Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1863)
- Date
- 1863-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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260 iu Schmähung umwandelt, daß man es als Ausnahme, als etwas Abnormes und Ungewöhnliches darstellt. So enthält Nr. 9 des ebenfalls ungemein vielgelesenen, zu Leipzig erscheinenden illuftrirten Familien-Journals eine Erzählung von der Hartherzigkeit eines Hausherrn, der eine arme Wittwe mit zwei kleinen Kindern exmittiren läßt, weil sie die Miethe nicht bezahlen kann. Ein alter jüdischer Herr hat der Scene beigewohnt, zahlt den restirenden Miethzins und weist der armen, weinenden Frau eine andere Wohnung an. Bis so weit ist alles gut; dann aber fügt die Redaction hinzu: „das that ein Jude!" und läßt dadurch diese rührende Geschichte als eine Abnormität erscheinen; mit andern Worten, die Redaction sagt: „Seht, welch ein Wunder, ein Jude war barmherzig; ihr Christen, die ihr doch viel bessere Menschen seid, nehmt euch ein Exempel da ran!" und doch ist es allbekannt, daß sich der jüdische Stamm allübe r all durch seine Barmherzigkeit, durch thatsächlich sich bewährendes Mitleid anszeichnet! Wir hoffen, daß die betreffenden Redaktionen auf das Unrecht, welches sie uns vielleicht unbewußt thun, nur aufmerksam gemacht zu werden brauchen, um derlei künftig zu vermeiden. ZNainz, den 20. Mai. Das von uns in Nr. 19 d. Bl. angeregte Lotterieunlernehmen zu Gunsten des Baues von Armen- und Pilgerwohnungen zu Jerusalem erfreut sich allseitigen Beifalls; bereits sind uns für den Fall des Zustandekommens mehrere Geschenke als Gewinne angemeldet worden, unter denen wir eins von größerem Werthe namhaft machen: 50 Flaschen Asmannshäuser ->r72-Wein im Belange von 100 Thalern. — Darmstndt, den 21. Mai. Die hiesigen gesetzestreuen Israeliten habeil bereits seit der Einführung der Orgel und der übrigen Reformen in der hiesigen Synagoge einen separaten Gottesdienst eingerichtet. Dieselben haben nunmehr ein eigenes Haus acquirirt, um daraus eine Synagoge zu erbauen; auch sind sie bei der Grh. Regierung um die Ermächtigung zu vollständiger Lostrennung von der bisherigen Gemeinde eingekommen.! Oefterreichischer Kaiser st aat.! Ung. Brod. Herr Rabbiner Herrmann Roth von hier hat folgendes Rundschreiben an die israel. Vorstände Mährens ergehen lassen: Ehrsamer Vorstand! In Folge des Erlaßes der hohen k. k. Stadthalterei, dtto. Brünn, den 23. April 1863, Z. 7670, werden die isr. Gemeinden Mährens aufgefordert werden, ihr Gutachten darüber abzugeben, auf welche Weise in der Zukunft die Einkünfte des m. j. Landes-Masse-Fonds zu Kultus- und Unterrichtszwecken der Gesammtheit der mähr. Judenschaft verwendet werden sollen. Unterfertigter, seit Jahren leidend, kann auf Ehren und Würden keinen Anspruch machen; es ist also blos das Jutereffe für Wahrheit und Religion, welches ihn bewegt, seinen Brüdern Folgendes zur Beherzigung vorzulegen. 1. Es handelt sich vorerst um Cultus-Angelegenheiten. Die Spitze des Cultus bildet ohne Zweifel das Rabbinat. Welche Anstalten hat aber Mähren, um Rabbiner zu bildeil? Keine einzige! Die alten Nabbinatsschülen sind leider ein gegangen, und keine neuen sind entstanden. Und doch soll jede Gemeinde einen würdigen Rabbiner haben! — Ein Seminar würde i euerdings als Zankapfel den Parteien dienen, abgesehen davon, daß die Einkünfte des Fondes hierzu kaum hinreichend wären, und daß allenfalls noch zu fragen wäre, warum Mähren allein im ganzen österreichischen Staate die Kosten tragen soll. Meine Meinung ist daher: Man wähle (wie dies zur Zeit der Geonim Sitte war in Israel) und honorire aus den Revenuen des Fondes etwa in der Person des Herrn Landesrabbiners einen Nosch Jeschibah, der am Sitze eines Obergymnasiums eine Rabbinatsschule zu creiren hätte, die dann der Staat hoffentlich als öffentliche anerkennen würde. 2. Es handelt sich ferner um Unterrichts- Angelegenheiten. Die Spitze des Unterrichts bildet unstreitig der Lehrer. Wo und auf welche Art soll aber der jüdische Lehrer die Kenntniß der hebräischen Sprache und Literatur und allenfalls auch etwas talmudisches Wissen sich eigen machen? Was können wir aber von unfern Schulen erwarten, wenn die Lehrer nichts Gerlügendes zu leisten im Stande sind? Und welche Garantie hat die Gemeinde, daß der Lehrer das, was er verspricht, auch leisten kann?