Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1863)
- Date
- 1863-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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579 heilen bleiben und von Anderen nicht werden nachgeahmt werden? — Und für wen mußte Nationalität zum größeren Bedürfnisse werden, als für den Israeliten, der, lange Zeit Sklave in Egypten, dem Wohnsitze des Thierdienstes und der schändlichsten Abgötterei, mit einem Male hervortrat mit ganz neuen, damals unerhörten Lehren und Ansichten von der Gottheit und deren Willen, während alle Welt noch im tiefsten Schlafe des Aberglaubens lag, und der diese Lehren und Ansichten hinführen sollte in ein Land, dessen Bewohner ebenfalls der Abgötterei und den schändlichsten Lastern Höhnten? Mußte man nicht unter solchen Umständen fürchten, für jene beseligenden, aber auch damals ganz ungewöhnlichen Lehren und Ansichten, war nicht ein Rückfall zu den gewohnten Ideen zu befürchten? Waren nicht die Anfeindungen aller Welt gegen diese Lehren vorauszusehen, und konnte sowohl der Verführung wie der Anfeindung ein stärkerer Damm entgegengesetzt,' konnte sowohl der Israeliten religiöses, wie bürgerliches Heil besser geschützt werden, als durch strenge Nationalität, d. h. durch enge Verbindung untereinander und Abgeschiedenheit von ihren Widersachern; und mußten sie diese Nationalität nicht schon nach dem Orte ihrer Bestimmung milbringen; oder hätte es Zeit gehabt, bis dieselbe von selbst entstanden, wären sie nicht früher mit den Landeseinwohnern zusammengeschmolzen?*) Für wen, sage ich endlich, war und ist Nationalität ein größeres Bedürfniß, als für den Israeliten, da das allsehende Auge von Anbeginn an vorhersehen mußte, daß Israel dereinst, zur Strafe seiner Vergehungen, wie zur Verbreitung göttlicher Wahrheit, in alle Länder, nach allen Richtungen hin, werde geschleudert werden, daß es daselbst mit mancherlei Drangsal wegen seiner Religion und mit Verführungsmitteln werde zu kämpfen haben? Es ist unvermeidlich, daß nicht der Israelit die *) Meines Erachtens dürfte dieser Zweck der Mizwoth mit kurzen Worten in folgender Midraschstelle, die den Commentatoren zu schaffen macht, angedeutct sein: '2Z '."I 51128 rs-NP.-I f2 18 181L.1 sv Vs-EL? 7I2P.1^> 5I'^> 2228 .12 (12 <2 12) l IH'12,1 NN f.12 8>8 21L2.1 1^52 8^ '1,1 der Midrasch nimmt hier rack. ^1L in der Bedeutung von „verbinden", „anschließen", in welcher Bedeutung sic bekanntlich im Thalmud häufig vorkommt. Die Uebersetzuna wäre demnach: „Was kann dem Heiligen, gelobt sei er, daran gelegen sein, ob Jemand vom Halse oder vom Nacken zu schlachten qnsängt? In der 'That, die Gebote sind nur in der Absicht gegeben worden, um dadurch die Menschen zur Verbindung (zur engeru Ansch iesiung) zu bringen." Die Gebote nämlich werden sowohl für i Ausübende und NichtauSübcnde Kennzeichen und Unterschetdungs-! punkte, wodurch Jeder diejenigen, die ihm ähnlich sind, srkennt, und sich, um dieser Aebnlickckeit willen, enger an dieselben anfchließt. Deswegen vielleicht berührt der Midrasch den Ausdruck 5VLO und nicht 1112, weil nur von den Ceremonialgetzoten die Rede ist; deswegen 5M12 überhaupt und nicht nur 281LN. Eigenheit des Landes, in welches er emgewandert, hätte annehmen sollen; ja, es ist sogar für ferne eigene zeitliche Wohlfahrt unentbehrlich, weil er sich sonst nicht thatkräftig genug an sein rMes Vaterland angeschlossen haben würde. Wären aber die Israeliten nicht endlich auch in religiöser Hinsicht mit ihrer Umgebung zusammengeschmolzen, hätten sie sich im besten Falle alles Nationalintereffes gegen ihre Glaubensbrüder in fremden Ländern entäußert? Und wie schwer wäre es ihnen dann geworden, sich einander zu trösten, über religiöse Pflichten zu belehren und gemeinschaftlich über das Wesentliche der Religion, ihren kostbarsten Schatz, zu wachen; und wie sehr würde dieser Schatz auf dem Spiele gestanden haben, wenn ihnen nicht eine religiöse Nationalität vorgeschrieben wäre, die ihnen über Alles theuer sein muß und die sie um keinen Preis ab legen dürfen? Diese nationalen Eigenheiten oder religiöse Nationalität mußte um so rätselhafter und unbegreiflicher sein, da sie zu keiner Zeit und in keinem Lande, wohin Israel vertrieben worden, auf dieselbe Art zum Vorschein kommen sollte. An diesen nationalen Eigenheiten erkennen wir bald den über Meere zu uns hergekommenen Glaubensbruder, wir schließen uns an ihn an, trösten und belehren ihn und nehmen Belehrung von ihm an; durch diese Eigenheiten bleibt unser Interesse auch für die fernen Glaubensbrüder rege und es wird uns leichter, vertrauensvoll und gemeinschaftlich an der Erhaltung unserer Religion zu arbeiten, selbst wenn uns weite Räume trennnen. — 4- -t- Es erhellt zur Genüge, daß die gläubige Beachtung der uns verliehenen Ceremonialgebote, weit entfernt, eine bloße Bürde zu sein, im Gegentheil auf das Wohltätigste zur Beförderung unserer wahren Vervollkommnung wirken muffe. Es erhellt nämlich, daß diese Gebote geeignet seien, uns vor Ausschweifungen der Leidenschaften und Uebergriffen der Vernunft zu bewahren, uns in Ergebung zu üben, an den Himmel nachdrücklich zu erinnern, zum kräftigen Handeln anzuregen und die Nationalität frisch zu erhalten. Ist es auch wahrscheinlich, daß sie außerdem zur Beförderung noch vieler anderer hoher Zwecke nützen können, so lasset uns vorerst von ihrer Beobachtung den eben erwähnten Nutzen ziehen, die eben erwähnten Zwecke festhalten, und schon werden sie keiner weiteren Verteidigung bedürfen, schon wird ihnen unser Verdienst am besten das Wort reden, und wir werden mit Recht stolz darauf sein dürfen, Bekenner des mosaischen Glaubens und Beobachter des mosaischen Ceremonialgesetzes genannt zu werden.