Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1863)
- Date
- 1863-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 bis morgen zu verschieben, damit die gestellten neuen Anträge näher erwogen werden könnten, spricht sich aber jetzt schon gegen den Antrag Baldinger aus, indem er die Sache für spruchreif hält und eine Entscheidung will. Die Ordnungsmotion, gegen welche sich Herr Hoffmann erhebt, wird indeß mit großer Mehrheit abgelehnt und sofortiges Eintreten beschlossen. Herr Bundesrath Dubs tritt ebenfalls den Ansichten des Hrn. Baldinger entgegen , weist nach , daß der Bundesrath seine Einwirkung auf die aargauischen Behörden, um sie zur Beachtung der bundesgemäßen Vorschriften in Erledigung der Angelegenheit zu vermögen, erschöpft habe, hält andererseits den Antrag des Herrn Jäger den waltenden Verumständungen nicht für angemessen, glaubt auch, der Antrag der Kommission sage in seinem ersten Dispositiv zu wenig und greife im zweiten Dispositiv der Auslegung des Gesetzes vom 15 Mai 1862 zu sehr vor; er empfiehlt daher den Antrag des Bundesrathes, würde aber dieser nicht beliebt, so würde ihm von den übrigen derjenige der Kommission am meisten Ansagen. (Schluß folgt.) Feuilleton. Polnische Sinken ans der Gegenwart.^ (Von einem deutschen Augenzeugen. > Der polnische Jude. „Herr, uns« re Zuflucht warst Du stets Von einem Menschenalter bis zum andern; Noch ebc gebildet wurden die Berge, Ehe sie zitternd der Erdkreis gebar, Vom Anbeginn bis zu der Zeiten Ende bist Du, o Go::! Du st: eckest Menschen nieder in den Staub, Und rufest der Nachwelt: Kehre wieder!" (Ps.vO.) Es war an einem Freitag Abend, als ich in einer öden Gegend von Polen in der Hütte eines Juden einkehrte. Der Sabbat war noch nicht angebrochen, da jedoch der untergehenden Sonne röthliche Strahlen nur noch dürftig durch die kleinen, mit Schmutz bedeckten Fensterscheiben das enge Gemach zu erleuchten suchten, waren schon alle Vorbereitungen getroffen, den Sabbat zu beginnen. Sobald der letzte Sonnenschein am fernen blauen Horizont verschwunden war, zündete ein Dienstmädchen (?) die aus der mit einem weißen Tischtuche bedeckten Tafel stehenden drei Lichter an; die Hausfrau erschien, stellte sich gegen Morgen gewandt davor, nahm beide Hände, strich auf der Seite der Lichter hin und her und stellte durch ein Gebet die Lichter, sich und ihr Hauswesen unter Gottes Fürsorge. *> Nach der Kölnischen Zeitung. Der geehrte Leser sieht bald, dast der P-rfasser ein Nichtjnde ist und Vieles unrichtig aufgesaßt har. - Als die Frau die Lichter eingesegnet hatte, verj richtete der Mann das Gebet, zuerst (?) das gewöhn- > liche Abendgebet, das die Juden alle Abend nach Soni nenuntergang beten sollen und auch hier zu beten nie unterlaßen, alsdann (?) das besondere Abendgebet. Diese Gebete werden nur hebräisch gesprochen, denn der Jude in Polen und Rußland ist strenggläubig; , inmitten des Stroms der Jahrhunderte steht das Ge-! setz Gottes bei ihm noch wie ein Felsen und läßt die j Wogen der Zeit an sich heranbrausen. Deshalb sagen! aber auch die hiesigen Juden: unsere europäischen! Brüder sind von uns abgefallen und sind keine Juden! mehr, sie halten nicht das Gesetz. Als das Gebet vollendet war, wurde die Abend-! Mahlzeit aufgetragen; dieselbe bestand aus Fischen, i Fleischsuppe, Rindfleisch, Kartoffeln und als Beisatz ge-! riebenen Meerrettig mit Essig zubereitet, ein Wen,! welches durch Stoff und Zubereitung mit den Urnge^! düngen, dem Schmutz des Zimmers, der Möbel, des Fußbodens, der nur aus festgestampftem Lehm bestand, I und mit der Aermlichkeit der ganzen Familie auffal-! lend contrastirte. Allein am Sabbat hat auch der i ärmste Jude, der die Woche hindurch sich von Karlöffeln nährt, sein Stück Fleisch im Topfe. Nach der Mahlzeit wurden wieder Gebete verrichtet, in den he-! bräischen heiligen Büchern gelesen und früh zur Ruhe gegangen. Der ganze Sabbat ist denn in der That j ein Ruhetag im wahren Sinne des Wortes. Jedes Geschäft ist streng untersagt; kein Stückchen Geld wird! in die Hand genommen, kein Feuer brennt und desj halb wird auch nicht Tabak geraucht. Das Essen! wird am Freitage gekocht und in früher geheitzten Backöfen warm gestellt. Das Getränk für den poli nischen Juden ist hauptsächlich Branntwein; derselbe fehlt bei keiner Mahlzeit. Am Ausgange des Sabbats, sobald die Sonne untergegangen, wird ein ziemlich großes Glas Branntwein durch Gebet eingesegnet,! dabei zündet man etwas auf den Tisch gegossenen! Spiritus an, bestreicht sich mit dem brennenden Naß die Augenbrauen und murmelt dazu einige hebräische Worte. Auf den Dörfern, wo keine Synagogen sind, versammeln sich die jüdischen Einwohner in irgend! einen: Privathause und verrichten dort gemeinschaft-; lich ihre religiöse Andacht; es müssen aber wenigstens zehn Männer dazu versammelt sein. Vorleser ist derjenige, der die beste Stimme hat, die anderen wieder-! holen Satz für Satz. Die Frauen nehmen an dieser Andacht nicht Theil, sondern sind außerhalb des Zim-? mers und beten nur leise mit bei einigen Stellen, welche besonders laut zu ihnen herausschallen. Aber auch jeden Morgen hält der polnische Jude nüchtern sein Gebet mit allen dazu gehörigen Ceremonien. Er hängt sich seinen Gebetmantel um, der aus weißem Wollenstoff besteht, mit schwarzen 0/4" breiten Rän-