Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1863)
- Date
- 1863-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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5 78 Das israelitische Ceremonialgesetz. Ein Beförderungsmittel unserer wahren Vollkommenheit. Von vsviä Veut8«d, Rabbiner zu Sohrau o. S. (Schluß.) 0. Durch Bewirkung der Nationalität in religiöser Beziehung. Der Mensch wird von Natur unabweislich zur Geselligkeit mit seinem Nebenmenschen, zum Austausch von Dienst und Gegendienst angetrieben; vereinzelt, allein ist er weder im Stande seine zeitliche, noch ewige Wohlfahrt zu begründen; dies lehrt genugsam die Erfahrung aller Zeiten, und liegt eine nähere Erörterung außer dem Bereiche unserer gegenwärtigen Untersuchung. Ist es jedoch unsere Absicht, der Gesellschaft wirklich nützlich zu werden, so müssen wir uns wohl hüten, unsere Wirksamkeit nicht gar zu weit, nicht auf alle oder doch auf einen sehr großen Theil unserer Mitmenschen ausdehnen zu wollen. Nur der allumfassende Geist allein vermag seiner Wirksamkeit eine allumfassende Ausdehnung zu geben; das beschränkte Wesen hingegen muß, seiner Beschränktheit gemäß, bescheiden in seiner Sphäre verbleiben; geht es anmaßend über diese hinaus, so wird es sicher seine Wirksamkeit zu sehr zersplittern und ihr dadurch alle Kraft und allen Werth rauben. Wer es sich z. B. einfallen läßt, gegen alle Welt wohlthätig, dienstfertig sein zu wollen, der wird es in Wahrheit gegen Niemanden sein können. Wir müssen daher beflissen sein, uns unserer nächsten Umgebung eng anzuschließeu, wir müssen den Ort unserer Entstehung oder wohin wir durch die Wirkungen des Geschickes geführt werden, als einen Fingerzeig von der Vorsehung ansehen, dort unsere Wirksamkeit in Kraft zu setzen und von dort aus nach den naheliegenden und nicht nach den entferntesten Richtungen. So haben wir zunächst auf unseren Familienkreis wohlthuend zu wirken, dann auf unseren Aufenthaltsort, dann auf einen abgeschlossenen Theil unserer Umgebung, unsere Nation, unser Vaterland; und haben wir uns an diesen Theil eng und wohlwollend anzuschließen, um durch solche Verbindung mehr Kraft zu gewinnen und dadurch böswilliger Anfeindung besser widerstehen, unser gemeinsames Heil besser befördern zu können. Ja, nur auf diese Weise wird es uns gewissermaßen möglich, von unserem. Standpunkte aus, der Gesammtheit der Gesellschaft zu nützen, indem wir als ein Lhätiges Glied der Kette unseres Staates diesem Staate und dieser wiederum als ein Lhätiges Glied der Staatenkette der Gesammtheit nützlich werden kann. Um uns jedoch unserer Umgebung enger und mit mehr Wohlwollen anschließen zu können, genügt es nicht, daß wir die Nothwendigkeit einzusehen und uns durch Vernunftgründe deutlich zu machen im Stande sind. Abgesehen davon, daß Vernunftgründe keine Jedem zugängliche Mittel sind, ist auch die kalte, zögernde Vernunft wenig geeignet, unser Herz zu rühren und ihm warme, lebhafte Gefühle des Wohlwollens einzuflößen. Es bedarf eines allgemeiner:» und wirksam ern Mittels, um uns regere Theilnahme und lebhafteres Interesse für diejenigen, die uns näher stehen, einzuhauchen; und wirklich hat die Natur für dieses Bedürfniß Sorge getragen durch die Vorliebe für Alles, was mit unserer Handlungsweise und unserem Thun und Lasten übereinstimmt und die Entfernung von Allem, was davon abweicht, welche beide Triebe sie uns eingepflanzt Es bilden sich in dem einem Landstriche, außer der gemeinschaftlichen Sprache, stets durch Klima, Lebensart und andere lokale Umstände gewisse nationale Eigenheiten, gewisse Volksthümlichkeiten, welche den Bewohnern dieses Landes mehr oder minder zur Natur werden, in anderen Landstrichen finden sich wieder andere abweichende, und sind diese nationalen Eigenheiten durchaus nur in zufälligen, nicht aber in vernünftigen Ursachen zu suchen, weil sie im letzteren Falle nicht national bleiben, sondern allgemein werden müßten, da die Vernunft sich überall gleich bleibt. Ein Jeder gewinnt nun seine Eigenheiten und Diejenigen, welche solche mit ihm theilen, lieb; er wird daran unter ihm Unbekannten bald den ihm Aehnlichen erkennen und gewöhnlich nicht anstehen, sich demselben zu nähern und eng anzuschließen und von den Anderen mehr fern zu bleiben. Die Kraft der nationalen Bande haben wir am besten Gelegenheit wahrzunehmen an der Freude, die der Mensch zu empfinden pflegt, wenn er, nach einem nicht gar zu langen Aufenthalte in fremden Ländern, bevor er noch mit den dortigen Euwohnern völlig zusammengeschmolzen, unvermuthet auf einen Landsmann stößt. Wenn aber nationale Eigenheiten unserer Wohlfahrt förderlich sind, welcher überwiegende Vorzug muß nicht vor den gewöhnlichen, von selbst entstehenden, solchen eingeräumt werden, die uns eine göttliche Offenbarung vorschreibt? Die von selbst entstehenden können albern, ja, schädlich sein, für die Würde und Nützlichkeit der geoffenbarten bürgt ihre Göttlichkeit; die von selbst entstehenden, in unseren Augen weniger theuer, weniger sorgsam von uns bewacht, sind mehr veränderlich und können daher den Knoten der nationalen Verbindung nicht so fest schürzen, wie die geoffenbarten, die durch ihre Göttlichkeit in unseren Augen hohen Werth erlangen und über deren Erhaltung mir, ihrem Werths gemäß, auf das Sorgsamste wachen muffen. Und nunmehr, was kann dem Israeliten mehr zur Bewirkung der Nationalität dienen, als das israelitische Ceremonialgesetz, als die ihm vorgeschriebenen religiösen Satzungen und Bräuche und zwar gerade diejenigen, die ihm am rätselhaftesten Vorkommen, am wenigsten begreiflich sind, weil gerade sie national, gerade sie Eigen-