Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 39-40 (7.10.1863)
- Date
- 1863-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447128--02155-2457471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4SI „Die Mutter aber frmnblich blickte, Wenn mich ein Vers, ein Lied entzückte. Und sprack dann mit fast weichem Ton: „„Vergiß es nie, geliebter Sohn! Daß all' die edlen Geistcsgaben Die uns beseligen und laben, Des Wissens ewigfrische Wellen, Die auS dem Seelengrrmde quellen, Daß sie der Himmel nur gegeben Als Tröster für das ird'sche Leben; Daß sie mit nppigweichen Tönen Des Daseins Zwiespalt mild versöhnen. Jedoch der Fels, der ewig steht, Wenn alles Irdische vergeht, Der unerschüttert, unverzagt, Voll Glanz bis an die Himmel ragt, Das ist die glaubenstreue Brust, Des ewigen Heiles sich bewußt. Wer reinen Sinns empor kann schauen, Mit vollem, inn'gem Gottvertrauen, Der darf den Geist mit Blüthen schmücken, Und von der Weisheit Früchten pflücken. Ihn wird der Helle Strahl nicht blenden, Den reinen Sinn von Gott nicht wenden. Doch ist verrucht, ein Missethäter, Wer treu nicht wahrt den Schatz der Väter, Nicht höher hält als Glanz und Gut, Für ihn nicht giebt des Herzens Blut!"" Der Vater, voll Vertrauen auf seine edle Gattin, kümmert sich um diesen Unterricht nicht, dessen Gegenstände ihm selbst gänzlich fremd sind. Da treten plötzlich neue Personen in den Familienkreis. Ein Herr Fried el, ein Vierziger, bringt ein zwölfjähriges Mädchen, Sara, des Hausherrn Brudertochter, die er (Friede!) dem Flammentod entrissen hat; denn das Haus des Bruders ist abgebrannt, und er selbst hat den Tod beim Brande gefunden; die Mutter des Kindes war schon gleich nach der Geburt desselben gestorben. Sara bleibt als Kind im Hause des Oheims, und Herr Friede! bleibt als Gast. F. ist ein strengfrommer, gottesfürchtiger Mann, der ohne Scheu mahnt und zurechtweist, wo ihm etwas Unrechtes aufstößt, und stets hat er für seine Mahnung eine Parabel, eine Geschichte aus dem Talmud; er ist dabei herb und hart. Nach einem halben Jahre ist Sara schon in den Familienkreis hineingewachsen, und auch sie nimmt Theil an dem deutschen Unterricht der Mutter. Da dringt Herr Friede! auch in diesen, „reinen, heiligen Raum;" ihm gefällt der deutsche Unterricht nicht; er nennt ihn Peststoff, Unflath und sucht wiederum seine Ansicht mit einer Erzählung aus dem Talmud zu belegen. Das verweist ihm die Mutter; sie sagt, ihr Unterricht sei jetzt doppelt nöthig, damit ihr Kind nicht dem unberufenen Mahner gleich werde, und sie gebietet demselben, ihre Nähe zu meiden. Unterdeß sind Sara und der Held der Erzählung sich in geschwisterlicher Zuneigung zugethan, und wie von selbst macht die Umgebung, namentlich Herr Friede! aus den Kindern ein Brautpaar^ Das Barmiznuch-Fest wird mit außerordentlichem Glanze gefeiert, zugleich als Verlobungsfest der beiden Kinder. Der Knabe trägt eine äußerst scharfsinnige Deraschah vor, die ihm viel Lob einträgt; namentlich ist der Vater ganz glücklich «nd thut sich viel darauf zu Gute, „daß er mit aller Kraft des Strebens sein Kind der heiligen Lehre geweiht habe"; da tritt Herr Friede! vor ihn hin und klagt ihn öffentlich der schlechten Pflichterfüllung an, da er „dem Korne Spreu beigemischt" (d. h. seinem Kinde andern als religiösen Unterricht habe erlheilen lassen). Der Vater vertheidigt sich entrüstet; seine reine und fleckenlose Gattin habe die irdische Bildung dem Sohne ertheilt und darüber gewacht, daß diese unschädlich wirke. Herr Friede! aber klagt die Weiber des Leichtsinns an und erzählt zum Belege eine Geschichte aus dem Talmud (Kidduschin 80 d. Toßaphot*). Da wird der Hausherr zornig und jagt Herrn Friede! aus seinem Hause. Herr Friede! zürnt nicht — er hat nur seine Pflicht gethan; er gcht, segnend die, so ihn verkennen; doch eh'er scheidet, hcmgt sich Sara an seinen Hals und nimmt weinend Abschied von ihrem Lebensretter. „Herr Friede! weilt, und regt sich nicht, Mild glänzt sein Aug' in feuchtem Licht, Hält lang die leichte Last umfangen, Und streichelt sanft des Kindes Wangen. Dann aber sagt er ernst und laut: „„Kehr' zu den Deinen, junge Braut! Und mög' der Himmel dich beschirmen Vor äußern wie vor innern Stürmen. Wie treu du hältst an mir, dem Alten, Sollst du das Alte heilig halten, Die alte Sitte, alten Brauch Und an dem alten Gotte auch!"" Und rasch sich wendend, zieht er weiter, Der stolze Geist, des Glaubens Streiter." Fünf Jahre sind's, seitdem Friede! das Haus verlassen; der Hausherr ist in Schwermuth verfallen, weil ihn der Zweifel quält, ob Friede! nicht dennoch Recht gehabt; Sara kränkelt, sie trägt den Keim einer tödtlichen Krankheit in ihrer.Brust; da tritt eine neue Person hinzu, Franciska, eine Seittänzerin, eine Christin, die Tochter der Amme der deutschen Frau, die sie im Polenlande aufsucht. Der Vater sucht Beruhigung in dem Gedanken einer Vermählung seines Sohnes mit Sara, dem Liebling Friedels, die Mutter widerspricht, da Sara krank, Sara selbst wünscht Aufschub, allein der Vater duldet keinen Widerspruch, und der Sohn — geht mit der Seiltänzerin auf und davon am Vorabende des zur Hochzeit bestimmten Tages; die Braut stirbt vor Schrecken, den Vater trifft ein tödtlicher Schlagfluß. Doch ehe er stirbt, erscheint Friede! und mahnt ihn, im Angesichte des Todes seine Schuld einzugestehen, um reuig vor Gottes Thron *) Die betreffende Erzäblrmg ist vom Verfasser mißverstanden; sie will nicht vorzvgsweife den Leichtsinn der Frauen, sondern überhnupt de« des menschlichen Geschlechts darchuu.