Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1863)
- Date
- 1863-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1 4M fantene-Regiments. S«n; Musik-EorpS bestyrch stbrr die Hälfte auch aus Huden; dieselben dicrrtfn schon zehn Jahre bei demselben, waren zur Musik koWmandirt worhen, ohnx eine Note zu kennen, - viel weniger jemals ein Instrument in Händen gehabt zu haben. Sie spielten iydeffen jetzt correkt auf ihren mangÄhaften Instrumenten: einfachen Trompeten, Clarinetten, Posaunen, Waldhörnern, Baßtuba und Querpfeifen. Tie Musik ist rauh, aber kriegerisch, mit vielem Trommelgewirbel und streng genau im Tacte; sie nennen das die kleine Musik; bei der Division fungirt die große Musik, die 60 Mann zählt und gut besetzt ist. Auch die umherwandernden Musikbau den, welche bei Festlichkeiten, Hochzeiten rc. und zum Tanze spielen, bestehen nur aus Juden. Der Jude ist also auch der Träger derTonkunst rm Volke, sogar theilwcile der Schauspielkunst, denn an einem oder zwei Tagen des Jahres ist er der jocose, ausgelassene Unterlhan des Fürsten Carneval; er hat in Polen seinen Carucval eben so gut, wie der kölnische, venetianische oder römische Bürger, nämlich am Puriwsesie im Februar. Am Abend vor dem diesjährigen Purim war ich in einer reichen Judenfamilie; die mit außergewöhnlich weißem Leintuch bedeckte Tafel spendete süße, meist mit Honig zubereitete Kuchen; zierliche Krysialltellerchcn standen umher, vollgehäust mit einer Art von Marzipan-Figuren in allerlei Gestalten, und ein ausgezeichneter russischer Kornbranntwcin diente dazu, bald eine fröhliche Stimmung zu erzeugen. Plötzlich hörte man vom Vorhause aus eine rauschende Fanfare, die Flngrlthnr that sich auf und herein trat eine Hochzeitssckaar in altasiatisch-jüdischer Tracht. Der Hochzeitgeber im Coßume des Erzvaters Jakob, im braunen, langen Talar, mit bis auf die Füße reichendem schnecwe.ßem Bart, erblindet, in gebückter Stellung sich stützend auf einen langen Hirtenstab und geführt von seiner etwas jünger aüssehenden Frau, welche angethan war mit einem altmodischen, mit großen Blumen bedeckten Kleide, das von einer so fürchterlichen Kriuoline ausgebreitet wurde, daß der alte Erzvater neben ihr fast verschwand. Ihnen folgten eilf Söhne, von denen einer eine Braut führte. Die Söhne waren phantastisch maskirt, der Eine bucklig, der Zweite mit großem Bauche, der Dritte als Riese mit einer spitzen Mütze, die, wie bei den ägyptischen Sterndeutern, mit Sonne, Mond und Sternen von Goldpapu r beklebt war ü. s. f. Der Bräutigam stellte einen glücklichen Hirten alter Zeit dar und hatte einen langen Schafspelz, das Rauhe nach Außen gekehrt, an, die Braut war ebenfalls im antiken Kleide von grobem Hanfleinen ohne Crinoline. Der blinde Vater sollte nun den Segen geben, aber vorher wollte er alle seine Söhne sehen oder vielmehr fühlen; jedoch fehlte sein Liebling, der zwölfte, Joseph. Nun folgte, die ganze Komödie des Verkaufes vorh. Joswh nach Egypten, welches der Aelteste, Richen, rnjt Gesang in Solo und einem fürchterlichen, mit Trommeln und Trompeten begleiteten Refrain im ChvruS vöb-° trug, bis zum'Schluffe die ganze bärtige Gesellschaft im wilden Tanze umherflog uydeinen so jocosen Skandal machte, dast. man wirksich glaubte, ayf einem kölner Carnevalsfeste zu sein. Die ganze Nacht hindurch trieb man den Lärm fort, in den Häusern sowohl als auf der Gaffe. Dieses Purim siel auf den 5. März des neuen und auf den 21. Febvüar des russischen Kalenders, also stimmt dieses FM, mit unserem Fastnacht überein. Das Gemächlichste dabei war, daß . die Häuser auch der reichsten Juden dent Maskirten Publikum die ganze Nacht offen standen; man ging ein und aus, aß, trank, machte fürchterlichen Lärm und amüfirte sich auf eigene' Hand. Der Reichthum ist bei vielen polnischen und russischen Juden sehr bedeutend. In den Häusern zeigt sich kein Luxus, man findet meist nur ansike Möbel und mit Staub bedeckt; doch sind die schönsten Säle mit großen, aber auch alten Spiegeln versehen, in denen sich aber schon so viele Fliegen gespiegelt haben, daß man sein menschliches Antlitz mit Flecken bedeckt glaubt, wenn man zufällig hineinsieht. Die.Hausfrau rauscht in schwerer Seide, mit Brillant-Ohrringen von tausend , einem Collier von echten Perlen von 2000 Thalern an Werth und mit noch atideim kostbarem Schmuck angethan, durch die Räume, sieht aber nicht den Schmutz, der auf den Möbeln ruht; vier bis fünf Mägde sieht man beständig hin- und Erlaufen, aber dabei wird nichts gethan, desto mehr gerufen, und eine Wirthsckaft gemacht, als wenn man in der Mdientenftube eines großen Hotels wäre. Die Lebhaftigkeit des asiatischen Blutes verleugnet sich nicht; auch das Handeln und Schachern, das Ein- und Auslaufen von Mäklern, von armen und reichen Handelsleuten in einem solchen großen jüdischen Haufe trägt denselben Charakter. Allein trotz dieses für manche Menschen unleidlichen Wesens rangirt der Jude ik Polen an Intelligenz und Stellung im Leben gleich nach dem Edeknenm^;-selbst der -Germgfte^vvn^hwm spricht mehrere Sprachen, Hebräisch, Deutsch, Polnisch und Russisch sind chm» Meißens ganz geläufig; auch lernte ich einige reiche Jüdinnen kennen, weiche gut Französisch sprachen. Ihre Schrift ist jedoch., meistens hebräisch, st sie schreiben -DMHch 7mit' häbMWG Schriftzeichen; nur selten schreiben die älteren Juden mit deutschen oder polnischen Buchstaben, die jüngeren sind jedoch auch Hierin weiter fortgeschritten. (Hierbei eiae Beilage.) Leran.wortAche Sirrakttvn: Ls. Lei-mauu. — Vertag d^r Le Noux'schen Hörbuchhandlung. — Druck von I. SottSleben in Mainz.