Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1863)
- Date
- 1863-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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455 den. Da Rabbi ALiba ben Josef diesem Gebote zuwiderhandelte, wurde er in's Gefängniß geschleppt und zum martervollsten Tode verurtheilt- Mit glühenden Zangen wurde das Fleisch von seinem Leibe gerissen; aber kein Wort der Klage kam über die Lippen des edlen Greises; den körperlichen Schmerz überwindend oder gar nicht fühlend, rief er aus: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Und staunend umstanden die Schüler den todesmuthigen Lehrer und staunend fragten sie ihn: ip Rabbi, bis hierher?" und er erklärte ihnen, wie aus der Einheit Gottes unmittelbar die unbegrenzte Liebe folget, die gern und freudig zur Heiligung des göttlichen Namens selbst das Leben opfert; und von Neuem begann er zu rufen, Schema Jisroel, und als er das Wort in-r „einzig" sprach, da hauchte er feinen reinen Geist aus, und eine Stimme erscholl vom Himmel und rief: „Heil dir Akiba, der du bei der Verkündigung der Einheit des göttlichen Namens deinen Geist ausgehaucht hast!" O, wie Viele sind dem Beispiele Rabbi Akiba's gefolgt, wie viele Märtyrer, die zur Heiligung des göttlichen Namens , die mit dem Schema Jisroel auf den Lippen ihr Leben hingegeben haben, zählt die jüdische Geschichte, oder zählt sie vielmehr nicht, denn sie sind unzählbar! Ganze Gemeinden, Männer, Frauen, Kinder und Jünglinge, Greise und Greisinnen haben zu Tausenden und aber Tausenden in der langen Reihe blutiger Jahrhunderte Glück und Gesundheit, Leben und Vermögen geopfert, um dem Bekenntnisse treu zu bleiben: Schema Jisroel! Und wenn, was Gott verhüten wolle, auch in unserer Zeit die Anforderung gestellt werden sollte, unfern Glauben zu verleugnen, so würde es auch selbst in unserem Jahrhunderte, in welchem die religiöse Innigkeit und Hingebung leider so abgeschwächt ist, noch Märtyrer geben, ja noch Tausende und aber Tausende, die lieber den Tod erleiden, als daß sie das jüdische Bekenntniß verleugnen möchten. Aber nicht nur zu sterben sollen wir wissen mit dem Schema Jisroel auf den Lippen, sondern leben sollen wir seinem Begriffe gemäß, und der Erörterung dieses Begriffes sei der zweite Theil unserer Betrachtung gewidmet. II. Das Wort pOw hat eine dreifache Bedeutung» es heißt: höre, verstehe, gehorche. Höre! o, wenn der Mensch nur hören wollte! Wie Viele gibt es namentlich in unserer Zeit, die nur aus Unwissenheit sündigen, die nur deshalb vom Gesetze unseres Gottes abgefallen sind, weil der Jrrthum sie umfängt! aber der Jrrthum wird dadurch zur muthrvilligen Sünde, daß sie sich zu hören weigern. Darum, höre Israels Sohn, höre auf die Stimme des Mahners, höre auf die Stimme des Lehrers! Wie kannst du dich unterfangen, über Gottes Gesetz uriheilen zu wollen, wenn dir Gottes Wort fremd ist? Verstehe! ja, es ist den Israeliten gestattet, oder vielmehr ist es ihnen geboten, zu denken, zu verstehen. Nicht gebietet Israels Religion ein Befangensein des Geistes in der finstern Nacht dumpfen Wahnes und thorheitsvoller Unwissenheit, sondern du sollst, o Israelit, verstehen lernen das Wort deines Gottes, begreifen lernen das hohe Glück, das er dir in seinen heiligen Geboten gegeben, lerne, lerne, lerne, verstehe und begreife, das Erforschen der - Gotteslehre ist wichtiger denn Alles, weil es führt zur That, zur mit Geist und Verständniß zu vollbringenden Dhat! Aber hüte dich, daß du die Kraft deines Geistes überschätzest und die Erfüllung deiner Pflichten von dem vorhergehenden Verständniß abhängig machest; deßhalb: Gehorche! Gehorche deinem Gotte, der da ist der Allweise, der Nichts von dir verlangt, was nicht zu deinem eigenen Heile gereicht, der Nichts von dir verlangt, was du nicht zu erfüllen vermöchtest. Israel! Drei Namen führt der Stammvater unseres Volkes, Jacob, Jeschurun und Israel. Jacob ist der irdische Mann/ „der da fasset die Ferse seines Bruders." Er hat zu kämpfen mit Mühen und Sorgen, mit irdischem Leid und mit irdischem Kummer, muß fliehen vor seinem mächtigen Bruder, muß dienen im Hause des Laban, muß sich betrüben ob des Geschickes seiner Kinder; er ist der Mann, der da gerne in Frieden und Ruhe wohnen möchte, aber die ersehnte Ruhe nicht erlangt, der noch im hohen Alter wandern muß in ein fremdes Land und dessen Leiche erst eine Ruhestätte findet in der heimathlichen Erde; aber trotz alledem harrt er treu aus in der Liebe zu seinem Gotte, verzichtend auf irdisches Glück. Also harre auch du aus, also verzichte auch du! Jeschurun ist der rechtliche, billig und edel denkende Mann, der seinem Bruder das irdische Erbtheil überläßt. — Israel aber ist der Gottesstreiter, der da kämpft für seinen Gott, der durch manch heißen Kampf und ruhmvollen Sieg das geistige Erbe der Väter den Kindern erhält. O, nimm dir Jeschurun, 0, nimm dir Israel zum Vorbilde! Der Ewige! Ja, Gott ist der Ewige, der da war, der da ist, der da sein wird; er ist aber auch der Barmherzige, der dich schützend bewahret vor der Sünde, wenn der Gedanke an Ihn erfüllet dein Herz; er ist aber auch der Barmherzige, der sich liebevoll annimmt des reuigen Sünders und ihm entgegenstreckt den Vaterarm. Gott, unser Gott! Das Wort '^r< bezeichnet in der hebräischen Sprache den Allmächtigen. Denk daran, daß Gott ist der Allmächtige, daß du Ihm nicht zu trotzen, Ihm nicht zuwiderzuhandeln vermagst, daß Er in Seiner Gnade dir die Freiheit