Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1863-11-11 · Heft 45 (11.11.1863) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 45 (11.11.1863)
Date
1863-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447089-2447133--02232-2457553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

553 Gründe hiefür als Preisfrage ausgeschrieben. Nun ist das Nüthsel gelöst. Es ist ja daselbst der Choralgesang eingeführt und dieser ist wie alles laute Beten gegen die talmudische Vorschrift. B.-Ch. hat übrigens noch viele Ursache mit dem Wiener Tempel unzufrieden zu sein, t) fehlt daselbst die Orgel, 2) betet man noch hebräisch, 3) hat man es noch nicht dahin gebracht, unbedeckten Hauptes zu beten, was zu den frömmsten Wünschen B.-Ch.'s gehört, 4) wird überhaupt daselbst noch gebetet, und so könnten wir mit der Aufzählung dieser Gründe bis ins Unendliche fortfahren; denn die Reform ist unersättlich und nie zu befriedigen, wie das Töchterpaar Aluka's, und B.-Ch ist der entschiedenste aller Reformer. Doch ist ihm die Reform nicht Selbstzweck, sondern Mittel und Hebel zur Beförderung seiner eigentlichen Tendenz, die keine andere ist, als den Zwiespalt in den jüdischen Gemeinden in Permanenz zu erhalten. So oft irgendwo der glimmende Zündstoff der Zwietracht um sich zu greifen beginnt, ist B.-Ch. am allerfrühesten davon benachrichtigt, es jubelt und frohlockt sein Herz beim Vernehmen der Feuersignale, er ist der erste auf der Brandstätte, um die Glut zu schüren, die Flamme anzufachen, und mit der Wuth des Löwen, wenn Jemand die Beute ihm entreißen will, wird Jeder angefallen, der es wagt, die Flamme löschen, dem zerstörenden Elemente Einhalt thun oder gar den Zunder entfernen zu wollen. In St. geräth der Rabbiner in einen heftigen Konflikt mit dem Vorsteher, weil dieser sich Eingriffe erlaubt in den eigentlichen Wirkungskreis des erftern, sofort ist B.-Ch. bei der Hand mit einer .121 rrn an den Herrn Bürgermeister, er setzt alles in Bewegung und aus dem Konflikte wird vollendete Trennung. In Gr. W. stehen zwei beinahe gleich starke Parteien einander schroff gegenüber, sogleich eilt B.-Ch. dahin, hält die Streitenden auseinander, damit sie sich nicht die Hand zur Versöhnung reichen, stellt sich in den Riß, erweitert ihn und weihet denselben ein zum entschiedenen Bruche. In der Gemeinde zu P. werden die Verhältnisse schwierig, gespannt, wieder ist es B.-Ch., welcher mit Lust an das edle Werk geht, durch Correspondeuzen die Spannung zu erhöhen, und wahrlich es ist nicht seine Schuld, wenn es daselbst zu keinem Bruche kommt. Nun geht eben der Tempelbau in Miskolcz immer rascher seiner Vollendung entgegen, B -CH. richtet sein lauerndes Auge dahin, denn welch schöne Gelegenheit ist da geboten zu Zwist und Streit, zumal in einer solch zahlreichen Gemeinde, wo es an Reformfreunden nicht fehlt, und auch nicht an Liebhabern des Chassidismus. Nein, denkt B.-Ch. und reibt sich in freudiger Aufregung die Hände, nein, da kann es nicht fehlen, da müssen die Parteien heftig an einander gerathen, oder ich will nicht B.-Ch. heißen Horch! die Frauengallerie ist schon nicht nach dem Sinne des dortigen Rabbinats, siehst du, sagt B.-Ch. hocherfreut zu sich selbst: Ich habe am Ende doch nicht gar so unrecht, wenn ich allwöchentlich in die Welt Hinausposaune, daß du den Stein der Weisen gefunden und über alles Wissen und Kennen ein ausschließliches Privilegium besitzest, du bist ja noch mehr, ein wahrhaftes Orakel! Deine Prophezeiung über Miskolcz beginnt sich schon zu erfüllen, bald wird man dich rufen und du machest aus M., was aus St. und Gr W. geworden! — Allein noch nie hat B.-Ch. sich so verrechnet wie in diesem Kalkül. Die Mäßigung, die vielbewährte Friedensliebe sitzt am Steuer der Gemeindeangelegenheiten zu M., sie hält sich das warnende Beispiel von Gr. W. vor Augen, ist bereit, die eigene, aber nur individuelle, durch keine ausgesprochene Vorschrift unterstützte Meinung dem Gemeindefrieden zu opfern, sich selbst dem herbsten Tadel der Eiferer auszusetzen, um nur die Gemeinde vor solch unheilbarem Schaden zu bewahren; ein ähnlicher Geist herrscht in der Mitte der Gcsammtheit und ihrer Vorstehung und — da kann es in der Thal nicht fehlen. Alles nimmt seinen ungestörten friedlichen Verlauf, die Frauengallerie wird geändert, der Tempel seiner Bestimmung übergeben und die sich regende Opposition gegen den Chor durch kluges Nachgeben von beiden Seiten besänftigt Bei solch bitterer Enttäuschung in seinen schönsten Hoffnungen kann B.-Ch. nicht länger an sich halten und er schüttet leinen Zorn aus über unser armes Haupt, weil wir zum Schluffe noch der Gemeinde zu M. einen Weg vorgezeichnet, wie man der Reform die schärfste Waffe entreißen kann, ohne auch nur ein Jota vom Schulchan Aruch zu verletzen, einen Weg, von dem B.-Ch. überzeugt ist, daß er in den Gemeinden hiesiger Gegend allem Unheile des Zerwürfnisses vorbeugt und ihm eben deßhalb bis in die Seele verhaßt ist. Man wird uns die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, daß wir alle Persönlichkeiten mit größter Sorgfalt vermieden haben, was wir uns jedoch keineswegs als besonderes Verdienst anrechnen, denn in dem Berichte B.-Ch.'s über unser Verhalten in M. ist die Farbe der Parteisucht so dick aufgetragen, daß wir eigentlich enthoben wären, uns zu vertheidigen und den Angriff zu erwiedern. Hier ist es mehr die der Oeffentlichkeit schuldige Achtung, welche von B.-Ch. gar zu augenfällig verletzt wurde und gesühnt werden mußte, was wir am besten zu erzielen glaubten durch eine aus diesem Vorgehen in Zusammenstellung mit andern Thalsachen geschöpften Beleuchtung über die Tendenz B.-Ch.'s, damit die so sehr des Friedens bedürftigen jüdischen Gemeinden vor seinem Einflüsse gewarnt und bewahrt seien. Im Uebrigen bleibt unser Verhältniß zu B.-Ch. ganz das frühere, da es keinen größer» Gegensatz ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.