Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1863)
- Date
- 1863-09-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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459 bequem macht und überhaupt die andächtigen Besucher des geregelten Gottesdienstes zumeist ans der äorös bestehen, die zur Mittheilung so mancher wichtigen Neuigkeit den Tempel und die Zeit des Gottesdienstes wählen, um die Zeit bis zur Predigt in angemessener Weise auszufüllen. Der geregelte Gottesdienst, nämlich der dem Chore den Charakter des b.-ip vindicirt, indem er es alle von diesem zu recitirenden Gebetsfloskeln, natürlich in würdigerer Weise sprechen läßt, macht es dem andächtigen Publikum möglich, sich unbetheiligt zu halten und die Zeit bis zur Predigt mit nützlicher Unterhaltung auszufüllen. Es muß ja auch Zeit dazu sein, den Gesang zu genießen und ein Urtheil darüber festzustellen, denn dies ist ja der U6I-VU8 rerurn, da Text und Sinn der Gebete Nebensachen sind, insofern die meisten Freunde und Anhänger des geregelten Gottesdienstes dieselben schwerlich im Original verstehen, was gewiß ein erfreulicher Fortschritt des neuern Judenthums ist. Die Indignation, die das Referat schließlich ausspricht, weil eine Gemeinde es getadelt, daß der Lehrer einen Knaben die Haphtara nicht mit den üblichen Trop, sondern in „einfacher, würdiger Deklamation" vortragen ließ, könnte man füglich unbeachtet lasten, denn Referent scheint der Ansicht zu sein, daß alles Me L tont prix beseitigt werden müsse, so auch die Accente, obwohl deren Bedeutung für den Textsinn von allen Exegeten gewürdigt worden. Die Cantilation dieser Accente ist nun einmal traditionelle Recitationsweise und daß sie dem Referenten nicht behagt, ist wiederum nur Geschmackssache; er kann jedoch einer Gemeinde, die ihrerseits kein Behagen an Declamation der Haphtara findet, seinen Geschmack nicht aufdrängen. Im Allgemeinen ist es nun wohl von geringer Bedeutung für das Wesen des Judenthums, ob der Gottesdienst ungeregelt oder geregelt ist, ob die Haphtara cantilirt oder declamirt wird; indeß ist es klar, daß die Grund- und Glaubenslehren des Judenthums lebendiger und frischer im Herzen des Juden lebten, bevor die Reformen begonnen und wenn den Reformern etwas an Erhaltung des Judenthums liegen würde, wie sie es wenigstens oft genug behaupten, so scheint der Weg der Regelung des Gottesdienstes und dgl. sicherlich nicht zum Ziele zu führen, wie die bisher bekannt gewordenen Resultate bekunden. Das Judenthum, dessen schönster Vorzug bisher die Einheit der Religion war, ist heute nicht in zwei, sondern in hundert Lager gespalten, denn nach Verschiedenheit der Geschmacksrichtung erfolgen auch die Neuerungen, ohne von den Tausenden zu sprechen, die bei der verächtlichsten Tendenzlosigkeit nur ihrer Genußsucht folgen und ebenfalls die Reform auf ihre Fahnen schreiben. Und was eigentlich ist die Triebfeder, der himmelstürmenden Reformen? Ist es der Zeitgeist, der dazu drängt? Aber auch die modernen Anschauungen lassen sich recht gut mit wahrer Glaubenstreue vereinigen und es ist dem orthodoxen Juden eben so gut möglich, als ein Mann von Weltbildung aufzutreten, wie dem Reformjuden? — Oder ist es der Geist der Wissenschaft, der Kritik, der an dem Men rüttelt? — Aber wo ist denn diese Wissenschaft, natürlich die spezifisch jüdische, vertreten? Abgesehen von einigen Rabbinen wird sie ja gerade von den Reformsreunden auf's Schmählichste ignorirt? — Oder liegt in der That den Reformen eine echt religiöse Bestrebung zu Grunde, das Streben nämlich, die erscheinenden Mißbräuche zu beseitigen und die Religion zu veredlen? Möglich, aber wahrscheinlich nicht; denn wäre dem so, so erscheint es sonderbar, daß die Reformen ausschließlich nur auf Erleichterung der Religionsübung Hinzielen, indem nur die Mißbräuche zu finden sind, wo der Religion irgend ein Opfer an Bequemlichkeit oder weltlichen Gewissen gebracht werden soll. Setzt man aber Mißbräuche in der Religion voraus, so dürften wohl auch solche vorhanden sein, die zu ihrer Beseitigung einige strenge Bestimmungen gleichsam eine Umzäunung erforderten, wie solche von den früheren Gesetzeslehrern vielfach angeordnet worden. Da aber consequent nur solche Mißbräuche ans Licht gezogen werden, die in irgend welcher Beziehung unbequem scheinen, so ist die Tendenz der Reform offenbar und bezweckt dieselbe gewiß nichts weniger als Befestigung der Rel gion.' Wer hoffentlich wird der Wahrheit der Sieg verbleiben; die Phrasen vom „alten Schlendrian" und dgl. werden bald selbst alter Schlendrian sein und das Judenthum wird, verbunden mit dem edeln Zeitgeiste immer aufrecht stehen, trotzdem Reformgeist und Materialismus daran rütteln. 6.