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Der Israelit · 1863-11-11 · Heft 45 (11.11.1863) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 45 (11.11.1863)
Date
1863-11-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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<) zwei verschiedene Lager gespalten, die Einen besitzen I gediegene, talmudische Gelehrsamkeit, haben ihre rab- > binischen Kenntnisie aus dem ewig frischen Borne,! dem 112V2.1 O' geschöpft, wissen auch recht geistreiche, ansprechende, zumeist auch in sprachlicher Beziehung treffliche und rhetorischen Ansprüchen genügende Vorträge zu halten, es fehlt ihnen aber an clafsischer Bildung, an akademischen Graden, der unentbehrliche Doctortitel (der doch auch in einer andern Halle, als in der der Wissenschaft erlangt werden kann), auch der fehlt ihnen ja, sie wissen nicht einmal von den brillanten Resultaten der neuern hebr. Geschichtsforschung, sie wissen io wenig vom „Mann des starren Systems," oder vom „Mann der goldnen Mttte"' als vom Mann im Monde, kurz bei ihnen ist ip'p orimri, und wenn sie sich auch zeitgemäße Bildung erworben, so ist diese keinesfalls ihr alleinseligmachendes Credo, sondern dient ihnen nur als i22ii'> Dieser Partei steht eine andere gegenüber, welche den „Fortschritt" auf ihre Fahne geschrieben hat, und die, welche sich um diese Fahne schaaren, die haben Latein, Griechisch und alles Erdenkliche ordentlich „studirt," haben ihre Jugend auf Universitäten, Hochschulen oder mindestens Gymnasien verlebt, haben dort Alles erlernt, nur nicht das Alpha und Omega — eines Rabbiners," und, 0! glücklicher Einfall! nach absolvirten Studien, nach der Promovirung u. s. w. gelüstet es die Herren Gelehrten nach einer Pfründe, und siehe da, aus einem Studirten kann man Alles machen, hat man doch nicht umsonst Philosophie „gehört," Latein und Griechisch „genommen" und das wäre doch schon mehr als genug, um daraus einen Rabbi zu machen, höchstens fehlt noch das Bischen Talmudkenntniß. Diese Kleinigkeit läßt sich leicht mit Hilfe guter Wörterbücher und Lexicis erlangen, bleibt noch übrig das Bischen kinii.i .1112 zu sein, auch das macht keine Skrupel, zu was wären denn der vi-r 2221-, und vir« "ki und ähnliche Codices da, wenn nicht, um aus ihnen über Nacht einen „Fortschritts-Rabbi" zu machen, fehlt noch Tatar und Käppchen und der Rabbiner ist fix und fertig. — Hier ist nichts Uebertreibung, nichts Carricatur, wer dm Jammer unserer Zeit kennt, der weiß , daß dies eine Federzeichnung treu nach dem Leben ^schildert, zu diesem Bilde könnten Hunderte gesessen haben. Wir haben schon oben bemerkt, daß es zwar Ausnahmen gebe; daß es auch bei uns Rabbinen gibt, die classisch gebildet, zugleich aber auch gründliche Kenner des Talmuds sind, doch diese gehören zu den wenigen Ausnahmen, die das Treffende unseres Bildes, das nur als Conterfei des Allgemeinen gelten will, nicht beeinträchtigen. Nun, wenn diese beide Parteien gegen einander in die Schranken auftreten, sollte man nicht zweifeln, wer die Palme des Sieges davon tragen würde, und doch gibt es viele jüdische Gemeinden in Ungar», die nachsichtsvoll ein Auge zudrücken über die spärlichen Talmudkenntniffe des Concurrirenden, wenn nur derselbe von seinen „Universitätsstudien" im hochtrabenden Tone zu sprechen weiß, die ihrem anzustellenden Seelenhirten es gerne verzeihen, daß er seine Pastoralklugheit aus der „Weisheit des Menschen" geschöpft, ohne je einen 111p vor Augen gehabt zu haben, wenn er nur seinen Homer und Virgil gründlich ftudirt hat. Die Ursache dieser traurigen Erscheinung aufzuspüren, würde uns für heute zu weit führen, es genügt uns, diese unerfreuliche Tharsache zu constatiren, vor der wir unser Auge nimmermehr verschließen können. Daß aber solche unverzeihliche Mißgriffe bei der Wahl eines Rabbinen begangen, früher oder später an der betreffenden Gemeinde schwer heimgesucht werden, daß, wer Dornen säet, auch Disteln ernten müsse, erzählt uns die neuere jüdische Geschichte auf jedem ihrer inhaltsreichen Blätter und auch die jüngste Zeit bereicherte uns in dem Eingangs erwähnten Falle um eine zwar schmerzliche, aber jedenfalls lehrreiche Erfahrung. Der Fall ist nicht vereinzelt, es haben schon viele der „Fortschritts-Rabbinen" solche Heldenrollen in höchst tragikomischen Dramen abgespielt. Wenn wir vergessene Geschichten aus ihrer wohlverdienten Vergessenheit in Erinnerung bringen wollten, könnten wir manches erbauliche Histörchen von diesem Genre auftischen, so könnten wir?z. E. diese vdrorü^as scairckai«u46 bereichern mit der Erzählung von zwei Gemeinden aus unserer nächsten Umgebung, die nacheinander einen und denselben Mann, den Mann der „Bildung?" und der winzigsten Talmudkenntniß zum Seelsorger bestellten, und zwar so: nachdem derselbe die eine Gemeinde nichts weniger als in Ehren verlassen mußte, wurde er von der arideren mit offenen Armen, empfangen. Beide Gemeinden haben aber die Früchte dieser Aussaat noch heute nach Jahr und

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