Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1863)
- Date
- 1863-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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454 irgend etwas Anderes, es ist gar schwach. Aber in diesm Tagen der inneren Einkehr, da schaut der Fromme in jeden Winkel seines Herzens , durchsucht jede Falte, prüft jede Seite seines Denkens und Fühlens und reinigt sich von allen bösen Neigungen, Lastern und Leidenschaften, damit er am Versöhnungstage rein erscheine vor seinem Gotte; einen reichen Fond religiösen Denken und Fuhlens bringt er dem ^Jom Hakchpurim entgegen und einen noch größeren Reichthum strömt dieser ihm zu. — Der Israelit, welcher den Versöhnungstag feiert, er kann nicht versinken in den Pfuhl des Verderbens, er kann nicht ganz und gar verkommen. Wir kennen nur eins, was an Erhabenheit und Bedeutung in dem religiösen Leben des Juden, dem Bersöhnungstage gleich käme: es ist die jüdische Bekenntnißformel Schema Jisrael! Das sind die ersten Worte, welche der Mund der lallenden Kinder beten lernt, das sind die letzten Worte, die da der Mund des sterbenden Juden verhaucht, Worte des Jubels, der Wonne, der Freude, des Glücks, Worte der tiefinnigsten Ueberzeugung, der großartigsten Erhebung, Worte, die Israels Ruhm und Stolz bilden und die sein Märtyrerthum bezeichnen. Wir wollen daher in unserer Betrachtung für den Versöhnungstag diesen Gipfelpunkt unseres religiösen Bekenntnisses zuerst in seiner geschichtlichen und dann in seiner belehrenden Bedeutung dem Auge unserer Leser vorführen - I. Wir haben bereits die Entstehung des Schema Jisrael bei Gelegenheit des Neujahrsfestes erzählt: Es ist der sterbende Jacob, der da alle seine Kinder um sein Sterbebett versammelt, um ihnen das Ende der Tage zu verkünden. Aber der allmächtige Gott hat in seiner Weisheit Fülle die Zukunft verhüllt, und auch der Vater soll sie seinen Söhnen nicht enthüllen; da weicht der prophetische Geist von Jacob; voll Sorge, schaut er sich im Kreise der Seinen um, ob unter ihnen vielleicht Einer, der sich dem Götzendienste zugeneigt. Und die Söhne und Enkel errathen seine Besorgnisse, und sie Alle rufen wie aus einem Munde: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Deß freut sich der greise Vater und mit verklärtem Blicke ruft er aus: „gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig!" und er segnet die theuren Kinder und er verlangt nicht mehr, ihnen die Zukunft zu enthüllen; eine Familie, die solch ein Kleinod, wie dieses Bekenntmß, besitzt, mag getrost allem Glück und allem Unheil, jeder Freude und jedem Schrecken, welche immer die Zukunft zu bringen vermag, entgegengehen. Und dieses Bekenntniß ist der köstlichste Schatz der jüdischen Familie geblieben für alle Zeiten; es ist das Erbe geblieben, das unschätzbare Erbe, das noch Niemand hat rauben können, das Kleinod, au das unsere Seele sich klammert beim Erwachen, das unsere Seele kräftigt für die Mühen des Tages, das unsere Seele beruhigt, wenn der Abend winkt, das uns mit Vertrauen erfüllt und uns schützt gegen alle Schrecken der Nacht. — Israel ist zum Volke geworden, sein großer Lehrer Moscheh hat es aus Mizrajims Knechtesland geführt, hat es durch die Wüste getragen „wie da der Wärter trägt den Säugling," hat es gelehrt die göttliche Lehre, hat es erfüllt mit dem Gottesgeiste. Jetzt steht es amZiele seiner Wanderung, an der Grenze des heiligen Landes, ein großes, mächtiges Volk; und der erhabene Hirt nimmt Abschied von seiner Heerde, und zmn Abschied verkündet er die Worte des Heils: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Dem iSr. Volke ist damit die Grundlage und zugleich das Entfiel seines Strebens gegeben. Das ist der große Gedanke, den Israel verwirklichen, verbreiten, vertreten soll auf Erden: „Gott ist einzig." Der Ewige ist einzig — und du sollst lieben den Ewigen, deinm Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen. Weil Gott einzig ist, weil es Nichts gibt, das Ihm vergleichbar, Ihm zur Seite zu stellen wäre, so gchört Ihm deine Liebe, deine unbegrenzte, durch Nichts geschmälerte Liebe. Deshalb müssen ja sein die Worte, die ich dir heute befehle, auf deinem Herzen; du mußt sie einschärfen deinen Kindern und von ihnen reden nicht nur, wenn du zu Hause sitzest, sondern auch wenn du auf dem Wege gehest, bei deinem Niederlegen und bei deinem Aufstehen; du mußt sie knüpfen zum Zeichen an deine Hände und sie sollen sein zur Stirnbinde zwischen deinen Augen und du sollst sie schreiben an die Pfosten deines Hauses und an deine Thore. — Aus der Lehre von der Einheit Gottes folgt unmittelbar die Liebe zu Ihm, der Gehorsam gegen Sein Wort, die Erziehung der Kinder für Ihn, die Vergegenwärtigung Gottes in allen Lagen des Lebens und zu jeder Zeit. So sollen wir die Einheit bethätigen in unserem Wandel, so sollen wir den Völkern zum Muster dienen und dadurch ein Volk von Priestern sein, auf daß die Nationen erkennen diese große Wahrheit und der Tag herrannahe, von dem es heißt: „und es wird sein am selbigen Tage, da wird Gott einzig sein und Sein Name wird einzig sein." Und Israel hatte aufgehört ein Volk zu sein, sein Land war erobert, sein Heiligthum zerstört, seine Hauptstadt verbrannt, seine Fürsten zu Sclaven erniedrigt, seine Jünglinge getödtet, seine Jungfrauen geschändet und noch immer setzte Rom den Vernichtungskrieg gegen das isr. Volk fort; Israels Lebensnerv sollte abgeschnitten werden, und deßwegen war die Beschäftigung mit der Gotteslehre verboten wor-