Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1863)
- Date
- 1863-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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348 all den großen Weissagungen unserer göttlichen Seher die Hauptstadt der Welt sein und der ewige Heerd der Eintracht und der Brüderlichkeit für das ganze Menschengeschlecht. Das isr. Gesetz allein hätte durch seine Einfachheit, durch seine reine und erhabene Sittlichkeit, durch seine Uebereinstimmung mit der menschlichen Vernunft und den edelsten Ahnungen des Geistes, durch die Genugthuung, die es gibt allen wahren materiellen und sittlichen Bedürfnissen des Menschen, vorzüglich aber durch seine Würdigkeit und seine geistige Freiheit — das isr. Gesetz allein, sagen wir, hätte das menschliche Geschlecht zu vereinen vermocht, indem es aus ihm gemacht hätte eine einzige Familie, „hinziehend", nach dem Prophetenwort „jeden Sabbat- und jeden Neumondstag, um anzubeten den Ewigen." Die Menschheit würde nicht nöthig haben, zu beweinen jene blutigen Verwüstungen, welche nicht aufgehört haben und nicht aufhören sie zu berauben, zu zerstören ihr Glück, ihre Sicherheit, die Früchte ihrer Arbeit, ihre Güter, ihre Hoffnungen, ihr ganzes Leben. Man würde nicht unaufhörlich nöthig haben, zu umwandeln Pflug und Sichel in Zerstörungsinstrumente, den gesegneten Boden des Arbeiters in ein Schlachtfeld, den jungen Hirten zu einem Henker seines Mitmenschen, und den Menschen, der da erschaffen ist im Ebenbilde Gottes in ein wildes Thier. Die im Heiligthume zu Jerusalem dargebrachten Opfer würden ersetzt und verhindert haben zu allen Zeiten die entsetzlichen Hekatomben gemordeter Menschen, von deren Blut die Erde und die Geschichte überfließen. Andere Religionen haben ebenfalls versucht Einigungsmrttelpunkte zu schaffen, um eine sichtbare Grundlage für ihre Lehren, einen Stützpunkt für ihre Dauer, ein Pfand für das Gedeihen und das Glück ihrer Anhänger herzustellen. Nom, Moskau, Mecka, Benarez, haben die Anmaßung gehabt Zion zu ersetzen, Zion, den einzigen und wahrhaften Ort, wo Gottes Majestät wohnt, ein Ort, bestimmt, daß von ihm ausftrahle alles Große und Herrliche. Ist es diesen Städten gelungen, ungeachtet der Unterstützung gewaltiger Heere, den Frieden und die Einigung herzüstellen, nicht etwa unter entfernten Völkern, sondern in der Mitte ihres eigenen Landes, oder sogar innerhalb der engen Grenze ihres Mittelpunktes? Ist nicht oft der Blitz des Krieges aus ihrem Busen hervorgegangen, um blühende Reiche zum Tode zu treffen? Wahrlich, jene wenigen Steine, die vom salomonischen Tempel noch übrig geblieben, sind uns einzig der Ausgangspunkt unserer Hoffnung für die Erleuchtung und Beglückung des Menschengeschlechtes. „Dieser Stein der westlichen Mauer bnn), verachtet von den Bauleuten, ist der Grundstein des dereinstigen Heilsgebäudes." — Nicht allein Israel, sondern die ganze Menschheit, welche eine höhere und geheimnißvolle Macht heut noch zwingt ihre Gesandten nach Jerusalem zu senden, um dort ihre Huldigung dazubringen, müßte feiern den schmerzlichen Jahrestag des neunten Ab und beweinen Zions Fall! Die andern Völkern der Erde haben durch dieses unglückliche Ereigniß tausendmal mehr verloren, als Israel, welches wenigstens gerettet und mit sich geführt hat die Gesetzestafeln, das am Sinai angezündete göttliche Feuer der Wahrheit, den siebenarmigen Leuchter des Verständnisses und der geistigen Erhebung und die Schaubrode zur Nahrung und das ewige Oel. Und wir Israeliten, wer wird beschreiben die Größe unseres Verlustes, wer ermessen die Ausdehnung des Unglückes, welches die Zerstörung des Tempels über unser Volk ausgegossen hat? Wie viel Qualen, wie viel Morde, wie viel Blut, wie viel unsägliche und entsetzliche Marter seit jenem schrecklichen Tage! Ach, was würde Israel geworden sein, ohne die Zerstörung Jerusalems, ohne unsere Zerstreuung und schreckliche Verfolgung auf allen Punkten der Erde — was würde Israel geworden sein, da man sieht, was es geblieben ist inmitten alles Elends und aller Unterdrückungen: Das intelligenteste Geschlecht der Erde und zugleich das edelste durch seine Tugend und seine sittliche Erhebung! Aber sprechen wir nicht von der Vergangenheit, öffnen wir nicht die blutigen Blätter unserer Leidensgeschichte seit achtzehn Jahrhunderten; werfen wir nur einen Blick auf die Gegenwart. Gibt es nicht auch da gewichtige Gründe, die uns veranlassen müssen, zu fasten und zu weinen und uns zu bedecken mit Sack und Asche am Tage des neunten Ab? Prüfen wir nur einen Augenblick aufrichtig unsere gegenwärtige religiöse und sociale, so hoch gepriesene Lage. Unsere religiöse Lage ist sehr prekär, unser Cultus ist arm im Vergleich mit andern Culten; durch seine Dürftigkeit ist unser Cultus oft ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung der uns umgebenden Bevölkerung; das Vorurtheil und der Fanatismus sehen oft in seiner Armuth ein sicheres Zeichen, daß Gott ihn verworfen habe. Ach, was ist doch aus dem Heiligthume geworden, von dem alle Völker sprechen sollten: „Wohlan, lasset uns Hinansteigen zum Berge des Ewigen, zur Wohnung des Gottes Jakobs, damit wir lernen seine Wege und wandeln in seinen Pfaden! Und dann, können wir sein wahrhafte Israeliten in der Zerstreuung inmitten der Völker? Wir können nicht allein eine Menge erhabener Gebote nicht beobachten, die sich an den Boden des heiligen Landes knüpfen, wir können auch manche andere nicht ohne große Schwierigkeiten erfüllen. Bei jedem Schritte unseres religiösen Lebens stoßen wir auf Hindernisse des socialen Lebens, dessen Sitten,