Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1863)
- Date
- 1863-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2S7 giüsen Elementen noch in der Gemeinde war, hat sich von der Synagoge zurückgezogen; wie wird nun der Jom Kippur in derselben gefeiert? Ehe der „Zwischen-Klippen-Abend" beginnt, sollte '121 'v ,->2'V'2 gesagt werden; aber es sind ja meistens nur Abarjanim (Gesktzeeübertreter) vorhanden! Consequenterweise sollte man auch diese Formel ändern und es aussprcchen, daß es den vielen Aufgeklärten (Abarjanim) gestattet sei, mit den wenigen Dunkelmännern (Gesltzestreuen), die sich dorthin verirrt haben, zu beten; doch man hat lieber das Ganze weggelaffen. Weglaffen, Abschaffen, Nichtbeten — das ist ja überhaupt die Leidenschaft der sogenannten Aufklärerei! Wenn man am Kol Nidre-Abend in eine Synagoge von altem Schrot und Korn tritt, so fühlt sich sofort auch das erstarrteste und verstockteste Gemüth gehoben und ergriffen. Die tiefe Andacht, welche auf der gesammten Gemeinde lagert, die feierliche Stille, welche herrscht, wird endlich durch das Talithgebet des Rabbiners und der Vorsänger unterbrochen; dann tritt der Rabbiner vor; ihm zur Seite stehen zwei ehrwürdige Greise und mit zitternder, ergreifender Stimme gedenkt der Rabbiner der Gesetzesübertreter. Alles weint und schaut fragend mit Besorgniß in die eigene Brust; dann beginnt der Vorsänger leise, leise das Kol Nidre mit dem alten, wohlbekannten Nigun (Melodie), der mit 1000 Fäden in unser Herz hineingreift; immer lauter erschallt der Gesang des Vorbeters, immer gehobener wird die Stimmung, bis daß die Gemeinde jubelnd in das „Wenißlach" (und es ist verziehen) einstimmt und mit lOOOstimmigem Amen das Schehechejonu bekräftigt. Wenn dann der wahrhaft gottesfürchtige Rabbiner zu seiner Gemeinde spricht, so muß die Wirkung die größte, nachhaltigste sein. Bester noch solche Gemeinden, in denen das Bedürfniß, am Jom Kippur zur Andacht erst geweckt werden zu müssen, gar nicht vorhanden ist, in denen das andachtsvolle Herz der Beter die Stimme durchzittert und das Auge in Thränen zerstießen läßt. In der Reformsynagoge hingegen hat der „Zwischen-Klippen-Choral" mit obligater Orgelbegleitung den Jom Kippur eingeleitet. Die Andächtigen hören, schweigen und — gähnen oder schwatzen. Was ist ihnen noch der Jom Kippur? eine alte Form, eine alte Gewohnheit, keine religiöse Macht. Sie haben die Andacht nicht milgebracht; diese soll erst erweckt werden durch Orgelklang und Weibersang; das Leichengewand ist — verboten, die Stiefel dürfen nicht ausgezogen werden; Pfui!, wer wollte auch Wohl so unanständig sein und im Gotteshause ohne Lederfußbekleidung erscheinen! Der Choral hat aber die andächtige Stimmung noch nicht erwecken können; doch jetzt, aufgepaßt! der Prediger, vielleicht mit dem prunkenden Titel Oberrabbiner, besteigt die Kanzel. Wer ist der Mann?*) O, man kennt ihn, und damit ist Alles gesagt; er hat den Andächtigen schon lOOOfach Anlaß gegeben zu beobachten, wie er die Gesetze Gottes verletzt. Eben erzählt ein reicher Banquier seinen Nachbarn eine ergötzliche Geschichte; der reiche Mann hat vor wenigen Tagen seinen Geburtstag durch ein Diner gefeiert; es war zwar Alles terepha, Krebssuppe und Hasenbraten und saure Aale u. s. w., er hat aber doch den Rabbinen eingeladen, denn er ist tolerant, der Herr Banquier, selbst gegen die Pfaffen; er hat auch extra für den Herrn Oberrabbiner einen Pudding bereiten lasten, damit er doch nicht bloß zuzusehen und nur zu — trinken braucht (natürlich Jajin Ncßcch). „Was meinen Sie, meine Herren, fährt der Herr Banquier zu erzählen fort, geht der Thor hin und nimmt sich Austernsauce dazu!" Die Geschichte ist zu pikant, als daß sie nicht herzhaft belacht werden Müßte; die Herren sind davon so eingenommen, daß sie nicht beachtet haben, wie unterdeß Orgel und Sänger schweigen und der würdige Geistliche bereits seinen Sermon begonnen hat. Sie werden zur Ruhe verwiesen. Der Geistliche betet; er scheint sehr ergriffen; er spricht von der Heiligkeit und hohen Bedeutung des Tages; er freut sich, daß die Versammlung so zahlreich; er gedenkt mit Wehmuth, wie die schönen Räume des Prachttempels das ganze Jahr hindurch so leer stehen! Er wird heftig und wirft den Andächtigen ihre Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen vor. Einzelne Zuhörer sind schon piquirt; „und Du?" murmelt hie und da Einer zwischen den Zähnen. Der Geistliche redet sich immer mehr in den Zorn hinein. „Ja, ruft er, das Theater, das könnt ihr besuchen, aber das Gotteshaus bleibt euch fremd!" „„Sehr natürlich, sagt da einer der Andächtigen halblaut zu seinen Nachbarn, im Theater sehen und hören wir gar viele Schauspieler, hier — nur einen."" „Superb, köstlich," flüstern die Nachbarn, der Witz ist zu gut, als daß er nicht weiter erzählt werden müßte, ein Kichern geht durch die Reihen, der Geistliche merkl's, stutzt und wird immer zorniger. Unterdeß strömt die Menge zum Tempel hinaus, es ist zu heiß, wer kann das aushalten und namentlich, wenn man fastet! Am Morgen des Versöhnungstages beginnt der Gottesdienst in den orthodoxen Synagogen um 5, 5H, spätestens 6 Uhr; der Reformtempel öffnet sich erst um 8 und bleibt leer bis 9 oder 10 Uhr; dann strömen die feingeputzten Herren und Damen herbei; *) Wir bemerken hier ausdrücklich, daß wir keine bestimmte Person im A*g« habe», daß wir die einzelnen Farben unseres Bildes bald hier, bald vvrt entlehnten.