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Der Israelit · 1863-10-07 · Heft 39-40 (7.10.1863) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 39-40 (7.10.1863)
Date
1863-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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480 schön zu sagen weiß, „was er dacht' und empfand"; Schade, daß sein Denken «ld Empfmdsk eine Richtung genommen (wir Heinch Wcht bloß iw religiöser Beziehung), die so recht' dazu Lngethän ist, sein schönes Talent zu Grunde zu richten. Wir werden dieses unser Urtheil weiterhin begründen; ehe wir jedoch die Namen des Dichters sowohl wie des Gedichtes nennen, wollen wir bemerken, daß wir in der folgenden Darstellung völlig objectiv das Kunstwerk nur als solches beurtheilen werden, was uns um so leichter sein wird, da die ästhetischen Fehler mit den irrigen religiösen Anschauungen zusammenfallen oder vielmehr die ersteren durch die letzteren dem Gedichte aufgezwängt sind. Ein uns bis jetzt unbekannter Dichter, Herr vr. Moritz Rappaport, hat unter dem etwas sonderbaren Titel „Bajazzo" (Leipzig, Arnoldische Buchhandlung 1862) ein Gedicht herausgegeben, das in ftinem zweiten Theile in die in der Überschrift von uns bezeichnete Kategorie fällt. In dem ersten Theile des Gedichtes, der uns hier weniger interessirt, wird ein Bajazzo (Hanswurst) dem Leser vorgeführt, der von bitterster Ironie beseelt, überall, in allen Kreisen der menschlichen Gesellschaft nichts als Berufsgenoffen wittert und dieses an den verschiedensten Beispielen nachweist: „Ein Possenspiel! ein Possenspiel! Das ist des Lebens Zweck und Ziel! Und all sein Schalten und sein Galten Sind flimmernd eitle Spuckgestalten, Und seine glänzendbellen Lichter Nur heuchlerische Truggesichter! Stur Täuschung ist des Menschen Sinnen, Die Form errungen und Gestalt, Ob hoch er auf des Lebens Zinnen, Ob er im nieder'» Thale wallt. Nur Ehrgeiz und nur Selbstsucht lenken Des Glückes flüchtiges Gespann, Und unter Mühen, unter Ränken Versinkt der Mensch, und wird — ein Mann!" Eine solche Lebensanschauung ist wahrhaft grauenerregend! Der Dichter geht hier offenbar zu weit; es ist allerdings wahr, daß es in allen Schichten der menschlichen Gesellschaft viele Heuchler, Gaukler und Thoren gibt, aber es gibt in Palästen sowohl wie in Hütten noch gute, weise und ehrliche Menschen. Nachdem nun der Verfasser mit bitterster Ironie Philosophen, Geistliche, Dichter, Philantropen, Kaufleute, Staatsmänner, Diplomaten, Humanitätsförderer, Spekulanten, Gelehrte, Nationalvereinler und ihre Gegner u. s. w. als Heuchler, Narren und Betrüger gegeißelt hat, begründet er im zweiten Theile, wieso er zu dieser bitteren Laune gekommen: „Ich will dir jetzo offenbaren, Was mich zum Gaukeln bat geführt, Horch auf, Hanswurst! du sollst erfahren, Wie man so schnell Bajazzo wird! —" Der Held des Gedichtes erzählt seine Lebensgeschichte; er bezeichnet sie cM -den Schiffbruch eines Menschenlebens", einSchWruch, den erzwar, wieder Verfotz der Erzähkung ergibt', sekbst verschuldet hat, für den er aber lediglich „eine unsichtbare Hand, die ergrimmt dazwischen fuhr", verantwortlich macht; es ist das eine im Leben nur zu häufig vorkommende Erscheinung, die schon der «eise König (Sprw. 19, 3) kennzeichnet: „die Thorheit des Menschen läßt seinen Weg Verunglücken, und wider Gott murrt sein Herz;" allein der Dichter hätte sich auf die Hohe der Sittenlehre stellen und hätte den Helden nur sich allein anklagen lassen sollen. - tz»- Der Held erzählt uns weiter, W er Pole und Jude ist: „Ein Pole und ein Jude sein Das isb des Unglücks Doppelkranz!" eine Meinung, die so sehr mit der Anschauung des wahren Juden contrastirt, daß sich durch sie allein schon der Verfasser außerhalb des echten Judekthums stellt, das seine Bekenner an jeglichem Morgen Gott für das Glück zu danken lehrt, im Judenthume geboren zu sein. — Der Vater des Helden ist ein reicher, talmudgelehrter, polnischer Kaufmann, der Morgens und Abends im Kreise seiner Freunde einige Stunden dem Studium der Gotteslehre weiht; in früher Jugend schon hat er die junge Gattin verloren, deren Verlust er, wiewohl nicht „Liebe" ihn mit ihr zusammengeführt hatte, bis in die Mitte des Lebens betrauert. Ein Geschäftsfreund aus Berlin veranlaßt ihn, zu seiner Zerstreuung nach Deutschland zu reisen; in Berlin wohnt er im Hause des frommen Freundes, in welchem er die religiösen Kämpfe zwischen „Alt und Neu" kennen lernt. Häufige Debatten im Freundeskreise, an denen sich der Pole jedoch nicht betheiligt, machen einen mächtigen Eindruck auf ihn. Die Tochter vom Hause, fromm erzogen und dabei in gediegener Weise gebildet, sucht zwischen den Streitenden zu vermitteln und mahnt zum Frieden; auch sie macht einen mächtigen Eindruck auf den Fremden, dem. sie, da er nicht das Herz hat, um sie zu werben, sich selber anträgt. Mit ihr kehrt der Frohsinn ein in das Haus des Polen, dessen Umgebung sich die anmuchreiche, freundlich milde „deutsche Frau" gar bald gewinnt; nach Jahresfrist vollendet sich das Glück des Paares, mit der Geburt eines Knaben, des Helden der Erzählung. Der Knabe wächst heran und wird den Tag über im Talmud und den andern religiösen Schriften unterrichtet, Abends jedoch lehrt ihn die Mutter „des deutschen Wortes edle Klänge, der Meister der Dichtung süße Weisen, löst ihm die Räthsel der Natur", verfehlt dabei jedoch nie, ihn vor Ueberschätzung dieses Wissens auf Kosten der Religion zu warnen.

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