Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 39-40 (7.10.1863)
- Date
- 1863-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447128--02156-2457472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
482 Gnade zu finden. Da ermannt sich der Sterbende und klagt Friede! als den Urheber des ganzen Unglücks an: „Ihr habt die Waffen mir, die rostig kalten, Vergangner Zeiten m die Hand gedrückt, Daß ich sie gegen siegende Gewalten Des freien Geistes freventlich gezückt." In einer Vision schaut dann der Sterbende die für den Glauben Eifernden — Herr Friede! vertausendfacht — erliegen, nachdem sie viel des Unheils und des Jammers über Menfchenseelen ohne Zahl gebracht", ohne jedoch „den Fortschritt hemmen zu können". Mit dieser Vision schließt das Gedicht. Der tragische Conflict, welcher dem Dichter zur Bearbeitung vorlag, war einfach der: das berechtigte Neue tritt an das berechtigte Alte hinan; das Individuum, welches die entstehenden Gegensätze nicht zu versöhnen weiß, geht daran zu Grunde. Diese Gegensätze hat der Dichter richtig aufgefaßt, indem er nicht die Reform in Lehre, Leben und Cultus, sondern die profane Wissenschaft an die derselben fernstehenden polnischen Glaubensgenossen hintreten läßt. Die Juden werden seit einem Jahrhundert von den socialen Schranken befreit, und Wissenschaft und Bildung machen ihre berechtigten Ansprüche geltend; soweit also war der Dichter auf richtigen! Wege — hat er aber seine Aufgabe gelöst? Nein, er hat das nicht gekonnt. Unvermittelt führt er die Gegensätze nebeneinander, und diese vertragen sich wunderbar gut, bis Friedel sie so gewaltsam gegeneinander hetzt, daß jeder Vernünftige ihm ruhig lächelnd zugehört und ihn mit leichter Mühe eines Andern belehrt hätte. Statt dessen wird man bös auf ihn, den edlen, einfachen, frommen, biedern Mann, jagt ihn fort, um hinterher schwachsinnig zu werden. War das Friedels, war das des Glaubenseifrers Schuld? Und nun, wie psychologisch unwahr ist der Held der Erzählung gezeichnet! Auch tritt seine Persönlichkeit gar zu, sehr in den Hintergrund. Wir erfahren von ihm nichts, als daß er ein reiner, unschuldsvoller Jüngling ist, in der Gotteslchre erzogen, von einer tugendhaften Mutter in profanem Wissen unter steter Mahnung an die Religion der Väter unterrichtet — und dieser Jüngling findet sein Ideal in einer frechen Seiltänzerdirne, mit der er durchgeht, so daß er Vater und Braut tödtet und die Mutter zu Tode betrübt! Ist das möglich? Es ist dieser Ausgang völlig unvermittelt. Wäre er's, so müßte das profane Wissen wirklich das Gift fein, als das Herr Friede! es verschreit, uvd berechtigt träte derselbe nach solch einem Ausgange als strafender Richter, dessen schreckliche Weissagungen sich nur zu bald erfüllt haben, auf. Dann wäre aber der einzig richtige Abschluß geyresen, daß der Sterbende spräche : „Herr Friedel, du hattest Recht; profanes Wissen zu erlangen ist sündhaft; .daß ich es erlaubt habe, dafür muß ich hart büßen. Ihr Eltern, lasset Eure Kinder nicht deutsch lesen lernen, sonst werden sie ungerathen und gehen mit Seiltänzerinnen durch". Vom Standpunkte der Poetik aus wäre gegen diesen Abschluß Nichts einzuwenden gewesen, wenn auch psychologisch die von uns oben angeführten Bedenken in Kraft blieben- So aber, wie das Gedicht jetzt ist, ist der Schluß förmlich aufgepfropft; der Verfasser will gewaltsam ein Fortschrittsresultat und die Rede des Sterbenden macht trotz ihres prophetischen Schwunges den Eindruck des durchaus Unberechtigten. Aber das ganze Gemälde ist, wie gesagt, psychologisch unwahr; meinem so gut erzogenen edlen Jünglinge lag nicht einmal der Keim vorbereitet zu einer so plötzlichen und unheilvollen Entartung; nicht auf einmal wird der Mensch ein Verbrecher; überall in der Natur, wie im Geistesleben, wie im Sittlichen finden wir einen allmählichen Uebergang. Denselben Stoff hätte der Verfasser etwa derart behandeln können, daß „die deutsche Frau" vielleicht unbewußt einen inner» Widerwillen gegen ihre polnische Umgebung, deren Unkultur und deren Jargon nicht hätte überwinden können, daß sie ihren Sohn (wiederum unbewußt) zur Geringschätzung seiner Umgebung erzieht, daß dieser in seiner Umgebung das Judenthum sieht und sich so der Religion der Väter entfremdet, während alles Unjüdische, sobald es im deutschen Gewände erscheint, ihn anzieht. Wie viele echt tragische Conflicte hätten sich in diesem Kampfe ergeben, während wir so keinen psychologischen Kampf sich entwickeln sehen, sondern nur rohes Poltern mit an den Haaren herbeigezögenen talmudischen Erzählungen vernehmen! Dann wäre die Katastrophe psychologisch vorbereiter gewesen; in der Katastrophe hätte Herr Friedel Recht behalten müssen, aber das Gedicht hätte nicht mit der Katastrophe schließen dürfen; vielmehr hätte in der Schüke der Leiden das Herz des Jünglings geläutert werdet! und der alte Glaube seine unverwüstbare Kraft bewähren müssen, so daß der Sohn reuig, aber als ein Mann, ein wahrhafter Mann, der die Gegensätze in sich zu versöhnen vermocht hatte, zu den Eltern zürückkehrt, um nunmehr erst recht der Stolz und die Freude derselben zu sein. Die sich daraus ergehende Lehre wäre dann die: nicht das profane Wissen an sich ist schädlich und dem Juden gefährlich, aber die falsche Anwendung kann es werden. — Der zurMgekehrtss, geläuterte, mit gediegenem Wissen ausgerüstete Söhn könnte dann den jüdischen Söhnen seines Vaterland«!- als geistiger Führer voranschreiten auf der Bahn, äuf welcher echte Religiösität mit socialer Bildung! Hand in Hand geht. Dann wäre Herki Friede! nicht allein besiegt, er wäre vielleichtüberzeugt worden. . Vorzüge des Gedichtes anerkannt; sie bestehen in, eiser wundervoüm