hugonotten) am Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich hatten die Religonskriege aufgehört. Die Gebildeten unter den Völkern Europa's wandten sich dem Glauben ab und der Philosophie zn, die kürzlich inmitten der Greuel der Religionskriege durch Cartesius und Spinoza einen neuen Aufschwung genommen harte. Am Ende des 17. Jahrhunderts stehen zwei Philosophen einande gegenüber, deren verschiedene Systeme noch heute rn der Anschauungs- und Denkweise der gegenwärtigen Generation nachklingen: der Engländer Locke und der Deutsche Leibnitz. Locke verbannt aus dem menschlichen Denken alles Uebersinnliche und erkennt als die einzige Lehrerin des Menschengeschlechts nur die Erfahrung an; seine Schüler ziehen die Consequenzen seines Systemes und werden Materialisten, d. h. solche, die nur dem Stoffe und dem Stofflichen Existenz zuerkennen. Aus dieser Schule gehen in Frankreich die Encyclopädisten hervor, deren Ideen in Frankreich populär werden und die Revolution von 1769 vorbereiten. Leibnitz wahrt hingegen dem Geiste der Materie gegenüber sein Recht, und die Leibnitz - Wölfische Schule ist es, die rn Deutschland mehr als ein halbes Jahrhundert alle denkenden Köpfe beherrschte; ihr gehörte auch unser berühmter Glaubensgenosse Mendelssohn an. Es ist hier nicht der Ort, auf Mendelssohrfis philosophische Grundsätze näher enrzugeheu; wir werden nächstens die Gelegenheit herbeiführen, unsere Leser mit diesem so überaus wichtigen Thema näher bekannt zu machen, damit endlich das verschwommene Dunkel, das über diesen großen Mann in allen jüdischen Kreisen herrscht, der Klarheit weiche und damit wir deutlich erkennen, daß M. trotz seiner praktischen Frömmigkeit, trotz der sorgfältigen Beobachtung des sogen, jüdischen Ceremonialgesetzes mit dem traditionellen Judenthume gebrochen hatte und daß das Verfahren der berühmten Nabbinen' gegen ihn, die seine Zeitgenossen waren, nur zu sehr gerechtfertigt ist. Wir wollen hier nur einen Satz aus fernen Morgenstunden erwähnen, der für seinen religiösen Standpunkt bezeichnend ist. M. sagt (in der neuen Ausgabe seiner gesammelten Schriften, Band 11. S. 304): „Ueberhaupt erkenne ich keine Pflicht in Absicht aus Meinung, keine Verbindlichkeit, wenn Wahrheit von Unwahrheit unterschieden werden soll." M. stellt demnach die menschliche Vernunft als die höchste Richterin auf : die Wahrheiten der Religion haben also nur dann das Recht für solche zu gelten, wenn die Vernunft freiwillig und ohne Zwang, ohne Verpflichtung zu denselben Resultaten gelangt. Ist einmal eine solche Lehre ausgesprochen und angenommen, so ist es mit der Religion zu Ende. Es ist dann ganz gleichgiltig, ob Mendelssohn und noch Viele außer ihm auf dem Wege des Forschens zu denselben Resultaten, wie die Religion sie lehrt, kommen — Andere haben auch das Recht, ohne Verpflichtung, völlig unabhängig zu untersuchen und die Resultate ihrer Untersuchung als allein berechtigt anzuerkennen; aber von den Resultaten dieser Untersuchung, von der Anerkennung der höchsten Wahrheiten oder deren Leugnung hängt das religiöse Leben ab, denn die praktische Ausführung der Religionsgesetze ohne die Anerkennung der Religionswahrheiten hat nicht den geringsten Werth. Daher kam es denn, daß sich diejenigen, welche die Schmer Mendelssohns waren oder sich doch als solche bezeichneten, bald auch dem praktischen Judenthume, theilweise auch dem ganzen Judenthume fremd wurden. Diese Richtung ist der erste Impuls zu dem, was man heutzutage Zeitgeist nennt. Mendelssohn war ganz dazu geeignet, diesen Impuls zu geben und eine nachhaltige Wirkung hervorzubringen. Er war der erste Jude, welcher sich auch in der außerjüdischen Welt einen Namen erwarb; er wurde als Gelehrter, als Philosoph, als Stylist allgemein geschätzt und stand bei Hoch und Niedrig in nicht geringem Ansehen. Dazu kam noch sein ungeheurer Emfluß aus die Juden durch seine Bibelübersetzung. Bis zu M/s Zeiten sprachen die deutschredenden Juden den jüdischdeutschen Jargon, in welchem alle Erbauungsbücher für den Ungelehrten und das weibliche Geschlecht abgesaßt waren. Die Juden, in Ghettis