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Der Israelit · 1863-06-24 · Heft 25 (24.6.1863) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 25 (24.6.1863)
Date
1863-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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296 zehn Bußtage, die mit dem zehnten, dem größten, dem Versöhnungstage enden. Und nun dieser Tag selbst, dieser Tag der Versöhnung der Israeliten untereinander und mit ihrem Gotte; dieser Tag, an welchem Israels Söhne den Engeln gleichen, schon hienieden verklärt ins Sterbegewand sich hüllen und fern von irdischer Lust und irdischem Bedürfen in ununterbrochenem Gebete sich eins fühlen mit ihrem Gotte, der voll Huld und Erbarmen die reuigen Kinder aufnimmt in seinen Vaterarmen! Diese dem Versöhnungstage Lnwohnende Größe, Kraft und Heiligkeit hat es denn auch zu Wege gebracht, daß ihm wenigstens theilweise selbst in dieser Zeit des Abfalls von jüdischem Gesetze und jüdischer Sitte, seine alte Herrlichkeit verblieben, daß an ihm selbst die Gotteshäuser überfüllt sind, die das ganze Jahr hindurch leer gestanden haben, daß an ihm sich Leute noch die schwere Kasteiung des Fastens auflegen, denen längst das Bewußtsein von Sabbath, Peßach, Suckoth rc. und deren Pflichten entschwunden, die den Bauch füllen mit Speisen von gefallenen, kranken und unreinen Thieren, von Blut und Unschlitt, die selbst Ehe- und Reinheits-Gesetze nicht mehr kennen; dem Judenthume ist allerdings der Jom Kippur von großer Bedeutung; bei vielen Zeitgenossen ist aber der Jom Kippur und Nichts als er das Judenthum, das ganze Judenthum geworden — und so groß ist noch heute seine Macht, daß z. B. in Paris nicht allein die jüdischen Ballet-Tänzerinnen, sondern auch die höchsten (jüdischen) Würdenträger in der Synagoge erscheinen. Wenn nun auch die Weihe des Jom Kippur eine wunderbar große ist, so ist es doch natürlich, daß während eines Zeitraumes von mehr als 24 Stunden diese Weihe in gewissen Momenten noch gesteigert wird; solche Momente der höchsten Weihe sind der Beginn und der Schluß der Feier, Kol Nidre und Nei'lah. Wie bei Nei'lah sich die abnehmende Kraft noch einmal emporrafft, um die Fackel der Andacht Heller leuchten zu lassen denn zuvor, so ist bei Kol Nidre die Kraft noch frisch, der Eindruck des heiligen Tages noch neu, und doch schon genug vorbereitet, um als der ergreifendste und beseligendste Moment erscheinen zu können. Was ist nun Kol Nidre? Etwa ein rührendes, herzerhebendes Gebet? nein, das ist es nicht. Wohl ein kernhafter und doch salbungsreicher Spruch vom Sänger der Psalmen oder aus den Feuerreden des Jesaias? — Auch das nicht; was aber ist es denn? Eine Formel in halb aramäischer, halb hebräischer Sprache, in der wir aussprechen, daß alle Gelübde, Schwüre rc., die wir von diesem Jom Kippur bis zum nächsten geloben werden, null und nichtig sein sollen. „Wie, das ist es!" hören wir erstaunt die Herren Reformer und Halbreformer rufen, „das, und weiter nichts? Lächerlich, auf Ehre, lächerlich!" „Nicht doch," ergreift ein Ladendiener das Wort, „es ist mehr als lächerlich, es ist thöricht, parols ä'üounsur, es ist thöricht" „Widersinnig, müssen Sie sagen, widersinnig," schreit diesen ein Student der Medizin an, „es benimmt dem Bersöhnungstage sein prssNiS«!" — „Meine Herren," spricht da gewichtig ein junger Oootor ^uri8, „Sie fassen die Sache noch immer nicht vom richtigen Standpunkte auf. Dieses Kol Nidre ist nicht allein lächerlich, thöricht, widersinnig, es ist mehr als das, es ist schmachvoll! Denken Sie, einen Ablaß auf ein ganzes Jahr im Voraus! dürfen wir das in unserer Religion dulden? Eine Schande ist es in unfern eigenen Augen, eine Schande vor unfern nichtjüdischen Mitbürgern! Nein, das dürfen wir nicht dulden! wem seine Religion werth ist, der muß für die Abschaffung solcher Mißbräuche einstehen! Wohlan, meine Herren, sorgen wir für die Abschaffung des Kol Nidre! Bereits in vielen Synagogen Deutschlands ist dieses Kol Nidre abgeschafft und dafür ein erhebendes, ergreifendes deutsches Lied eingeführt, das den Hörer auf die Feier m würdiger Weise aufmerksam macht. Folgen wir diesem Beispiele und läutern wir unfern Gottesdienst wie es der geistigen und sittlichen Höhe eines fortgeschrittenen Jahrhunderts geziemt!" Ein Beifallssturm folgt diesen feurigen Worten; Alles ist entrüstet darüber, daß man so lange das Kol Nidre hat sagen können; mit Steinwürfen und Hohngelächter verfolgt, zieht das arme Kol Nidre zum Thore hinaus. Am nächsten Bersöhnungstage wird ein deutscher Choral gesungen, der mit den schönen Worten beginnt: „Zwischen Klippen und Gefahren „Zieht der Weg sich eng und schmal" — Alles ist entzückt und freut sich seiner hohen Bildung und Intelligenz. Viele aber, junge und alte Israeliten, schütteln mißbilligend das Haupt; es ist ihnen unmöglich zu begreifen, daß nur auch ein Theilchen unseres Gottesdienstes „lächerlich, thöricht, widersinnig oder gar schmachvoll" gewesen; sie können sich auch nicht gewöhnen zu fragen: Wann geht man heute Abend zu „Zwischen Klippen" in die Synagoge — all die heiligen Erinnerungen aus der Kindheit, welche sich unmittelbar mit dem „Kol-Nidre- Abend" verknüpfen, können unmöglich mit der „Zwischen-Klippen-Nacht" in Verbindung gebracht werden — es ist ihnen mit dem Fallen des Kol Nidre der Jom Kippur kein Jom Kippur mehr; sie ziehen sich in ein bescheidenes Stübchen zurück und feiern dort Jom Kippur in hergebrachter Weise, mit alter Andacht und in alter Erhebung! — Die Trennung ist geschehen! Was an echtreli-

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