Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1863)
- Date
- 1863-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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374 liche Gesetz ohne das erläuternde, ergänzende mündliche ein unverständliches, versiegeltes Buch, so wäre der jüdische Gottesglaube ohne philosophische Erläuterung nicht in seiner abstracten Reinheit und Wahrhaftigkeit zu begreifen und zu erfassen. Ohne philosophische Forschung märe dem Wahne und Irrglauben Thür und Thor geöffnet, und wir hätten von dem allerhöchsten, die absoluteste Vollkommenheit implmrenden Wesen die abenteuerlichsten Anschauungen und die buntesten Zerrbilder. Wie groß ist z. B. das Verdienst eines Maimonides in Bezug darauf, daß er den Gottesbegriff des Judenthums in seiner wahren Bedeutung definirte, und in rein spiritualistischer Auffassung, jede auch noch so entfernte anthropomorphiftische Vorstellung als vollkommen antijüdisch entschieden zurückwies?! — Die jüdische Religion gebietet daher die philosophische Forschung; sie fordert dazu auf. Sie macht es ihren Jüngern zur heiligen Pflicht, mit der Fackel des Verstandes ihre Dunkelheiten zu erhellen. So heißt es Deuter. 4. 39. „n2^,-n Oi'.n npi'i NNN2 P2XN ^>P22 2'2V2 Xl.-fll '2 ^22v ^>x px Du sollst es erkennen, mit deinem Verstände begreifen und deinem Herzen verständlich machen, daß der Ewige der einzigundalleinige Gott ist im Himmel oben und auf der Erde unten sonst Keiner^" und Chron. 1, 28, 9. 2M 2^2 iN22p^ p2x 'n2x nx p-> tU22'N2 2L' 221 'N VN',"! N122V ^2 '2 .12211 L72121 Ip2 1?122' 1^21PN 2X 12 X22' 12V11N 2X 1'22. Erkenne, verstehe den Gott deiner Väter, dann wirst du ihm dienen können mit ganzem Herzen und williger Seele; denn der Ewige erforscht alle Herzen und prüft jede Neigung der Gedanken; wenn du nach Erkenntniß und Verständniß seines Wesens forschest, so wird er sich finden und begreifen lasten; wirst du aber nach Gotteserkenntniß nicht forschen, so wird dir Gottes Herrlichkeit auf ewig verborgen bleiben." Unter so bewandten Umständen ist es vollkommen naturgemäß, daß die Lehrer und Schriftgelehrten des Judenthums zu allen Zeiten und aller Orten zur philosophischen Forschung in ihrer Religion von dem Geiste der Religion selbst gedrängt wurden. Daher entwickelte sich schon so frühzeitig im Judenthume eine ausgedehnte religionsphilosophische Literatur, deren Lehren und Sentenzen wahrhaft erhaben und achtunggebietend sind. Doch die entschieden freie, voraussetzungslose philosophische Spekulation unseres modernen Rationalismus, die ist dem Geiste unserer heiligen Religion vollkommen zuwider und widerstrebend. Denn die rationalistische Philosophie, die, eine Ausgeburt des unvermögenden, kurzsichtigen, dem Jrrthume ausgesetzten Menschenverstandes, ohne den Stütz- und Anlehnungspunkt des Gottesglaubens, gewöhnlich in die zügelloseste, das Erhabenste, Heiligste und Unantastbarste schonungslos in den Bereich ihrer Alles zerstörenden Negationen ziehende Skepsis ausartet, verheert und l verwüstet und reißt entweder Alles nieder oder sie! baut Kartenhäuser auf dem Fundamente von Schaum und Seifenblasen. Wer in dieser unverständlichen , Welt, in dieser rätselhaften, widerspruchsvollen Natur i Gott sucht ohne dabei von der sichern Hand des! Glaubens geleitet zu werden, der gleitet entweder aus und stürzt in den gähnenden, bodenlosen Abgrund der absoluten Negation, oder er webt sich ein seiner momentanen Gemüthsstimmung und Fassung des Geistes entsprechendes Phantasiegebilde, daran klammert sich krampfhaft seine Seele mit tiefer Verehrung und Anbetung; aber er betet keinen Gott, sondern einen selbstgebildeten Götzen an; ein Phantom, ein Hirngespinnst, einen eitlen Mummenschranz. — Wer nach der letzten Ursache dieses Weltalls und dessen ordnendem Prmzipe einzig und allein mit der Sonde des Verstandes forscht, der ist den unsäglichsten Täuschungen und Verirrungen preisgegeben. Bald findet er in allen Erscheinungen und Bewegungen nur pure Naturnothwendigkeit, einen von unabänderlichen Naturgesetzen vorgezeichneten und determinirten consequenten Entwickelungsprozeß, Realismus, Materialismus und leugnet jeden höhern Einfluß, jede dynamische Gewalt; diS Tugend ist ihm ein leerer Wahn und jedes Geistesleben — eine Lüge. Bald erblickt er in Gott und Welt ein Produkt der subjektiven Idee des Menschen und in allem Sein nur Schein und Phantafiespiel, lauter Träume und Schäume, eine ewige Leere, ein absolutes Nichts, wo die Phantasie ihren Spuck treibt und die Imagination Wesen und Handlungen hineinzaubert, Idealismus, Nihilismus. Bald wiedrum findet er Gott innerhalb der Welt — Immanenz — bald außerhalb der Welt — Transzedenz — bald identifizirt mit der Natur — Pantheismus — und bald endlich schwindet ihm Gott aus allen Regionen der realen Existenz und schrumpft in dem Schmelztiegel seines willkürlich und abenteurlich formenden Geistes in einen blaffen Begriff, in einen mathematischen Punkt zusammen — So schafft dem freien Denker, dem selbstständigen Philosophen sein forschender Verstand, anstatt des großen, starken, allmächtigen und allgegenwärtigen Offenbarungsgottes, der, über Zeit und Raum erhaben, die ganze Welt umfaßt und dessen „Stuhl der Himmel und Fußschemel die Erde," einen begrenzten, beschränkten, nach gewissen Normen und Gesetzen gleich einer Marionette sich bewegenden Halb- und Aftergott. — Diese philosophische Richtung, die dem Judenthume ein Gräuel ist, im Auge habend, bemerkt der Thalmud besonders bezeichnend: niviV ''-irE 2212 nnx NM 12'SX Ml ''NX 2X1 '2' >2, Besser das ganze Leben hindurch ein Einfältiger, als auch nur eine Stunde ein Sünder zu sein!" Die jüdische Religion will daher vom Lichte jener