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Der Israelit · 1863-06-17 · Heft 24 (17.6.1863) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 24 (17.6.1863)
Date
1863-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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292 einer Zeit auszusprechen, in welcher unglücklicher Weise so viele Israeliten das Gotteshaus verlassen und alle besonderen Gesetze des Judenthums übertreten, statt dessen ein wenig Geld für mildthätige Zwecke geben, indem sie sagen, daß Gott keine andere Verehrung und keine andere Anbetung verlange? Die Wohlthätigkeit ist nur ein Gebot unserer heilige» Religion, welche deren 613 hat; die Geldopfer find für reiche Leute nicht schwer; das Judenthum verlangt aber Herz und Seele und religiöse Pflichterfüllung zu jeder Zeit. Das Judenthum darf nicht nur durch ein Hospital oder einen Begräbnißplatz dargestellt werden. — " Zu der Nachricht von Riesser's Tode bemerkt dieselbe vortreffliche Zeitschrift Folgendes : „Ach, wir haben unter uns viele hervorragende Männer, welche mit Energie und Heldenmuth für die religiöse Freiheit kämpfen, von der sie selbst keinen Gebrauch machen/ Sie kämpfen mächtig, um die freie und öffentliche Ausübung der Religion zu erlangen, die sie dann wiederum öffentlich verletzen und mit Füßen treten! Man könnte wohl sagen, daß Freiheit des Cultus ihnen bedeute die Freiheit, keinen Cultus, keinen Gott zu haben, an Nichts zu glauben und Nichts zu verehren — und die Freiheit des Gewissens, kein Gewissen zu haben, in welchem Gott und seine Wahrheit thronen!" — Rußland. Aus IkuHland. Folgende wunderbare Geschichte, welche die Berliner Gerichtszeitung mittheilt, wollen wir, wiewohl sie uns sehr unwahrscheinlich erscheint, unfern Lesern nicht vorenthalten: „Man erzählte, daß der gegenwärtige Kaiser von Rußland folgende seltsame Begegnung gehabt hat. Als er im vorigen Jahr das Innere seines Reiches besuchte, kam er in ein kleines Städtchen, wo die fast einzigen Bewohner Juden, ihn mit aller schuldigen Ehrfurcht empfingen. Ein Greis, dessen weißer Bart fast an den Gürtel reichte, und dessen Brust ein militärisches Ehrenzeigen schmückte, fiel Alexander II. auf. „Wer ist der Mann?" fragte er, und erfuhr, daß derselbe Oelblatt heiße, vor vielen Jahren Soldat gewesen sei und unter seinen Glaubensgenossen im Geruch der Heiligkeit stehe. Ec verschmähe, hieß es, jede animalische Kost und nähre sich seit 50 Jahre» von nichts als Brod, Zwiebeln und etwas Thee. Der Kaiser ließ ihn herbeirufen und fragte ihn, wo er das Ehrenzeichen erworben. Oelblatt erzählte, daß er unter Suwarofs den Feldzug in Italien mitgemacht und in vielen Schlachten gegen die Franzosen gekämpft, auch seinem Obersten einst das Leben gerettet habe. „Bist du je verwundet worden?" fragte der Czar. „Der böse Feind hat über mich keine Macht," sagte der alte Mann, „ich stand unzählige Male im dichtesten Kugelregen und kein Haar ward mir verletzt." Der Kaiser lächelte, „Man sagt mir. Du sähest auch in die Zukunft. Werde ich lange regieren, werde ich glücklich sein?" „Du wirst nicht so lange regiere» wie Dein Vater," entgegnete der Greis, „wirst aber glücklicher sterben als er. — Dein Vater war glücklich im Leben, aber der erste Schlag des Mißgeschicks brach ihm das Herz. Du wirst im Leben viel Mißgeschick haben, doch Dein Ende wird nicht unglücklich sein." Der Kaiser ward ernst. „Sprich deutlicher," sagte er. „Ehe ein Jahr vergeht," fuhr der Seher fort, „wird Dein Reich einem Flammenmeere gleichen. Vergebens wirst Du Dich anstrengen, dasselbe zu löschen. Drei Könige werden Dich bekämpfen, das wird Dir nicht schaden. Doch daß Deine eigenen Völker Dich bekriegen, wird Dir viel Kummer bereiten." „Sprichst Du die Wahrheit" fragte der Kaiser, nachdem er längere Zeit sinnend dagestanden, so gib mir ein Zeichen dafür." — „Der Mensch soll Gott nicht versuchen, sagte der Greis, doch damit Du wissest, daß ich wahr gesprochen, so erfahre: In einer Stunde wird ein Bote Dich ereilen und Dir die Mittheilung machen, daß auf einen Deiner eifrigsten Diener ein Mordversuch gemacht sei und daß dieser glücklich abgewendet wurde. Glaube dem nicht, der Mordversuch fand nicht statt, er ward ersonnen, um Dich gegen Deine Unterthanen zu erbittern." Der Czar entließ den Greis. Es war 1t Uhr Mittags- Um 12 Uhr traf ein Bote ein, der die Mittheilung brachte, daß auf Wielopolskis Leben ein Mordversuch gemacht sei. „Wo ist die Wahrheit! rief der Kaiser. „Man rufe mir jenen jüdischen Greis wieder her." Aber man hatte gut rufen — derselbe war in der verflossenen Stunde plötzlich vom Schlage getroffen worden, und der Bote fand eine Leiche..

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