Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1863)
- Date
- 1863-11-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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555 Uebrigens glauben wir in dem ganzen Verhalten des Herrn L. ein; diplomatisches Manöverchen zu entdecken. Herr L. wollte durchaus einmal für alle Mal es in die Welt Hinausposaunen, daß er allein treu an dem Bekenntniß „Schma Israel" halte und daß „d a der gefährlichste Jndifferentismus und der stärkste Abfall vom Judenthume vorkomme, wo die orthodoxen Rabbiner herrschen"; daher sein Passivverhalten und sein großer „Mnth der Ueberzeugung", dem allerdings intelligenten Präsidenten gegenüber zu — schweigen, um dann die ganze Taktlosigkeit, die durch das Singen begangen worden, dem hiesigen orthodoxen Rabbiner in die Schuhe zu schieben. Ein fein durchdachtes Planchen, gebaut auf die Lehre; „der Zweck heiligt die Mittel." — Die Verdächtigungen, die nun Herr L. gegen diejenigen, „die mit der hier herrschenden Hyperorthodoxie liebäugeln, vorbringt, erklären sich zum Theil schon daraus, daß sie gegen Orthodoxie" gerichtet sind, gegen welche man wahrscheinlich, auf die citirte Lehre fortbauend, so Manches Vorbringen darf, das auch der Wahrheit stracks ins Gesicht schlägt. Wer die Hauptfactoren der hiesigen Orthodoxie nur Etwas genauer kennt, wird sich durch derartige Verleumdung, wie Herr L. gegen sie fingirt, aufs Höchste frappirt fühlen. Zur Ehrenrettung der Betreffenden sei mir hier gestattet, für sie das Wort zu ergreifen. Vor Allem ist es der Landgräfl. Regierungsadvokat vr. Binge, der wirklich Jedem, der noch Herz und Sinn für die wahre Handhabung unserer hl. Religion besitzt, als Ideal vorschweben dürfte. Er, der Nestor der hiesigen prakticirenden Anwälte, der allgemein zu den ersten Notablitäten hiesier Badestadt zählt, er ist es, der vom Amtszimmer hinweg zum täglichen Gottesdienst eilt, der immer Herz und Hand öffnet, wo es gilt, einen Humanitäts- und Wcchlthätigkeitssinn zu unterstützen, der besonders mit seiner biederen Ehehälfte, durch die tugendhafte Erziehung ihrer gottesfürchtigen Kinder, schon die hohe Freude genoß, den einzigen Sohn, der an einem Gymnasium studirt, der Versuchung, resp. der Gewalt trotzen zu sehen, mit der der Rector des Gymnasiums ihn uöthigen wollte, den Sabbat durch Schreiben zu entweihen,, die aber scheiterte an des Mnglipgs Charakterfestigkeit, milder er Angesichts einer leider! großen Anzahl von studirenden Israeliten, die schön MM'über Entweihung des Sabbats sich hinweggesetzt, erklärte, daß erSamstags nicht schreiben werde, da dieses doch auch sein Vater nicht thue, der doch Advocat sei. — Eine gleiche edle Gesinnungsart und Religiösität bethätigt der rühmlichst bekannte Banquier und Oberhofcommissair Herr B. I. Goldschmidt; er läßt durch keinen Umstand, welcher Art er auch sei, sich vom Besuche des Morgens- und Abendsgottesdienstes abhalten, und hat ihm schon längst selbst der Neid den Wohlthätigkeitssinn im ausgedchntesten Sinne des Wortes als die duftendste Blume im Kranze seiner guten Eigenschaften zuerkannt. Auch Herr Banquier Rothschild, Stadt- und Bezirksrath, ist ein hervorragendes Mitglied der hiesigen Gemeinde und bethätigen sich diese resp. Herren besonders im „geschäftlichen Leben" als wahrhaft redliche Juden, wie in dieser Beziehung wohl kein Banquier hiesiger Stadt, möge er selbst der Reformrichtung angehören — sich eines solchen Rufes zu erfreuen hätte. Wir müßten dieses Blatt mit lauter Namen füllen, wenn wir all die Mitglieder hiesiger Gemeinde nennen wollten, die anerkannt in religiöser Beziehung über jeder Kritik des Herrn L. stehen; was Wunder also, wenn Herr L. diese Leute zu verdächtigen sucht, die durch ihre echte Religiösität ihn „in seinem gemeinnützigen (?) Wirken lähmen," was Wunder, wenn er ihnen grollt, daß die Reform so wenig Terrain unter ihnen gewinnen kann. — Wir könnten noch so manch Manöverchen und Anekdötchen von der Rührigkeit der winzigen Anzahl der Reformbekenner in hiesiger Gemeinde mittheilen, wollen dies aber uns für ein anderes Mal Vorbehalten, um den geneigten Leser nicht zur unliebsamen Geduld zu verurtheilen, so viel vom Wesen und Leben der Reform zu hören. Weiterhin ereifert sich nun der „aufrichtige andersdenkende" Herr L. unter anderen Minhagim auch gegen das „kostspielige zum Schmausen und Schwatzen ausgeartetete Ausbleiben am crpQV und ->",->-Abend." Wenn dies „s g. Lernen" auch jeden höheren Zweck für Herrn L. verloren hätte, so dürfte es doch wenigstens einer jener „Abendunterhaltungen" nicht nachftehen, die in dem Singvereine, von dem Herr L. Vorstand ist, alljährlich in Masse abgehalten werden, die zwar „frequenter besucht", doch weit kostspieliger und — bedenklicherer Art sein dürften, als dieses jährlich nur zweimal wtederkehrende Ausbleiben! — „Sehen Sie, Hochwürdigster Herr Or. und Redaeteur, das ist